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Veröffentlicht: 06.10.2011, 16:54 Uhr

Türkei Kapitän Ismail fängt den besten Fisch

Antike Stätten, malerische Dörfer und Zackenbarsch frisch aus dem Meer: An der türkischen Riviera kann man vieles entdecken, vor allem aber die Langsamkeit.

von Nina Rehfeld
© Nina Rehfeld In Bozburun werden Ziegen mit kleinen Booten von einer Weide zur nächsten verschifft.

Vorsichtig dreht Halil Furat die Mokkatasse wieder um, die er kurz zuvor kopfüber auf die Untertasse gestellt hatte. Schweigend betrachtet er den Kaffeesatz, der allerlei seltsame Muster auf den Tassenrand gezeichnet hat. "Das hier", sagt er schließlich und zeigt auf eine bauchige Schliere, "sieht aus wie ein Fisch. Das bedeutet, dass viel Gutes Ihres Wegs kommt."

Wie wahr. Wir werden die kommenden zehn Tage auf einer traditionellen türkischen Gulet verbringen, einem hölzernen Zweimaster, der den schönen Namen "Burç-U-Zafer" trägt. Auf unserem Törn werden wir das Mittelmeer entlang der türkischen Südküste durchkreuzen, auf den Spuren antiker Zivilisationen.

Mit elf Jahren schon das erste Boot

Wir sitzen auf dem mit riesigen weißen Kissen ausgelegten Heck unseres Schiffes, und um uns herum im Hafen von Bodrum reckt eine Gulet neben der nächsten stolz ihren Bugspriet in die Luft. Das Geschäft mit den schönen Holzyachten läuft prächtig. "Als ich im Jahr 1974 anfing, lagen hier vielleicht fünfundzwanzig Ausflugsboote im Hafen", sagt Halil Furat. Er ist der Sohn eines Mechanikers und baute im Alter von elf Jahren sein erstes eigenes Boot - gemeinsam mit seinem Bruder zimmerte er 1973 eine kleine Jolle mit Mast und Ruder zusammen und setzte für ein paar türkische Lira Künstler und Wissenschaftler zu einer Insel vor Bodrum über: "Das waren damals die Touristen, und wir fühlten uns wie echte Männer, weil wir mit ihnen Geschäfte machten." Heute ist Halil Furat neunundvierzig Jahre alt und besitzt neben der "Burç-U-Zafer" zwei weitere Luxus-Holzyachten. Samt vierköpfiger Crew vermietet er diese an Touristen aus aller Welt.

Ich reise mit acht Neuseeländern, sieben davon sind Frauen. Wir stehen am Heck und genießen den Blick auf den sich entfernenden Hafen von Bodrum, in dem wir uns eingeschifft haben. Einst säumte die antike Stadt Halikarnassos mit ihrem berühmten Mausoleum die Bucht. Das gigantische Grabmal hatte man um das Jahr 350 vor Christus dem persischen Statthalter Mausolos errichtet. Dank seiner Pracht und Größe fand es Eingang in die Reihe der sieben Weltwunder der Antike. Die Steine der Ruinen wurden später zum Bau der mittelalterlichen Burg benutzt, die heute den Hafen von Bodrum überragt.

17140726 © Nina Rehfeld Vergrößern In entlegen Buchten bekommt man eine Ahnung, wie es vor dem Massentourismus ausgesehen haben muss.

Die Kunst des Müßiggangs

Ein bis zwei Millionen Euro kosten die handgefertigten, in der Regel dreißig Meter langen Gulets. Furat nennt sie "schwimmende Luxushotels" und übertreibt dabei nicht. Unser herrliches Schiff wird uns Vehikel und Herberge in einem sein und in uns eine verschüttet geglaubte Kunst wiedererwecken - jene des Müßiggangs.

Über hundert Seemeilen liegen bis zu unserem Ziel Ekinçik vor uns. Wir werden die Datça-Halbinsel und die Bozburun-Halbinsel umrunden und durch den Golf von Hisaronü segeln. Freilich weiß, wer schon mal auf einer Segelyacht übernachtet hat, dass im Innern eines Schiffs von Weite keine Rede sein kann. Doch auch wenn es eine Übertreibung wäre, die sechs Doppelkabinen samt Duschbad als geräumig zu bezeichnen, so bieten sie doch reichlich Stauraum und lichte Höhe. Im Waschbereich stößt sich jedenfalls beim Umziehen und Zähneputzen niemand die Ellenbogen.

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