10.09.2009 · Forschungsanstalt legt Langzeitstudie vor
obo. RHEINGAU. Gegenüber der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise erbringen konventionell gehegte Weinberge nur einen geringfügig höheren Ertrag. Das zeigen erste Ergebnisse einer Untersuchung der Forschungsanstalt Geisenheim. "In dem Thema ist eine große Bewegung", konstatierte die Expertin für Kellerwirtschaft an der Fachhochschule, Monika Christmann, anlässlich der Eröffnung der Betriebsleitertagung für Weinbau und Kellerwirtschaft. Die wachsende Aufmerksamkeit unter den Winzern und in der Weinbranche stehe allerdings nicht im Einklang mit dem Stand der Weinforschung, sagte der Leiter der Geisenheimer Forschungsanstalt, Hans Schultz. Das Thema Bioweine sei bislang "wissenschaftlich wenig abgeklopft" worden.
Die Forschungsanstalt selbst will nun dazu beitragen, diese Kenntnisse zu vertiefen. Dazu wurde im Jahr 2006 ein Langzeitversuch begonnen. In der Weinlage Geisenheimer Mäuerchen wurde von der Forschungsanstalt ein 1991 angelegter und bis dahin konventionell bewirtschafteter Riesling-Weinberg in ein 8000 Quadratmeter großes Versuchsfeld umgewandelt. Dort werden nun die unter exakt gleichen natürlichen und klimatischen Bedingungen wachsenden Rebstöcke sowohl biologisch-organisch und biologisch-dynamisch als auch auf konventionelle, "integrierte" Weise bewirtschaftet. Unterschiede, die sich vorwiegend auf die Art der Bodenbearbeitung und Begrünung der Rebzeilen, die Unkrautbekämpfung, die Düngung und den Pflanzenschutz beschränken. Das flüssige Ergebnis dieses differenzierten Versuchsanbaus sind in jedem Jahr 42 Glasballons voller verschiedener Weine, die ihrerseits wieder auf zahlreiche Parameter hin untersucht werden.
Drei Jahre nach dem Projektstart hat der Önologe Georg Meißner vom Fachgebiet Weinbau der Forschungsanstalt nun eine erste Bilanz dieses "Systemvergleichs" gezogen. Danach weist der Boden der biologisch bearbeiteten Rebzeilen ein reicheres Insektenleben auf, eine höhere Zahl von Regenwürmern und eine höhere Aktivität von Enzymen im Erdreich.
In den konventionell-integriert bewirtschafteten Rebzeilen ist die Laubwand dichter, sind die Trieblängen der Rebstöcke größer und die Gewichte der Beeren insgesamt höher. Die Ökowinzer wiederum können aber auf einen geringeren Schaden durch die sogenannte Essigfäule hoffen. Zudem sind die Trauben in ihren Rebzeilen offenbar lockerbeeriger, was bei den Winzern wegen der geringeren Anfälligkeit für Krankheiten durchaus erwünscht ist.
Der Ertrag in den konventionell bewirtschafteten Rebzeilen ist geringfügig höher als in den biologischen Vergleichsparzellen, ebenso trifft das auf den Zuckergehalt (Öchsle) und die Säurewerte zu. Ob und welche Auswirkungen das auf den Geschmack der Weine hat und ob es weitere Unterschiede gibt, wenn die jeweiligen Weine mit Reinzuchthefen aus dem Labor oder mit natürlichen Hefen aus den Weinbergen vergoren werden, darüber erwartet sich Meißner erst zum Jahresende näheren Aufschluss, wenn die umfangreichen Daten zahlreicher Verkostungen der Weine durch Studenten, Winzer und Sommeliers im In- und Ausland ausgewertet sind. Zur Beantwortung vieler weiterer Fragen soll der Langzeitversuch laut Meißner noch viele Jahre fortgeführt werden.
Für den Geisenheimer Marketingexperten Dieter Hoffmann steht zumindest schon jetzt fest, dass Bioweine im Handel ordentliche Wachstumsraten erzielen, auch wenn ihr Volumenanteil derzeit noch unter zwei Prozent liege. Auch Bioweine müssten sich dem Preiskampf stellen. Vor dem Hintergrund, dass die Zielgruppe der Biowaren "ohnehin nicht die billigsten Produkte kauft", sei der Durchschnittspreis im Handel von 2,93 Euro je Flasche Wein nicht eben außergewöhnlich. Bioweine seien deshalb per se auch keine Premiumprodukte, zumal der internationale Konkurrenzkampf groß und der Lebensmittelhandel auch auf diesem Feld preisaggressiv sei. Schließlich traue nur ein kleiner Teil der Verbraucher dem Versprechen der Bioprodukte eines gesünderen Lebensstils.