21.12.2009 · Gewinner, Mitläufer und Verlierer bei der Eintracht - eine Zwischenbilanz nach siebzehn Saisonspielen in der Fußball-Bundesliga und einer wechselhaften Hinrunde Von Uwe Marx und Ralf Weitbrecht
GEWINNER
Michael Skibbe: Der neue Trainer hat bei seiner Vorstellung in Frankfurt attraktiveren, schnelleren Fußball in Aussicht gestellt - und er hat Wort gehalten. Mal abgesehen von krachenden Niederlagen zum Beispiel gegen Leverkusen und die Bayern ist die spielerische Verbesserung in der Nach-Funkel-Ära unübersehbar. Nicht immer, aber erstaunlich regelmäßig. Hinzu kommt ein vorzeigbarer Ertrag von 24 Punkten nach siebzehn Spielen. Eine beachtliche Zwischenbilanz.
Heribert Bruchhagen: Als Vorstandsvorsitzender und Gesamtverantwortlicher hat es der knorrige Westfale geschafft, seiner Linie treu zu bleiben. Sein Credo lautet, sich von niemandem treiben zu lassen - und das ist ihm auch gegenüber dem forschen und fordernden neuen Trainer Skibbe gelungen. Bruchhagen sagt immer noch "nein", wenn er es für geboten hält - bei Spielertransfers oder anderen Begehrlichkeiten, die ihm verantwortungslos erscheinen. Er gibt unverändert die Politik des Vereins vor und blieb ganz er selbst.
Oka Nikolov: Vom Stoiker zum Stammtorhüter. Eigentlich längst ausgemustert, aber immer noch da und immer noch erste Wahl. Sein Motto, stets ruhig zu bleiben, hat sich ausgezahlt. Stand sechzehn Mal zwischen den Pfosten und war der Eintracht in aller Regel ein sicherer Rückhalt. Nikolov ist ein Musterbeispiel dafür, dass man auch mit 35 noch lange nicht zum alten Eisen gehört.
Patrick Ochs: Vom Vorstandschef zum Führungsspieler ernannt, vom Trainer zum offensiven Mittelfeldturbo umfunktioniert. Der "rote" Renner - nie war er für die Eintracht so wertvoll wie in dieser Halbserie. Wirbelte ohne Unterlass auf rechts und erzielte beim Wiedersehen mit seinem langjährigen Förderer Funkel sogar ein Tor. Das erste seit einer halben Bundesliga-Ewigkeit.
Chris: Endlich ist die Zeit des ewigen Hin-und-her-Schiebens vorbei. Mal durfte der variabelste Eintracht-Profi im Mittelfeld spielen, mal fand er sich in der Abwehr wieder. Skibbe hat diesem Hü und Hott ein Ende gesetzt. Der Brasilianer ist Abwehrchef und Innenverteidiger. Einer, der mit Kopf und Fuß spielt und mit nun 31 Jahren so stark ist wie nie in seinen sechs Frankfurter Jahren.
Alexander Meier: Vom Mittelfeldmann zum Aushilfsstürmer: Diese Umschulungsmaßnahme war von großem Erfolg begleitet. Dauerläufer Meier ist mit sechs Toren der erfolgreichste Frankfurter Schütze. Zudem gehören auch seine Werte als Vorbereiter mit zum Besten, was die Eintracht zu bieten hat. Ein schlauer, ein spielintelligenter, ein mitdenkender Fußballspieler. Noch bis zum Saisonende an die Eintracht gebunden. Für eine dringend empfohlene Weiterbeschäftigung hat es noch kein klares Bekenntnis gegeben.
Pirmin Schwegler: Transfer des Jahres. Für überschaubares Geld von Entdecker und Förderer Skibbe, nicht aber von der Scoutingabteilung, aus Leverkusen nach Frankfurt geholt. Mit dem jungen Schweizer hat die Eintracht im Spielaufbau deutlich an Kontur gewonnen. Persönlicher Lohn: Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld hat intensive Blick auf den 22 Jahre alten Aufsteiger geworfen.
Christoph Preuß: Von einem "Weihnachtsgeschenk" wollte Trainer Skibbe nichts wissen, als er den Langzeitverletzten in Hoffenheim zurück in den Blickpunkt Bundesliga brachte. Trotzdem war dieser 12. Dezember ein wundervoller Freudentag für Preuß - nach all den Leiden, die der gesundheitlich geplagte Profi in den vergangenen Jahren durchmachen musste.
Peter Fischer: Annähernd hundert Prozent Zustimmung bei seiner Wiederwahl. Was an alte DDR-Volkskammerergebnisse erinnert, ist für den Präsidenten des Muttervereins Eintracht fast schon Routine. Ein Mann der Basis, ein Freund der Fans - und ein im Hintergrund wirkender Anhänger des neuen Trainers Skibbe.
Christoph Seeger: Sieben Jahre lang ein verlässlicher, kompetenter Mannschaftsarzt. Ungerechterweise manchmal für vermeintliche Fehldiagnosen kritisiert. Räumt seinen Posten aus freien Stücken, weil die Eintracht glaubt, mit einem fest angestellten Rund-um-die Uhr-Mediziner fortan besser aufgestellt zu sein.
Maik Franz: Rauhbein, Rüpel? Vor allem im gewonnenen Nachbarschaftsduell gegen Mainz hat der Neuzugang aus Karlsruhe seinen ihm vorauseilenden Ruf bestätigt. Tatsache aber ist auch: Franz steht seinen Mann, in der Innenverteidigung wie auch auf der Außenposition. Dass er zudem der zweitbeste Frankfurter Torschütze mit fünf Treffern ist, gehört zu den großen Überraschungen dieses polarisierenden Fußballprofis. Nicht nur Skibbe sagt, dass man so einen wie Franz in Frankfurt dringend gebraucht habe.
Mitläufer
Heribert Bruchhagen: Als Manager, der der Vorstandschef auch in Personalunion ist, ist der starke Mann der Eintracht kaum noch präsent. Geht es um neue Spieler, um die Kaderplanung oder neue Namen, hat sich Trainer Skibbe in die erste Reihe gedrängt - jedenfalls was die Außendarstellung betrifft. Bruchhagen ist mehr damit beschäftigt, die Scoutingabteilung der Eintracht um Bernd Hölzenbein zu verteidigen.
Herbert Becker: Was ist bloß mit dem Sprecher des Aufsichtsrates los? Seitdem der von ihm wenig geliebte Friedhelm Funkel nicht mehr Trainer ist, hat sich Becker stark zurückgezogen. Scheinbar abgetaucht wie einst Jacques Cousteau, verspürt der passionierte Bergsteiger seit Monaten schon keine Lust mehr, sich öffentlich zur Lage der Eintracht zu äußern. Dabei hätte er allen Grund dazu. Seine von seinem ehemaligen Arbeitgeber Fraport treu unterstützte Eintracht ist schließlich so gut wie seit sechzehn Jahren nicht mehr.
Caio: Zwölf Einsätze, zwei Tore - aber noch immer nicht der sehnsüchtig erhoffte Durchbruch. Skibbes anfängliche Geduld mit dem Brasilianer ist endlich. Zuletzt musste der bequeme Brasilianer auf der Bank Platz nehmen. Dabei müsste er die Ärmel hochkrempeln und kämpfen, aber das kann er nicht. Immerhin: War mit einem Freistoßtor Wegbereiter des Heimsieges gegen Bochum.
Markus Steinhöfer: Wo sind sie geblieben - die Flanken, Freistöße, Vorlagen, die den rechten Außenmann in der Vorsaison in den Blickpunkt getrieben haben? Er ist eines der Opfer von Skibbes Systemänderung. Und jetzt, da Ochs seinen Posten übernommen hat, dürfte es für Steinhöfer nochmals schwerer werden, sich in der neu ausgerichteten Mannschaft einen Platz zu erspielen.
Verlierer
Michael Skibbe: Bei allem sportlichen Erfolg hat der Trainer allzu forsch die Rolle des Antreibers gespielt. Die wochenlangen Diskussionen zum Beispiel, ob der Brasilianer Lincoln nun hilfreich und finanzierbar für die Eintracht sei, wurden von ihm immer wieder befeuert. Damit hat er irritiert - seinen Vorgesetzten Heribert Bruchhagen inklusive. Auch seine harsche Generalkritik nach dem 0:4 in Leverkusen, wo er die Qualität seiner Mannschaft ungewohnt angriffslustig in Frage stellte, war grenzwertig.
Ioannis Amanatidis: Der erste Tiefschlag für den Griechen kam im Sommer. Der neue Trainer Skibbe nahm ihm die Binde weg. Nicht der Stürmer, sondern der Verteidiger Christoph Spycher sollte fortan Kapitän der Eintracht sein. Nachdem der erste Ärger verflogen war und sich Amanatidis wieder beruhigt hatte, kam bald darauf der nächste Keulenschlag. In seinem eh schon angeschlagenen Knie wurde ein Knorpelschaden diagnostiziert. Nach nur acht Einsätzen und drei Treffern, zwei davon beim 3:2-Auftaktsieg in Bremen, musste sich der Sturmführer operieren lassen. Seitdem wird er vermisst - als Torjäger und als Führungsspieler.
Mehdi Mahdavikia: Ein Fußball-Volksheld in seiner Heimat, aber kein Mann für die ersten Elf bei der Eintracht. Der Iraner trainiert, trainiert, trainiert. Spielen aber darf oder soll er nicht. Bei den Profis nicht, und bei den Amateuren schon gar nicht. In der Relation der teuerste Eintracht-Spieler. Steht noch bis zum 30. Juni 2010 unter Vertrag.
Nikola Petkovic: Dubai-Urlauber. Hat im Sommer die Chuzpe besessen, eigenmächtig seine Reise in die Sonne um eine Woche zu verlängern, während die Kollegen im Zillertal fleißig konditionelle Aufbauarbeit leisteten. Musste nur eine Geldstrafe zahlen und wurde noch in Österreich mit einem Einsatz im attraktivsten Privatspiel gegen Kiew belohnt. Trotzdem: Im Ligaalltag keine Alternative für Platzhirsch Spycher. Der unsinnigste Transfer der vergangenen Jahren mit einem vermeintlichen Gewinner: Petkovic hat, warum auch immer, einen Dreieinhalbjahresvertrag.
Markus Pröll: Der Torhüter hatte ausnahmslos Gutes im Schilde geführt, als er einem kleinen Mädchen auf einem Hofheimer Sportplatz helfend zur Seite springen wollte. Dabei verletzte sich der Unglücksrabe an der Schulter, musste in Heidelberg operiert werden - und konnte seinen Traum von erstklassigen Auftritten nicht verwirklichen. Kein Spiel, keine Parade: Pröll ist weit zurückgeworfen worden.
Die zweite Reihe: Anders als Sebastian Jung, der gegen Ende der Vorrunde endlich zeigen durfte, dass er das wohl größte Eintracht-Talent ist, vermochten sich weder Mittelfeldmann Faton Toski noch Stürmer Marcel Heller für erstklassige Aufgaben empfehlen. Zu verspielt, zu weich, zu harmlos - von beiden will sich die Eintracht möglichst schnell trennen. Doch es finden sich aktuell keine ernsthaften Interessenten für dieses Duo.