14.10.2009 · Ende der Weinlese auf dem Hofgut Hörstein
ASCHAFFENBURG/ALZENAU. Es rumpelt im Schloss Johannisburg. Doch kein Gespenst treibt in dem weitläufigen Renaissancebau sein Unwesen, sondern wie jedes Jahr im Herbst spielt sich im Innenhof der Anlage ein besonderes Schauspiel ab. Hänger mit Tonnen voller reifer Weintrauben stehen im Hof, um in dem Wahrzeichen Aschaffenburgs gekeltert und in acht Metern Tiefe im Gewölbekeller unter dem Schloss in Edelstahltanks oder wuchtigen Eichenfässern ausgebaut zu werden.
Die vier Meter dicken Mauern garantieren eine konstante Temperatur von 12 bis 14 Grad. Das macht das Schloss attraktiv für die Winzer. Seit 1976 nutzt das Hofgut Hörstein Räume im Erdgeschoss des Seitenflügels und den Keller, in dem die Aschaffenburger während des Kriegs Schutz vor den Bombenangriffen gesucht hatten. Gestern wurden 20 Tonnen der Sorte Domina geliefert, die wie der Spätburgunder mehrere Tage auf der Maische vergoren werden, bevor die Trauben in die Presse kommen. Ein Jahr lang darf der Rebensaft dann in Stahltanks und später in Eichenfässern reifen. Heute werden ein letztes Mal Weißburgunder und Riesling an den Hängen unterhalb des Hahnenkamms gelesen und anschließend von dem Stadtteil Alzenaus ins 15 Kilometer entfernte Aschaffenburg gebracht. "Heute Abend (gemeint ist Donnerstag) ist Schluss", sagt Udo Karg, der 1974 als Gutsverwalter zum Hofgut Hörstein kam, das inzwischen Petra Hein in dritter Generation führt.
Anfang der sechziger Jahre hatte sich der Aschaffenburger Bauunternehmer Adam Dreßler mit dem Weinberg einen Traum erfüllt. Er pflanzte die alten, knorrigen Reben der Sorte Ortega, die einen sehr bekömmlichen Wein bringen. Einen halben Hektar betrug die Anbaufläche vor 45 Jahren. Unter der Leitung des Weinbautechnikers Karg und der Weinbauingenieurin Hein wurde aus dem kleinen Weinberg ein Gut mit mehr als zehn Hektar. Mittlerweile dominiert hier der Spätburgunder mit 2,8 Hektar Rebfläche. Jeweils 1,5 Hektar sind dem Silvaner und der Domina vorbehalten. Auf den weiteren Plätzen folgen die Sorten Müller-Thurgau, Ortega und mit etwas Abstand der Riesling. Karg zufolge ergibt ein Hektar Rebfläche rund 6000 Liter Wein. Das ist weniger als früher. Bewusst habe man die Erträge reduziert, um die Qualität der Weine zu steigern, sagt der Gutsverwalter.
Die Weine aus Hörstein, aber auch aus den beiden anderen Alzenauer Weindörfern Michelbach und Wasserlos unterscheiden sich nach seinen Worten erheblich von den übrigen mainfränkischen Weinen. Der in Alzenau angebaute Wein gilt als herzhaft geprägter Wein mit einer besonderen Fruchtnote.
Während das Hofgut Hörstein noch recht jung ist, hat der Weinanbau in Alzenau eine lange Tradition. Die Mönche der Benediktinerabtei in Seligenstadt sollen bereits vor mehr als tausend Jahren die guten klimatischen Bedingungen in Hörstein erkannt haben. Karg ist überzeugt, einen hervorragenden Jahrgang vor sich zu haben. Die Reifemessungen zeigen es: Die Weine des Hofguts Hörstein erreichen laut Karg bis zu 110 Grad Oechsle. AGNES SCHÖNBERGER