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Jazz mit rechts: Ein kurzes Wimpernzucken genügt

14.02.2010 ·  Dennoch alles andere als bloße Routine: Das Pablo-Held-Trio beeindruckt in Darmstadt

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Auf den Musikern, die im Darmstädter Gewölbekeller auftreten, lasten buchstäblich 100 Jahre Jazzgeschichte. Denn in den oberen Etagen des barocken Jagdschlosses mit dem schönen Namen Bessunger Kavaliershaus ist das Jazzinstitut zu Hause, das größte Archiv Deutschlands, das wichtigste Forschungsinstitut für diese Musik mit der weltweit umfangreichsten Computerbibliographie in Sachen Jazz. Wer etwas zum Jazz wissen will, kommt an dieser Forschungsstätte nicht vorbei. Wer aber nicht nur etwas wissen, sondern auch etwas hören will vom aktuellen Jazz, der kann sich eine Etage tiefer begeben und die Theorie an der Praxis messen. Jazz-Talk nennen sich die Konzerte des Instituts, das schon mehr als 70 solcher Veranstaltungen organisierte und jetzt das Pablo-Held-Trio zu Gast hatte.

Pablo Held ist einer jener jungen Jazzmusiker, die so souverän ihre Kunst betreiben, dass man nur ein Loblied auf die Ausbildung zum Jazzmusiker heute anstimmen kann. In dieser Hinsicht war eben früher nichts besser. Jazzmusiker mussten sich lange ihr Handwerkszeug zusammenbasteln, mit gespitzten Ohren Platten abhören, wenn es hochkam bei Jamsessions mit amerikanischen Musikern ein paar Tipps bekommen und ein paar Instrumentaltricks abschauen. Heute kann jeder im In- und Ausland an Hochschulen Jazz studieren, fundiertes Übungsmaterial verwenden, seine Karriere professionell planen, Diplome erwerben.

Auch Pablo Held hat von dieser Situation profitiert, dreimal den Wettbewerb "Jugend jazzt" gewonnen, zum ersten Mal im Alter von zwölf Jahren, ist von renommierten Künstlern wie John Taylor oder Vladislav Sendecki unterrichtet worden und studiert derzeit noch bei Hubert Nuss an der Musikhochschule in Köln. Aber dass er durch die 100 Jahre Jazzgeschichte, die über ihm im Darmstädter Jazzkeller schweben, belastet wäre, kann man bei seinem Auftritt nun wirklich nicht sagen. Wer es nicht besser wüsste, würde von diesem Trio mit Held am Flügel, Robert Landfermann am Bass und Jonas Burgwinkel am Schlagzeug behaupten, es sei eine mit allen Wassern der Jazzpraxis gewaschene Combo, deren Mitglieder nur mit der Wimper zucken müssen, um sich den Mitspielern musikalisch verständlich zu machen. Das bedeutet freilich nicht, was man zu hören bekommt, sei routiniert abgespult.

Beim Jazz-Talk mit dem Institutsleiter Wolfram Knauer, wodurch die beiden Konzert-Sets traditionell aufgelockert werden, hat Pablo Held denn auch erklärt, was diese Musik so vibrieren lässt. Man will nicht das Repertoire der beiden bisher erschienenen Trio-CDs immer wieder in gleicher Weise herunterspulen, vielmehr ohne Set-Liste arbeiten, während des Spiels durch Motive, harmonische Wendungen oder sonstige musikalische Zeichen Kompositionen aufgreifen, verändern, neu zusammenstellen, weiterentwickeln. Das setzt erhöhte Aufmerksamkeit aller drei Musiker voraus, denn von allen können solche Signale kommen: ein anspruchsvoller kreativer Prozess, der da in Gang gesetzt wird.

So tasten sich die drei über impressionistisch hingeworfene Klaviertupfer, ziselierte Schlagzeugmotive und spärlich eingefügte Basstöne zu ungemein dichten Trio-Improvisationen vor, die nicht von einem Spieler dominiert werden, sondern tatsächlich aus dem Wechselspiel von musikalischer Aktion und selbstbewusster Reaktion leben. Pablo Held gehört nicht zu den Tastenlöwen mit flinken Fingern, er hört auf die Farbe von Obertönen, lässt Klänge ineinanderfließen, ist stets an melodischen Linien, nicht an klingelndem Passagenwerk interessiert. Und er hört auf das grandiose Wuseln des Schlagzeugers Jonas Burgwinkel, der bei allem Drive voller Ideen zu phantastischen Fill-Ins steckt und mit dem sonoren Bassisten Robert Landfermann eine felsenfeste rhythmische Basis bildet. Wenn jetzt Robert Held noch entdeckt, dass er nicht nur eine sensible rechte Hand besitzt, auch mit der linken Hand mehr als dezente Akkorde möglich sind, wird das junge Jazztrioglück vollkommen sein. WOLFGANG SANDNER

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