20.10.2008 · Konstantin Wecker in der Frankfurter Jahrhunderthalle
Eine Lesebrille auf der Nase, blättert Konstantin Wecker hastig durch Seiten. Weiße Blätter, Din-A4 mit großer schwarzer Schrift. Fein säuberlich abgelegt in Klarsichtfolien in einem Schnellhefter. Scheinbar achtlos abgelegt auf seinem Flügel. In den kommenden drei Stunden wird der Musiker, Texter, Komponist, Buchautor und Gelegenheitsschauspieler immer mal wieder einen Blick reinwerfen. Schließlich befinden sich darin, wofür man ihn am meisten schätzt: die oft provokanten Texte seiner Lieder.
Auch wenn die Erinnerungshilfe den Anschein erweckt, Konstantin Wecker wäre in die Jahre gekommen - der 61 Jahre alte Liedermacher präsentiert sich agil wie einst im Mai, als er samt Begleitquartett die mit lila Stoffbahnen dekorierte Bühne der Frankfurter Jahrhunderthalle betritt. Zum Auftakt seines aktuellen Programms "Was keiner wagt" - eine nicht nur musikalische Reise durch 40 Jahre Karriere - gibt der stattliche Hüne in pinkfarbenen Hosen und dunkelgrauem Hemd den Kabarettisten. Grantelt deftig über sein innig hassgeliebtes Bayern, wenn er das Bundesland nach den Landtagswahlen als befreite Zone und jüngste Demokratie Deutschlands bezeichnet.
Andächtig lauscht das zumeist reifere Publikum weiteren von Weckers Attacken - gesungenen wie gesprochenen. Sei es nun die Finanzkrise mit Seitenhieben auf die Lehmann Brothers im Klassiker "Genug ist nicht genug". Oder aber jene Moritat über das Polit-Personal einen Tag nach der Wahl, das er blumig umschreibt: "Es sind immer die gleichen Tröge - nur die Schweine wechseln." Ein Lied über das Gefängnis in Stadelheim kündigt er selbstironisch an: "Da bin ich Fachmann."
Schneidend hallt seine noch immer kräftige Stimme durch die nicht voll besetzte Halle, wenn er in "A Revoluzzer" augenzwinkernd unterstreicht, dass er sich als Linken von echtem Schrot und Korn begreift. Bei solchen kernigen Tönen darf natürlich Erich Kästners "Ansprache an die Millionäre" nicht fehlen, die kräftigen Zwischenapplaus erzielt. Wecker kommt da eine wichtige Funktion zu, bestätigt er doch das Weltbild seiner über die Jahre treuen Fangemeinde. Jetzt, wo sie den Kapitalismus dort sehen, wo sie ihn sich schon vor Jahrzehnten gewünscht hatten: am Ende.
Aber Wecker sprüht nicht nur, wenn er das Sprachrohr für unzufriedene Altlinke gibt. Überzeugt er doch vor allem auch als virtuoser Musiker, wenn er sich mit Bandleader, Ko-Pianist und Langzeitbegleiter Jo Barnikel heiße Gefechte auf schwarzweißen Tasten liefert. Denn eigentlich wollte Wecker nur im Gespann mit Barnikel auf Tournee gehen. Das wäre dann aber möglicherweise doch zu monoton geworden angesichts des mit Gitarrist Wolfgang Gleixner, Bassist Lenz Retzer und Schlagzeuger Peter Wrba hervorragend besetzten Quartetts. Souverän kleiden die Begleiter seine "sadopoetischen Gesänge" in Arrangements, denen kein Genre fremd ist. Erst recht nicht bajuwarische Gemütlichkeit in Bierzelt-Atmosphäre, mit der Wecker seine Landsleute zwar immer wieder gerne piesackt, aber ihnen letztlich doch Anerkennung zukommen lässt. Schließlich kann auch ein G'scheiter wie er nicht aus seiner Haut. Michael Köhler