25.02.2009 · Mehr als eine Milliarde Euro Gewinn / Umzug spart Steuern / Einstellungsstopp
kann. Frankfurt. Man könnte fast meinen, Reto Francioni hätte ein schlechtes Gewissen - so häufig betonte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Börse die Verbundenheit mit Frankfurt. Zum ersten Mal seit Jahren präsentierte das Unternehmen seine Geschäftszahlen in der Alten Börse am Börsenplatz. Eine Erinnerung daran, dass der Parketthandel weiter in der Innenstadt betrieben und auch der Unternehmenssitz dort bleiben wird, während der Rest des Unternehmens Schritt für Schritt ins steuerlich günstigere Eschborn umsiedelt.
Einen guten Teil seiner Gewerbesteuer zahlt der Börsenbetreiber schon in der Nachbarstadt. Seit Sommer 2008 arbeitet etwa die Hälfte der rund 1600 Mitarbeiter, die die Börse in der Region beschäftigt, in Eschborn. Die Steuerquote habe man dadurch schon von 36 auf 28,5 Prozent senken können, sagte Finanzvorstand Thomas Eichelmann. Der absolute Wert lasse sich derzeit aber noch nicht beziffern. Wenn im Jahr 2010 alle Mitarbeiter im neuen Gebäude der Börse sitzen, soll die Quote auf bis zu 25 Prozent sinken.
2008 machte das Unternehmen zum ersten Mal mehr als eine Milliarde Euro Gewinn, er lag um 13 Prozent über dem Vorjahreswert. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern war mit 1,5 Milliarden Euro etwa doppelt so hoch wie jenes der Erzrivalen New York Stock Exchange und Euronext, die sich vereinigt haben.
Grund für die gute Geschäftsentwicklung ist Francioni zufolge vor allem das integrierte Geschäftsmodell: Neben dem Wertpapierhandel gehören auch der Abwickler Clearstream und die Terminbörse Eurex zur Gruppe. Der Handel machte nach Francionis Worten im Jahr 2008 gerade mal 14 Prozent des Gruppenergebnisses aus, Clearstream und Eurex trugen zusammen 70 Prozent bei.
Das integrierte Modell war im vergangenen Jahr ein weiteres Mal von den beiden Großinvestoren der Börse, den HedgeFonds TCI Capital und Atticus, angefochten worden. Sie erhoffen sich Zusatzgewinne durch die Veräußerung einzelner Geschäftssparten. Nicht zuletzt mit Hilfe der Landesregierung, die als Aufsichtsbehörde der Börse die Handelslizenz entziehen könnte, wurde der jüngste Vorstoß der Investoren in diese Richtung abgewehrt. Der strikte Sparkurs, den Francioni trotz der guten Zahlen weiter fährt, vermittelt dennoch den Eindruck, dass die Aktionäre ihm weiter im Genick sitzen - auch wenn er selbst die einsetzende Wirtschaftskrise als Grund nennt.
Laut Eichelmann will das Unternehmen seine Fixkosten im gerade angelaufenen Jahr vor allem durch eine Reduzierung der Personal- und Sachausgaben um 70 Millionen Euro senken. "Beispielsweise haben wir mit sofortiger Wirkung einen qualifizierten Einstellungsstopp verhängt, der sich neben geplantem Stellenabbau auch auf durch Fluktuation in der Belegschaft frei werdende Stellen bezieht", so Eichelmann. Francioni sagte hinterher, von Stellenabbau sei nie die Rede gewesen. Laut einem Sprecher wuchs die Mitarbeiterzahl in Deutschland sogar leicht. Dennoch wurde der Personalaufwand allein im letzten Vierteljahr 2008 auf weniger als die Hälfte des Werts im vierten Quartal 2007 gedrückt. So seien etwa Reisekosten eingespart und Überstunden abgebaut worden, erläuterte Eichelmann.
"2009 wird ein schwieriges Jahr", sagte Francioni. Rekorde werde es nicht geben. Er glaube aber, dass die lauter werdenden Rufe nach Regulierung etwa des Derivatehandels zum Vorteil für die Deutsche Börse werden könnten. Schließlich habe das Haus bereits entsprechende Risikomanagementprogramme entwickelt.