08.05.2009 · Koch, Bender und Roth bekräftigen Bedeutung des Ausbaus beim symbolischen Arbeitsbeginn / Proteste
jor./isk./lat. Kelsterbach/Flörsheim. Der Bau der Nordwestlandebahn des Frankfurter Flughafens hat nun auch offiziell begonnen. Beim symbolischen ersten Spatenstich gestern im Kelsterbacher Wald sagte Wilhelm Bender, Vorstandsvorsitzender der Fraport AG: "Diese Bahn sichert die Zukunftsfähigkeit der größten Luftverkehrsdrehscheibe Deutschlands im internationalen Wettbewerb, und sie sichert die wirtschaftliche Prosperität der gesamten Region."
Der Frankfurter Flughafenbetreiber investiert in den Bau der vierten Piste des größten deutschen Flughafens und in ein drittes Terminal rund vier Milliarden Euro. Bender wies darauf hin, dass man dabei nicht auf Geld aus der Staatskasse zurückgreife und rund 70 Prozent der Investition in Form von Aufträgen der Region zugute komme.
Nach der Erweiterung sind Fraport zufolge 700 000 Flugbewegungen im Jahr in Frankfurt möglich, zurzeit sind es 500 000. Mit dieser Kapazität sei Frankfurt gut gerüstet für die für 2020 in Frankfurt zu erwartenden 88 Millionen Fluggäste. Bender geht davon aus, dass die Landebahn wie geplant 2011 in Betrieb genommen werden kann.
Der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) sprach von "einem historischen Tag für die Rhein-Main-Region und Hessen". Für die Landesregierung habe das Projekt oberste Priorität, die Entscheidung für den Ausbau sei eine "Generationenentscheidung". Er zeigte sich zuversichtlich, dass der Frankfurter Flughafen mit der Erweiterung die Chance habe, erfolgreich mit den anderen großen Luftverkehrsdrehkreuzen der Welt zu konkurrieren.
"Wenn wir die Kapazität anbieten, haben wir die besten Chancen", sagte Koch weiter. Wenn Frankfurt mangels Kapazität nicht die von den Fluggesellschaften nachgefragten attraktiven Zeitfenster für Starts und Landungen anbieten könne, suchten sich Passagier- und Frachtströme eben andere Wege. Der gerade aus dem Mittleren Osten zurückgekehrte Ministerpräsident wies darauf hin, dass beispielsweise die Verbindungen von Amerika nach China nicht zwingend über Europa laufen müssten, sondern ebenso gut via Dubai abgewickelt werden könnten.
Für die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) ist das Wohlergehen der Stadt unauflösbar mit dem wirtschaftlichen Erfolg des Flughafens verknüpft. "Wenn es dem Flughafen Frankfurt gutgeht, geht es auch der Stadt Frankfurt gut", sagte sie.
Derweil bezeichnete der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) den symbolischen Baubeginn der Nordwestlandebahn als "Trauerspiel". In einer Mitteilung äußerte der BUND die Hoffnung, dass am Ende des noch anhängigen juristischen Verfahrens doch noch eine Entscheidung gegen den Ausbau stehen könnte. Zum anderen sei angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise fraglich, welchen Wert die früheren Wachstumsprognosen nun noch hätten. Ähnlich argumentierte Frank Kaufmann, Flughafenexperte der Grünen im Hessischen Landtag, in einer Reaktion auf den Spatenstich: "Der heutige Baubeginn der Nordwest-Landebahn im ehemaligen Kelsterbacher Wald findet auf juristisch schwankendem Boden statt. Obwohl die Nachfrage nach Flügen weltweit stark rückläufig ist und die vorhandenen Slots gar nicht mehr alle ausgenutzt werden, kann Fraport es nicht abwarten, den Beton anzurühren", äußerte Kaufmann.
Was diese juristische Auseinandersetzung betrifft, hatte Bender in seiner Rede auf der Baustelle einmal mehr darauf hingewiesen, dass Fraport nach dem Planfeststellungsbeschluss vom Dezember 2007 längst die Möglichkeit gehabt habe, mit dem Bau zu beginnen. Zudem habe der Verwaltungsgerichtshof in Kassel in den abschlägigen Bescheiden zu Eilanträgen gegen den Ausbau wörtlich darauf hingewiesen, dass dem Ausbau nun nichts mehr im Wege stehe.
Während der mit einem starken Polizeiaufgebot bewachten Feier demonstrierten rund 100 Flughafenausbaugegner mit Trillerpfeifen, Sprechchören und großflächigen Transparenten in unmittelbarer Nähe zur Baustelle im Kelsterbacher Wald gegen die neue Landebahn. Auch sie kritisierten, dass die Fraport mit dem Bau beginne, bevor die letzte Gerichtsentscheidung gefallen sei. Die Demonstranten zogen gegen 11.30 Uhr zur Rodungsstätte und postierten sich am Zaun - in Sichtkontakt zu den Vertretern aus Wirtschaft und Politik, die sich zum ersten Spatenstich versammelt hatten. Mit Pfiffen und lauter Musik versuchten sie, die Veranstaltung zu stören. Sie bezeichneten den Ausbau als "nachhaltige Zerstörung der Region". Zu weiteren Aktionen kam es später an einer S-Bahn-Brücke an der Okrifteler Straße, die in der Nähe der Rodungsstätte verläuft. Dort hatten sich vier Umweltaktivisten von "Robin Wood" angeseilt und ein Transparent aufgehängt. Die Feuerwehr holte die Demonstranten schließlich herunter. Unter der Brücke kam es zudem zu einer Sitzblockade. Als die Demonstranten die Straße nach mehrfacher Aufforderung nicht verlassen wollten, griff die Polizei ein. Dabei wurde ein Demonstrant vorläufig festgenommen. Die Ausbaugegner kündigten weitere Proteste an.
Politische Vertreter der Flughafenanrainergemeinden pflanzten gestern in Flörsheim aus Protest gegen den Ausbau den Setzling eines Riesenmammutbaums. Er wächst 70 Zentimeter im Jahr und wird in 110 Jahren seine Krone auf 80 Meter Höhe tragen. Der immergrüne Nadelbaum stehe als Symbol der Langlebigkeit für die Beharrlichkeit und den Behauptungswillen der Ausbaugegner, hob der Flörsheimer Bürgermeister Michael Antenbrink (SPD) hervor. Der Baum weise zudem auf die gigantische Naturzerstörung hin. Mehr als 100 000 Bäume würden für die Landebahn gefällt.
Zu der Aktion waren die Bürgermeister der Nachbarkommunen, Hans Franssen (Hattersheim), Gisela Stang (Hofheim, beide SPD), Reinhard Bersch (Bischofsheim, parteilos), Angelika Munck (Hochheim, Freie Wähler), der Mainzer Umweltdezernent Wolfgang Reichel (CDU) und der Landrat des Kreises Groß-Gerau, Enno Siehr (SPD), gekommen.
Sollte die Landebahn tatsächlich nicht durch einen Richterspruch verhindert werden, würden künftige braungebrannte Mallorca-Urlauber um 23 Uhr 400 Meter über den Köpfen der Flörsheimer einfliegen und den Menschen die Nachtruhe rauben, sagte Antenbrink vor rund 200 Teilnehmern. Die Grenzen des zumutbaren Fluglärms seien schon heute überschritten. Auch an "die Mär von den Arbeitsplätzen" glaube keiner mehr. Die Region werde sich mit allen Rechtsmitteln gegen den Ausbau wehren. Diese Aussage unterstützte Landrat Siehr: "Wir lassen uns nicht unterkriegen." Das Projekt drohe ein ökologisches und ökonomisches Desaster zu werden; ein Millionengrab für Flugkapazitäten, die nie benötigt würden. Den Gang zum Europäischen Gerichtshof kündigte Hans Jakob Gall, Vorsitzender des Vereins "Für Flörsheim", im Falle eines Scheiterns auf nationaler Ebene an.