25.02.2010 · Fünf Landkreise und 46 Kommunen in zwei Bundesländern haben das Zertifikat "Geopark Grenzland" bekommen.
was. KORBACH. Zu Urzeiten bedeckte ein tropisches Flachmeer weite Teile des heutigen Hessens. Verschiebungen der Erdkruste falteten später Gebirge auf, die anschließend durch Erosion geschleift oder wieder eingeebnet wurden. Während der Kalt- und Warmzeiten der zurückliegenden Epochen bildeten sich Ablagerungen in Flusstälern, bis zuletzt der Mensch begann, die Landschaft nach seinen Bedürfnissen zu formen. Vieles von dem, was die tatsächlich bewegende Geschichte unseres Planeten an Spuren hinterlassen hat, lässt sich auf einer Zeitreise durch rund 450 Millionen Jahre entdecken, zu welcher der Geopark Grenzwelten im nordwestlichen Teil Hessens und in den umliegenden Landstrichen von Nordrhein-Westfalen einlädt.
Als zweitem in Hessen nach dem Geopark Bergstraße-Odenwald ist dem Geopark Grenzwelten mit Zentrale in Korbach das Zertifikat "Nationaler Geopark" verliehen worden. Bei der Übergabe des Gütesiegels sprach Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) von einem beispielgebenden Projekt der Zusammenarbeit privater Initiativen mit Verbänden, Behörden und Kommunen über Kreis- und Landesgrenzen hinweg. Mit der Zertifizierung verbunden ist der weitere Ausbau des Geoparks für Wissenschaftler, Ausflügler oder zur Wissensvermittlung für Schüler und Studenten.
Entwickelt hat sich der Geopark Grenzwelten aus einem Projekt im Landkreis Waldeck-Frankenberg. Vor knapp einem Jahrzehnt taten sich Heimatforscher, Hobbygeologen und Wissenschaftler zusammen und erarbeiteten ein erstes Konzept, wie die vielfältigen Zeugnisse aus unterschiedlichen Epochen von Erd- und Kulturgeschichte präsentiert werden könnten. Im Korbacher Landratsamt gründete man eine Arbeitsgruppe, die weitere Pläne erarbeiten und Vorschläge für die Realisierung eines Verbunds von Geotopen machen sollte. Daran beteiligten sich später auch das Landesamt für Geologie und Umwelt sowie die Denkmalpflege des Landes. Erste Ergebnisse lagen zwei Jahre nach Gründung der Arbeitsgruppe vor und mündeten in einem Konzept, das vorsah, zunächst die Sehenswürdigkeiten im Kreis Waldeck-Frankenberg zu einer Art Wissenspark miteinander zu verknüpfen. Auf dieser Grundlage setzten Geologen, Historiker, Denkmalpfleger in Kooperation mit Landesbehörden und der Kreisverwaltung ihre Arbeit fort mit dem Ziel, weitere Regionen mit interessanten Zeugnissen der Erdgeschichte einzubinden. Daraus ging schließlich die Bewerbung für die Zertifizierung als "Nationaler Geopark" hervor, die im vergangenen Jahr eingereicht wurde.
Das Gebiet des Geoparks Grenzwelten erstreckt sich über zwei Bundesländer und fünf Landkreise mit 46 Städten und Gemeinden, von Diemelstadt bis Wohratal, von Willingen bis Edertal. Der Geopark gliedert sich in zehn Zentren, vom Hochsauerland über Kellerwald bis zum Burgwald und ins Wolfhagener Land. Jedes dieser Zentren vermittelt einen anderen Abschnitt der Erdgeschichte, der Entwicklung von Natur und Kulturlandschaft. Verbindendes Element dieser Informationszentren zu regionalen Besonderheiten bildet ein Geopfad. Museen, Besucherbergwerke oder Themenwege sollen dem Besucher ermöglichen, Wissensvermittlung und Landschaftserlebnis miteinander zu verbinden. Zudem haben die Initiatoren des Geoparks für die jeweiligen Zentren Programme entwickelt, bei denen alle Altersgruppen auf ihre Kosten kommen - von geführten Wanderungen zu Natur- und Kulturdenkmälern bis zu Mitmachaktionen für Kinder.
Neben dem Nationalpark Kellerwald zählt der Burgwald im südwestlichen Zipfel des Parks zu den vielfältigsten Geotopen von Grenzwelten. Der Burgwald gehört mit rund 200 Quadratmetern Ausdehnung zu den größten zusammenhängenden Forstlandschaften Mitteleuropas. Grundlage für die Fauna bilden Sandsteinböden, abgelagert in wüstenähnlichem Klima, das in diesem Landstrich während des Erdmittelalters herrschte. Unwegsamkeit und rauhes Klima bewirkten, dass diese Landschaft nie intensiv bewirtschaftet wurde. Vor allem in den unberührten Hochmooren des Burgwaldes bildeten sich seltene Pflanzen- und Kleintiergemeinschaften. Von früher Besiedlung zeugen unter anderem keltische Ringwälle, fränkische Grenzfestungen. Zu den weiteren Attraktionen des Parks zählt der Zechsteinpfad im Korbacher Land. Dieser Lehrpfad führt über den Boden eines urzeitlichen Meeresbeckens mit Relikten von Riffen und Fossilien als Zeugen einer Zeit, als sich das Leben noch aufs Wasser beschränkte. Kupferhaltige Ablagerungen in den Sedimenten entdeckten Siedler schon in der Frühgeschichte, und Besucher des Pfades erfahren Wissenswertes, wie dort lange vor unserer Zeitrechnung Edelmetall aus dem Zechstein gesiebt wurde.
Als Fossilienlagerstätte von internationalem Rang gilt die Korbacher Spalte. Dort haben Forscher wie sonst nur an einer Handvoll anderer Plätze weltweit Relikte der Fauna aus der Epoche vom Übergang zwischen Erdaltertum und Erdmittelalter geborgen. Entdeckt worden war diese Gesteinseinlassung schon zu Beginn der sechziger Jahre während einer Geländekartierung. Obgleich dort in Gesteinsschichten versteinerte Knochenfragmente lagerten, maß man dieser Entdeckung zunächst wenig Bedeutung zu. Das änderte sich erst mehr als zwei Jahrzehnte später, als Wissenschaftler die Spalte untersuchten und dabei einen fossilen Kiefer entdeckten, der sich einer Reptilgattung aus der Zeit vor etwa 250 Millionen Jahren zuordnen ließ.
Bekanntester Vertreter ist ein etwa 60 Zentimeter großes Geschöpf von hundeähnlicher Gestalt, weshalb es auch "Korbacher Dackel" genannt wird. Zudem ist die Korbacher Spalte einer der wenigen Fundorte von Knochenfragmenten, die den Vorfahren der Saurier zugeordnet werden. In ihrer wissenschaftlichen Bedeutung stellen viele Forscher die Korbacher Spalte mit der Weltnaturerbestätte von Grube Messel gleich.