18.06.2008 · Kein Fußball im Plenum, aber Spielstände sind erlaubt
Mag sein, dass es Karlheinz Bührmann heute um Viertel vor neun in der Fußballseele schmerzt, aber was ein Stadtverordnetenvorsteher tun muss, muss ein Stadtverordnetenvorsteher tun. Der CDU-Politiker, selbst durchaus sportinteressiert, will sich im Plenum heute Abend nicht ablenken lassen von Cristiano Ronaldos Dribblings, Michael Ballacks Freistößen oder Jogi Löws Tribünenauftritten. "Ich gehe davon aus, dass die Sitzung so lange dauert, wie sie eben dauert", richtet seine Referentin Sabine Krosch aus und fügt hinzu: "Es wird keine Übertragung an der Plenumswand geben." Die Stadtverordnetenversammlung ist sozusagen EM-freie Zone. Viertelfinale gegen Portugal hin, Viertelfinale gegen Portugal her.
Dabei hatte Wolfgang Hübner von der BFF-Fraktion doch den vorbildlichen Vorschlag gemacht, seine Kollegen und er sollten sich auf die Fragestunde und das Thema Umweltzone beschränken, die Sitzung dadurch so kurz wie möglich halten und anschließend Deutschland dermaßen anfeuern, dass es für den Einzug ins Halbfinale reicht. Hübner kritisierte außerdem völlig zu Recht die deutsche Mannschaft für ihre Unzuverlässigkeit: Wäre die DFB-Elf Gruppenerster geworden, hätten sich alle Fußballfreunde das Spiel gemütlich am Freitag um 20.45 Uhr anschauen können. So aber sei zu befürchten, dass "ab Spielbeginn eine Massenflucht von Stadtverordneten und Magistratsmitgliedern vor die Bildschirme stattfinden" werde.
Bis auf das Thema "Umweltzone" sind nach Hübners Ansicht alle Tagesordnungspunkte heute nicht so wichtig wie eben ein EM-Viertelfinale gegen Portugal. Entweder seien die Themen unstrittig (Abbruch und Neubau der Turnhalle Bonifatiusschule, Zukunft der Rhein-Main-Jobcenter GmbH) oder entschieden (Rückabwicklung des Wohnungsverkaufs durch die ABG Frankfurt Holding), nicht dringend (Museum der Weltkulturen) oder würden schon im Haupt- und Finanzausschuss ausgiebig erörtert (Deutsches Turnfest).
Für Fußballfans bleiben nur drei Lösungen. Entweder schaffen es die Stadtverordneten trotz des ziemlich umfangreichen Programms bis 20.45 Uhr. Das wäre eine Sensation. Andernfalls werden sich vor allem männliche Politiker des Öfteren mit dem Hinweis verabschieden, sie müssten sich "mal kurz frisch machen" - und dann an einem der im Römer zahlreich vorhandenen Fernseher stehen und bangen. Eine Art Plenums-Radio immerhin stellt Sabine Krosch als dritte Lösung in Aussicht. Das Stadtverordnetenbüro werde "zeitnah" über wichtige Situationen informieren. Und auch die Spielstände würden weitergeben, und zwar "lauffeuermäßig". Tobias Rösmann