19.03.2009 · Pro Familia 40 Jahre alt / Beratungsangebot im Wandel
h.r. DARMSTADT. Die 20. Beratungsstelle der Deutschen Gesellschaft für Familienplanung ist im März 1969 in Darmstadt eröffnet worden. Das ist der Grund, warum Pro Familia Geburtstag feiert. Der Titel des Jubiläumsprogramms lautet "Wir werden 40! - Pro Familia kommt ins beste Alter ". Dass auch in Südhessen eine konfessionell unabhängige Organisation damit begonnen hat, über Empfängnisverhütung aufzuklären und Fragen der Sexualität offen zu besprechen, hatte, wie die örtliche Zeitung im März 1969 schrieb, mit der Pille zu tun und dem Dohrn-Prozess. Beides habe "die Problematik der Familienplanung" einer breiten Öffentlichkeit ins Bewusstsein gebracht und die Ärzteschaft bewogen, "sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen".
Nun kennt die Pille heute jede junge Frau, der Prozess gegen den Mediziner Axel Dohrn, der sich die sechziger Jahre über hinzog und den Bundesgerichtshof beschäftigte, ist hingegen Vergangenheit. Dabei warf Dohrn, der innerhalb von 15 Jahren etwa 1300 Frauen - die meisten nach mehreren Geburten oder Fehlgeburten - durch sogenannte Tubenligaturen unfruchtbar gemacht hatte, durch sein ärztliches Handeln jene Frage auf, die in den siebziger Jahren im Mittelpunkt der Diskussion um den Paragraphen 218 stehen sollte und auch heute noch die Arbeit von Pro Familie bestimmt - die nach der Eigenverantwortlichkeit und Selbstbestimmung der Frau.
Wie sehr sich die Zeiten gewandelt haben, macht nicht nur der Blick auf Dohrn oder das Anfangsangebot der Darmstädter Gründerjahre deutlich, wo noch die "voreheliche Sexualberatung" fester Bestandteil des Programms war. Auch einige Titel der Jubiläumsveranstaltungen von Pro Familie verdeutlichen, was sich in 40 Jahren in Sachen Sexualmoral alles verändert hat. Mit dem kritischen Diskurs zu "Kinderpornographie im Internet", den die Buchautorin Korinna Kuhnen am 19. Juni anbietet, wäre 1969 sicherlich überhaupt nichts anzufangen gewesen, weil es das Internet noch nicht gab. Auch ein Film wie "Alter schützt vor Liebe nicht", der am 26. November gezeigt wird, scheint erst denkbar vor dem Hintergrund der gewandelten Einstellung zur Sexualität im Alter und des neuen Lebensgefühls der Generation 55 plus. Nichts anderes gilt für die Veranstaltung "Väter und Elternzeit - ich bin dabei" am 16. September. Sexualität ist weder für Männer noch für Frauen, egal welchen Alters, heute noch ein Tabuthema, was sich Pro Familia mit auf die Fahne schreiben darf. Dass durch die Omnipotenz des Geschlechtlichen jedoch sämtliche zwischenmenschlichen Schwierigkeiten beseitigt wären, können die Leiterin der Pro-Familia-Beratungsstelle, Dagmar Zeiß, und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht sagen. Die Ärztin Katharina Rohmert zum Beispiel registriert immer mehr Senioren, die sich in Fragen der Sexualität beraten lassen, weil sie in Nöte kommen. Es existiere ein hoher Anspruch auf sexuelle Attraktivität, der Menschen "unheimlich unter Druck setzt".
Die Sexualpädagogin Kathrin Skoupil, die 1998 die Online-Beratung bei Pro Familia eingeführt hat, stellt nicht nur ein reges Interesse fest, über dieses anonyme Medium auch "pikante Fragen" zu stellen. Eines der Themen, mit denen sie sich zu beschäftigen hat, ist die sexuelle Grenzüberschreitung im Chatroom und das gesamte Thema "Cyber-Mobbing". Reger Nachfrage erfreut sich ebenfalls die Beratung von Männern, bei denen Sexualität und Gewalt einen Zusammenhang bilden. In der überwiegenden Zahl handelt es sich bei den Personen um Täter, die im Rahmen eines Rechtsverfahrens zur Beratung bei Udo Brossette verpflichtet wurden. Auch hier spiele das Internet oft eine wichtige Rolle: "Es hat einen großen Stellenwert eingenommen und ist oft mitverantwortlich bei Partnerschaftskrisen."
Jungenarbeit, die Einrichtung eines Frauennotrufs, der Aufbau von Prozessbegeleitung für vergewaltigte Frauen, Fortbildungen zum Thema sexueller Missbrauch für Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen, Beratungsangebote für behinderte Menschen, Prävention gegen häusliche Gewalt - über die Jahre hinweg hat sich die Arbeit von Pro Familia immer wieder den Gegebenheiten angepasst mit der Tendenz, "fachspezifischer" zu werden. Die Zahl der Mitarbeiter in den Beratungsstellen in Darmstadtund in den Landkreisen Bergstraße und Darmstadt-Dieburg wuchs von drei auf ein Team mit 26 Teilzeitkräften, deren Dienste im Jahr rund 7000 Personen in Anspruch nehmen.
Doch bei allem Wandel - eines hat sich über 40 Jahre hinweg nicht verändert: "Mein Körper gehört mir" ist heute noch Grundmaxime, die schon Fünfjährigen im Kindergarten über das gleichnamige Aufklärungsbuch vermittelt wird. Das Bilderbuch, das mit dem Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde und mittlerweile vom Loewe Verlag vertrieben wird, ist einst in Darmstadt entstanden.
Das Jubiläum "Wir werden 40! - Pro Familia kommt ins beste Alter" läuft von April bis November. Zum Programm gehörten am 21. und 22. August eine Fotoaktion im Schlosshof zum schönsten Kuss und die offizielle Feier am 4. September im Mollerhaus.