30.06.2009 · Ein Trägerverein für einen Kulturfernwanderweg ist in Neu-Isenburg gegründet worden. Er soll an die Glaubensflüchtlinge erinnern.
es. NEU-ISENBURG. Über 1800 Kilometer erstreckt sich die Route: Sie beginnt in dem rund 700 Einwohner zählenden Ort Le Poët-Laval in der südfranzösischen Region Rhône-Alpes, führt über die Alpen bis nach Genf; dort kommt eine Wegstrecke aus dem italienischen Piemont hinzu. Entlang der Aare geht es weiter nach Schaffhausen in Richtung Deutschland. Über den Ostrand des Schwarzwalds verläuft der Weg entlang dem Neckar nach Norden in den Kraichgau und in den Odenwald, ehe er durch das Rhein-Main-Gebiet und den Hochtaunus, den westlichen Spessart, das Lahn-Dill-Bergland, Burgwald, Kellerwald und das nordhessische Bergland den Endpunkt Bad Karlshafen erreicht. Wer der Strecke folgt, wandert auf den Spuren der Hugenotten und Waldenser, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 wegen ihres protestantischen Glaubens aus Frankreich und dem Piemont vertrieben wurden. Auf ein Netz geheimer Pfade und Wege waren die Flüchtlinge in Frankreich angewiesen; in der Schweiz und in Deutschland konnten sie offizielle Wege und Transportarten nutzen.
In Neu-Isenburg, wo 1699 hugenottische Flüchtlinge aus Frankreich eine neue Heimat fanden, ist jetzt ein nationaler Trägerverein für den Europäischen Kulturfernwanderweg "Hugenotten- und Waldenserpfad" gegründet worden; den Vorsitz hat der Erste Stadtrat Herbert Hunkel (parteilos) übernommen. 31 Kommunen und Organisationen, darunter Neu-Isenburg, Mörfelden-Walldorf, Bad Homburg, Friedrichsdorf, Hanau und Ober-Ramstadt, die allesamt enge Bezüge zu Hugenotten oder Waldensern haben, sind Mitglied geworden; der Naturpark Hochtaunus ist ebenso dabei wie der Touristik-Service Odenwald-Bergstraße. Die Stadt Offenbach will nach den Worten von Hunkel im nächsten Jahr beitreten. Weitere Mitglieder sind willkommen.
Der Verein, dessen Geschäftsstelle sich in Neu-Isenburg befindet, hat die Absicht, gemeinsam mit Partnern in Italien, Frankreich und der Schweiz das historische Kulturerbe der Hugenotten und Waldenser in seiner Bedeutung für die kulturelle Identität im öffentlichen Bewusstsein zu verankern und der Bevölkerung zugänglich zu machen. Damit lasse sich die regionale Identität fördern und die touristische Attraktivität steigern. So werde man den Kommunen Hinweise zur einheitlichen Ausschilderung geben, sagte Hunkel. Außerdem gehe es darum, für den Hugenotten- und Waldenserpfad Geld zu akquirieren und Sponsoren zu gewinnen. Hunkel sprach von einem Projekt "so ähnlich wie der Jakobsweg". Die Konzeption soll ebenfalls daran erinnern, dass Flucht, Exil, Toleranz und Integration auch heute einen Schwerpunkt gesellschaftlicher und kultureller Fragestellungen bilden.
Bei ihrer oft Jahre dauernden Flucht brachten Hugenotten und Waldenser neue Techniken und Fertigkeiten - Textilverarbeitung, Uhrmacherhandwerk, Spargelanbau und die Techniken der Buchdruckerkunst - mit. So vollzog sich ein Technologie-Transfer, der sich bis heute anhand von Firmen- und Familiennamen verfolgen lässt. In weiten Abschnitten ist der Verlauf des Weges schon sehr genau abgestimmt und festgelegt; die ersten Strecken werden in diesem Sommer markiert. Besondere Angebote entlang der Etappen müssen zusammengetragen werden, um ein stimmiges Orientierungs- und Informationssystem sowie ein internationales Marketing aufzubauen. So will der Verein die Möglichkeiten schaffen, dass sich ein Wanderer im Piemont auch über die Angebote längs des Wegs etwa zwischen Neu-Isenburg, Walldorf und Rohrbach im Odenwald informieren kann. Der Neu-Isenburger Bürgermeister Oliver Quilling (CDU) wies bei der Gründungsversammlung auf die historische Verbindung der Stadt zur Geschichte der Hugenotten hin, die heute noch im Stadtbild zu erkennen sei. Nach den Worten von Horst Burghardt (Grüne), dem Bürgermeister von Friedrichsdorf, ebenfalls einer Hugenottengründung, rückt die Stadt mit dem Beitritt zum Verein ihre außergewöhnlichen historischen Wurzeln wieder stärker in den Fokus der Öffentlichkeit. Man wolle von der wachsenden touristischen Bedeutung eines solchen Fernwanderweges profitieren und sowohl den nationalen als auch den internationalen Bekanntheitsgrad der Stadt steigern.
Hunkel, der für drei Jahre den Vorsitz übernimmt, bezeichnete den Hugenotten- und Waldenserpfad als "sehr spannendes und wichtiges Projekt". Zur Vorbereitung standen bisher 60 000 Euro zur Verfügung. Dabei soll es aber nicht bleiben. Vorgesehen ist, auch Fördermittel der Europäischen Union zu beantragen.