23.03.2010 · Klavierabend mit Arcadi Volodos in der Alten Oper
Arcadi Volodos ist ein dionysischer Musiker. Er sucht die Extreme, den saitenberstenden Fortissimo-Rausch wie das ätherische Pianissimo, rasende Tempi oder solche an der Grenze zum Fast-Stillstand. Mezzopiano, Moderato und apollinische Mäßigung sind seine Sache nicht. Schellings und Nietzsches Typologie drängte sich jedenfalls mit seinem Auftritt in der Alten Oper auf. Nach Maurizio Pollini und Grigory Sokolov trat der 1972 geborene Petersburger dort in die Reihe der "Großen Interpreten" der Frankfurter Konzertdirektion "Pro Arte". Dass die im Abonnement und freien Verkauf Schwierigkeiten bereitet, zeigte sich: Der Große Saal füllte sich für den dritten Klavierabend in Folge kaum zur Hälfte. In der kommenden Saison soll die Serie von acht auf sechs Abende verkürzt werden. Neu richtet der Veranstalter dafür am selben Ort, aber zu anderer Zeit die Reihe "Sonntags um fünf" ein.
Zugegebenermaßen ist Volodos dem Namen nach ein noch nicht ganz so "Großer Interpret" wie die beiden Vorgänger der Serie. Sein Programm bot zudem in der im Monatsprogramm angekündigten wie in der mit Vorausmitteilung geänderten Fassung nicht nur Populäres. Ausgebildet auch in Madrid, wandte der Moskauer Konservatoriumsschüler den Blick so zunächst nach Spanien auf Isaac Albéniz. In "Cordoba" fand er als Mann der Antithese, der er an diesem Abend war, ausnahmsweise eine Synthese: Ein choralartiges Thema und Flamencohaftes brachte er in dem Klavierstück op. 232 Nr. 4 reizvoll zur Verschmelzung - quasi katholisch, allumfassend. Mit brütender Hitze und brütenden Gedanken erfüllte er in der Fantasie "La Vega" von Albéniz weite Räume: ein Blick wie über eine karge Gebirgslandschaft in impressionistischem Licht- und Farbenspiel.
Mit Bauch und Fingern denkend, steht Volodos der Romantik sicher näher als dem Barock oder der Wiener Klassik. Insofern tauchte er mit Liszts "Fantasia quasi Sonata/Après une lecture de Dante" ganz in seine Welt ab: infernalisch tosend in den Doppeloktavgängen, mit extremem Rubato, durchaus vorschriftsgemäß "dolcissimo" und puttenhaft in den Engelssphären. Sehr russisch muteten seine Schumann-Deutungen an: Schwere und Schwermut der Bassoktaven und - ganz klischeehaft - zerdehnte Tempi als melancholisches Leiden an der Zeit.
Ein Hang zum Depressiven machte sich breit, ein Hin und Her zwischen Sauf- und Katerstimmung, dabei eigenartig bilderlos. Humoreskes fand sich in der weit schweifenden Humoreske B-Dur op. 20 so wenig wie im "Faschingsschwank aus Wien" op. 26. Sechs Zugaben entsprangen wohl dem Geist des Weingotts: Schumann, Albéniz, Vivaldi/Bach, Albéniz, Tschaikowsky/Volodos und Federico Mompou im Reigen. GUIDO HOLZE