12.03.2010 · Exleiterin der Helene-Lange-Schule wehrt sich
htr. WIESBADEN. "Nichts wurde unter den Teppich gekehrt. Alle haben alles gewusst." Mit diesen Worten hat Enja Riegel, die langjährige Leiterin der reformpädagogischen Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, sich gestern gegen Vorwürfe gewehrt, die im Zusammenhang mit einem Missbrauchsfall aus dem Jahr 1989 laut geworden sind. Sie soll nach der Aufklärung nicht hart genug gegen den Täter vorgegangen sein.
Riegel leitete die Schule von 1984 bis zu ihrer Pensionierung 2003 und prägte die Umwandlung des Gymnasiums in eine integrierte Gesamtschule, die mit nationalen und internationalen Auszeichnungen bedacht wurde. Mit ihrer Arbeit erwarb sie sich über die Grenzen der Region hinaus den Ruf einer mutigen Reformpädagogin. Als solche hat sie nun der Wochenzeitung "Die Zeit" ein Interview zu dem Phänomen des massenhaften Missbrauchs gegeben und bei dieser Gelegenheit über den Fall eines inzwischen gestorbenen Wiesbadener Kunstpädagogen gesprochen. Er hatte sich vor gut zwanzig Jahren an vier Jungen der Helene-Lange-Schule vergriffen.
"Da habe ich ihn mit augenblicklicher Wirkung vom Schuldienst suspendiert", berichtete die frühere Schulleiterin. Noch am Nachmittag habe eine Gesamtkonferenz stattgefunden. Für den Abend habe sie eine Elternversammlung einberufen, "tags darauf bin ich zum Schulamt gegangen". Die Eltern hätten von einer Strafanzeige absehen wollen, um ihre Kinder nicht vor Gericht sehen zu müssen. Dem Lehrer sei eine Therapie auferlegt worden. Außerdem sei er auf eine Stelle versetzt worden, bei der er nur noch mit Erwachsenen zu tun gehabt habe.
Viele Jahre später habe die Schule den Kunstpädagogen offiziell verabschiedet und ihm damit verziehen. "Er hatte lange schwer an seiner Schuld getragen. Es wusste ja jeder, was er getan hatte. Es musste auch für ihn einmal ein Ende geben", sagte Riegel. Heute wisse man mehr. "Heute würde ich mich an die Staatanwaltschaft wenden."
Anke Wosu, die Mutter einer Klassenkameradin der vier Jungen, hat sich gestern ans Staatliche Schulamt gewandt. Ihre Tochter war von den Jungen ins Vertrauen gezogen worden und hatte den Missbrauch zur Sprache gebracht. Im Gespräch mit dieser Zeitung warf sie Riegel vor, "gelogen" zu haben. Sie berichtete, dass der Kunstpädagoge zwar zunächst von der Bildfläche verschwunden sei, aber schon im nächsten Schuljahr bei den Proben einer Theatergruppe Fotos gemacht habe. Riegel sagte dieser Zeitung, dass er zwar noch eine Zeitlang bei seltenen Anlässen in der Schule fotografiert habe, das habe aber aufgehört, als die Eltern der vier von ihm missbrauchten Kinder sich darüber beklagt hätten.
Die frühere Schulleiterin bestätigte auch, dass sie Fotos von ihm in dem 1997 erschienenen Buch "Das andere Lernen - Entwurf und Wirklichkeit" verwandt habe. Mitautor war Gerold Becker, der frühere Schulleiter der Odenwaldschule in Heppenheim. Gegen diesen seien erst zwei Jahre später die schweren Missbrauchsvorwürfe erhoben worden, die seit der vergangenen Woche abermals Schlagzeilen machen. Becker habe ihr gegenüber nicht darüber sprechen wollen, sagte Riegel. Bei einem weiteren Buch zog sie ihn nach eigenem Bekunden dennoch abermals zu Rate. Sie habe sein Fachwissen geschätzt.
Ulrich Kirchen, der stellvertretende Leiter des Staatlichen Schulamts, kündigte gestern an, dass die Behörde Riegel zu einer Stellungnahme auffordern werde. Die Helene-Lange-Schule ist eine Versuchsschule des Landes Hessen.