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Vereinigte Staaten von Amerika Alle Viertelstunde ein Freiheitskampf

Boston gilt als die Wiege der Unabhängigkeit Amerikas. Das neue Tea Party Ships & Museum in der Stadt an der Ostküste erklärt, wie es dazu kam - und verwandelt seine Besucher nebenbei in glühende Rebellen.

© Erik Jacobs/NYTimes/Laif Vergrößern So könnte es gewesen sein: Kapitän Hezekiah Coffin an seinem Schreibtisch im Bauch der „Beaver“.

Wir sind Seiler und Ärzte, Fassmacher und Kaufleute. Mit dabei sind auch Tagelöhner und Waschweiber, denn an diesem 16.Dezember 1773 gibt es keine Standesunterschiede. Schulter an Schulter sitzen wir in einem kargen Versammlungsraum und steuern geradewegs auf ein Ereignis zu, das später jedem amerikanischen Schulkind als Fanal unseres Unabhängigkeitskriegs geläufig sein wird. Seit Jahren schon ächzen wir unter den Knebelsteuern, mit denen uns die britische Krone bluten lässt, um den „French and Indian War“ zu finanzieren. Wir haben für den verfluchten König GeorgIII. auf dem Schlachtfeld gekämpft, doch statt eines Mitspracherechts im Londoner Parlament halst er uns immer neue Steuern auf. Die Stimmung, von unserem wortgewaltigen Mitbürger Samuel Adams am Rednerpult angeheizt, ist am Siedepunkt. Mit lautem Zischen quittieren wir die Namen englischer Lords, die wir hinter den Willkürakten hier in Boston wissen, mit Buhs und demonstrativem Langenasedrehen zeigen wir Gouverneur Thomas Hutchinson, dass wir ihm nicht mehr folgen.

Neben uns sitzt der wohlhabende Kaufmann Thomas Porter. Als Heißsporn hat er sich, soweit wir dies als seine langjährigen Nachbarn beurteilen können, bisher nicht hervorgetan. Doch jetzt hält es selbst ihn nicht mehr auf der Bank. „Sie besteuern sogar unsere Zeitungen, Karten- und Würfelspiele“, stößt er mit wutentbranntem Gesicht hervor und ballt die Faust. „Hört, hört“, rufen wir zustimmend und fühlen dabei einen wohligen Schauer, weil uns die allseits geteilte Entrüstung wie eine Woge davonzutragen scheint. „Schande! Unerhört! Schande, Schande!“ Samuel Adams, ein Schwergewicht in grobem Wams und Kniebundhosen, faltet die Hände über dem Bauch und blinzelt listig. Der Zeitpunkt, die Neuigkeit des Tages unters Volk zu bringen, ist gekommen. Schwer stützt er sich auf sein Pult, lehnt sich nach vorn und dröhnt: „Jetzt will der nimmersatte dritte Georg auch noch unseren Tee besteuern!“ Das wütende Fußgetrampel zwischen den Reihen schwillt zu einem ohrenbetäubenden Donnergrollen an.

Die Waschfrau als Einpeitscherin

Samuel Adams, in ferner Zukunft eine amerikanische Ikone und als Namensgeber einer Bostoner Brauerei in aller Munde, hebt milde lächelnd die Arme und senkt die Stimme, er ist ein begnadeter Redner. „Im Hafen ankern britische Segelschiffe mit 350 Teekisten“, sagt er lauernd. „Was sagt ihr? Was sollen wir mit dem Tee machen, ihr Söhne und Töchter der Freiheit?“ Unentschlossenes Gemurmel, doch geschwind hilft uns die Waschfrau Sarah Hughes auf die Sprünge. Mit scharfer Zunge gibt sie in diesem Stück die Einpeitscherin aus dem Volk. „In die See mit dem Tee!“, keift sie, „in die See! Hurra!“ Das sitzt. Alle springen auf, wir auch, und mit dem rhythmischen „Dump the tea/In the sea“ auf den Lippen schieben wir zur Tür hinaus. Stimmen der Mäßigung wie die unseres zu Gewaltverzicht aufrufenden Mitstreiters Thomas Crafts verhallen ungehört. Mit klopfendem Herzen und die Freiheit im Blick, eilen wir zur Griffin’s Wharf hinunter. Na wartet, ihr adligen Nichtsnutze! Wir kommen!

Boston Tea Party Museum © Ole Helmhausen Vergrößern Keine Gegenwart ohne Vergangenheit: das Boston Tea Party Museum vor der Skyline der Stadt.

Eines muss man den Amerikanern lassen: Show können sie. Wir langweilen uns nicht eine Sekunde und lassen uns von dem furios inszenierten Freiheit-und-Gleichheit-Mitmachstück mitreißen, das vor 240 Jahren Bostons kriesgmüde Bürger in feurige Rebellen verwandelte und heute Tag für Tag im kürzlich eröffneten Boston Tea Party Ships & Museum aufgeführt wird. Der spartanisch eingerichtete Versammlungsraum, die kochende Volksseele, die Einpeitscher, die begnadeten Redner und das unbestimmte, in jedem Fall aber euphorische Hochgefühl, am Rad der Geschichte mitzudrehen: All das ist großartig inszeniert, auch wenn es im Viertelstundentakt vonstattengeht. Das müssen selbst wir Europäer eingestehen, die chronisch kritisch dem immer etwas zu populistischem Pathos neigenden amerikanischen Kulturgut gegenüberstehen.

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