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Die Mundharmonika gegen die Hektik

29.03.2009 ·  Chris Paulson lebt seit 21 Jahren von der Straßenmusik. Das ist ein hartes Geschäft, aber der Amerikaner kann nicht von seinem Weltenbummler-Dasein lassen. Von Janine Richter

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Lässig in Karohemd und Jeans, mit einem Pizzastück in der Hand, beobachtet er, wie sich langsam der Große Saal des Hauses der Jugend in Frankfurt füllt. Viele seiner Gäste begrüßt er mit Namen. "Ich hätte nicht gedacht, dass so viele kommen. Schließlich konnte ich dieses Jahr nicht auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt spielen und Karten für meine Konzerte verkaufen", sagt Chris Paulson sichtlich erfreut. Doch wahrscheinlich hätte er auch nicht auftreten können, wenn es den Weihnachtsmarkt dieses Jahr auf der Zeil gegeben und er eine Genehmigung der Stadt bekommen hätte. Den Rücken hat das zehn- bis zwölfstündige Spielen jeden Tag auf dem Markt im harten Winter vor zwei Jahren kaputtgemacht, und er musste zweimal operiert werden. Doch an diesem Samstagabend finden auch ohne Vorverkauf rund 70 Fans aller Altersgruppen zu seinem Konzert.

Die Bühne ist in gelbes Licht getaucht. Das Publikum sitzt erwartungsvoll zurückgelehnt in den Sitzen. Ein kleiner Junge am Bühnenrand will mit seiner Kamera alles ganz genau festhalten, als der Sänger mit seinem spitzbübischen Grinsen in Begleitung zweier befreundeter Musiker der Gruppe "The Twin Experience" auf die Bühne tritt. Schon mit den ersten Gitarren- und Mundharmonikatönen seines Songs "Walking", die nach Folkmusik klingen, erzeugt er eine gemütliche Pub-Atmosphäre.

"Hallenkonzerte sind ein einfacherer Job als Auftritte auf der Straße", sagt Paulson mit amerikanischen Akzent. Während die Konzertgänger schon von seinem Können überzeugt seien, müsse man auf der Straße die Leute spontan für sich begeistern und bei Wind und Wetter animieren: zum Geldeinwurf, zum Kauf einer seiner sieben CDs oder sogar zum Mitsingen. Dass er dies kann, beweist er, wenn er im hektischen Gedränge der Zeil die Zeit anhält und eine singende Menschentraube um sich schart. Deshalb wurde er auch 1993 als "Straßenmusiker des Jahres" durch das ZDF geehrt.

Der Sänger und Liedermacher aus San Francisco, der 1987 der Liebe wegen in Deutschland blieb, verdient seit 21 Jahren seinen Lebensunterhalt mit Straßenmusik. Vor allem wurde er mit seinen Interpretationen bekannter Songs von Größen wie Bob Dylan und Paul Simon, mit nachgesungenen Rock-'n'-Roll-Liedern von Chuck Berry, aber auch mit Eigenkompositionen in den U-Bahn-Passagen von Wiesbaden und später in der Fußgängerzone in Frankfurt bekannt. Mit seiner leicht gepresst klingenden Stimme erinnert er die ältere Generation an eine Mischung aus Dolly Parton und Tom Waits, die jüngere sieht in ihm wohl eher ein männliches Pendant zur Sängerin Duffy. Er selbst bezeichnet Elvis Costello als "genialen Komponisten" und sein großes Vorbild.

"Ich habe schon 30 000 CDs verkauft", sagt der Sänger, und somit sei die Produktion eigener Tonträger zusammen mit der Plattenfirma "dreamtownmusic.com" ein Erfolg. Derzeit arbeitet er an einer neuen CD, die nur selbstkomponierte Songs enthalten und vor der Straßenfestsaison, die Anfang Mai beginnt, fertig werden soll. 20 bis 30 mehr oder weniger ausgereifte Liedentwürfe liegen dafür in der Schublade, und manche werden an diesem Abend von ihm darauf getestet, wie sie dem Publikum gefallen.

Bestehen und begeistern können vor allem die neue mitreißende Rock-'n'-Roll- Nummer "Come to me" und die nachdenkliche Ballade "Streets of Frankfort", die er erstmals seinen Zuhörern vorstellt. Der Song ist, angelehnt an Ralph McTells "Streets of London", aus der Sicht eines Obdachlosen auf sein hartes Leben auf Frankfurts Straßen geschrieben und erzählt dessen Alltäglichkeit zwischen Schnapssucht, den Mahlzeiten in der Katharinenkirche und den Problemen der Schlafplatzsuche im Winter. "Viele von ihnen habe ich beim Spielen auf der Straßen kennengelernt, und sie bekommen durch meinen Song eine Stimme", sagt Paulson. Das Besondere an seinen Konzerten ist das Wechselspiel mit seinen Fans. Da die Abfolge der Lieder grundsätzlich nicht feststeht, kann er spontan den Musikwünschen des Publikums, wie an diesem Abend "Halleluja" oder "Independence Day", nachgeben.

Der 50 Jahre alte Sänger ist ein Weltenbummler geblieben und spielt nicht nur deutschlandweit, sondern in den Sommermonaten mit dem Surfbrett in der einen und der Gitarre in der anderen Hand auf den Promenaden und in Pubs Südwestfrankreichs. Doch trotz des Fernwehs und der Sehnsucht nach seinen drei erwachsenen Kindern, die alle in Amerika leben, ist er zufrieden mit seinem Leben auf Frankfurts Straßen und möchte nicht mehr weg. "Es ist nur schwer, sich selbst zu verkaufen", sagt Paulson. Er würde gern eine Agentur finden, die für ihn die deutschlandweiten Auftritte organisiert, so dass er sich mehr der Musik als dem Buchen von Konzertsälen und Pubs widmen kann.

Auf dem Höhepunkt des zweistündigen Konzerts im Haus der Jugend spielen Paulson und "The Twin Experience" das groovige Bluesstück "Thinking about my baby", das alle drei Musiker mit beeindruckenden Gitarren- und Bass-Soli beschließen. "Es macht immer Spaß, mit ihnen zu spielen, weil die Harmonie einfach stimmt", sagt Paulson nach dem Konzert. In dieser Kombination waren sie allerdings zum letzten Mal zu sehen, da "The Twin Experience" ein Plattenvertrag nach Amerika zieht.

Das nach der Zugabe nun Schluss sein muss, kann ein begeisterter Fan kaum glauben: Der kleine Junge hat seine Kamera gegen eine Luftgitarre getauscht und begleitet mit ihr noch beim Verlassen des Großen Saales selbstgezischte Paulson-Liedmelodien.

Die nächsten Konzerte von Chris Paulson finden am 25. April in Darmstadt ("An Sibin Irish Pub", Landgraf-Georg-Straße 25, 21 Uhr) und am 27. Mai in Mainz ("Unterhaus", Münsterstraße 7, 20 Uhr) statt. Karten und weitere Informationen unter www.chrispaulson.de.

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