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Veröffentlicht: 15.08.2010, 23:35 Uhr

Apokalypse und Rollmops

Verfemt, vertrieben und vergessen: Bislang gibt es kein Werkverzeichnis der Gemälde Ludwig Meidners. Das soll sich jetzt ändern. Von Konstanze Crüwell

"Malen wir das Naheliegende, unsere Stadt-Welt! Die tumultuarischen Straßen, die Eleganz eiserner Hängebrücken, die Gasometer, welche in weißen Wolkengebirgen hängen, die Koloristik der Autobusse und Schnellzuglokomotiven, die wogenden Telephondrähte . . ., und dann die Nacht . . . die Großstadt-Nacht."

Schon vor dieser im Jahr 1914 veröffentlichten "Anleitung zum Malen von Großstadtbildern" hatte Ludwig Meidner (1884 bis 1966) wahrhaft exemplarische Bilder zum Thema geschaffen. Sein 1913 entstandenes Gemälde "Ich und die Stadt" galt zu Recht als Programmbild des Berliner Expressionismus, und Meidners ähnlich wild zerklüftete "Apokalyptische Landschaften" wurden als visionäre Vorahnungen des Ersten Weltkriegs gelesen. Seit jenen Jahren machte er sich zudem als hervorragender Porträtist einen Namen und malte Persönlichkeiten wie Conrad Felixmüller, Leo Baeck, Max Hermann-Neiße, Johannes R. Becher, Lotte Lenya und viele andere.

Bald nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kehrte Meidner zum jüdischen Glauben zurück. Er wandte sich vor allem der Darstellung religiöser Themen zu, damals freilich ohne großen Erfolg. In dieser krisenhaften Situation besann er sich auf sein Talent als Autor, schrieb eine geniale, hochkomische "Verteidigung des Rollmopses" und weitere geistvolle Feuilletons, die er zwischen 1927 und 1933 in Berliner Zeitungen veröffentlichte. In der Zeit des nun beginnenden Nationalsozialismus wurde Meidner das Leben als "entarteter Künstler" immer schwerer erträglich. Im Jahr 1939 emigrierte er nach England, fand dort als Künstler aber nur wenig Beachtung.

Als er Anfang der fünfziger Jahre in die Heimat zurückkehrte und mit Hilfe von Hanna Bekker vom Rath in Hofheim-Marxheim ein Atelier bezog, wurde sein lange verfemtes OEuvre von der Kunstszene auch hier nur allmählich wieder wahrgenommen. Das änderte sich erst durch die große Retrospektive von 1991 in Darmstadt. Heute wird Meidners künstlerischer Nachlass im Jüdischen Museum Frankfurt betreut, dort liegen auch die Urheberrechte. Ein Werkverzeichnis von Meidners Bildern gibt es bisher allerdings noch nicht, zum großen Bedauern von Cornelia von Plottnitz. Die Frankfurter Stadträtin, in Hofheim aufgewachsen, hat den Maler gut gekannt, ist mehrfach von ihm porträtiert worden und engagiert sich seit langem dafür, die Erinnerung an Leben und Werk dieses bedeutenden Künstlers wachzuhalten. Aus diesem Grund hat sie 1990 die Ludwig-Meidner-Gesellschaft gegründet, zu deren Zielen es gehört, an der Erforschung seines malerischen, graphischen und literarischen Werks mitzuwirken.

Jetzt ist das zentrale Anliegen der Gesellschaft, die Herausgabe eines Werkverzeichnisses der Meidner-Gemälde, in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum endlich in greifbare Nähe gerückt. Dies ist vor allem der von Helga Dierichs geleiteten Stiftung Citoyen zu verdanken, die für die Finanzierung des Projekts aufkommt. Erarbeitet wird das Werkverzeichnis von den Kunsthistorikern Michael Köhler, Eckhardt Sturm und Ursula Teschner, die sich schon lange mit Meidner beschäftigen und ihre neue Aufgabe ehrenamtlich übernommen haben. Hinweise auf Gemälde Ludwig Meidners in privatem Besitz sind willkommen und sollten unter c.v.plottnitz@t-online.de an die Ludwig-Meidner-Gesellschaft, zu Händen Cornelia von Plottnitz, gerichtet werden.

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