22.02.2012 · Mayrhofen im Zillertal rühmt sich der steilsten präparierten Piste der Alpen. Sie heißt Harakiri und ist der Schrecken jedes Skiwinters. Doch bisher haben sie noch alle überlebt.
Von Christoph SchraheMan könnte es auch einfach seinlassen. Man müsste diesen Wahnsinnshang mit seinen aberwitzigen achtundsiebzig Prozent Neigung nicht aufwendig beschneien, mühselig präparieren und dafür Unsummen ausgeben. Man könnte also vernünftig sein. Doch wenn sich ein Zillertaler etwas in den Kopf gesetzt hat, dann zieht er es auch durch. Es war der Kopf von Tobias Fankhauser, in dem die Idee entstand, diesen Hang in eine Piste zu verwandeln. Als Betriebsleiter war er im Jahr 2003 für den Bau der neuen Knorrensesselbahn verantwortlich. Fankhauser erkannte, dass man unter dem Lift nur ein paar Erlenbüsche herausnehmen und einige Steine aufsammeln müsste, um aus einem furchterregend steilen Abgrund, dessen Befahrung den Besten unter den Freeridern vorbehalten war, eine massenkompatible Piste mit einer magischen Anziehungskraft zu machen. Und genau diesen Reiz hat die Harakiri-Piste ohne Zweifel, weil Skifahren eben immer noch ein Mutsport ist.
Das ist ein wenig in Vergessenheit geraten, denn in unserer fahrradbehelmten Vollkaskogesellschaft ist es unmöglich geworden, einen Sport als gefährlich zu verkaufen. Das Mantra lautet: Skifahren ist leicht zu erlernen und reiner, risikoloser Genuss. Das Wort Gefahr taucht in der Werbung der Wintersportregionen nicht einmal in seiner Negation auf. In den Anfängen des Sports, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, war das noch anders. Damals galt es als Ausweis größter Tollkühnheit, sich auf zwei langen Latten steile Schneeberge hinabzustürzen - was es angesichts der primitiven Ausrüstung auch in weit größerem Maße war als heute. Im Verhältnis zu den Gefahren des Alltags - ständig drohte man an irgendwelche Fronten einberufen zu werden - konnte man das zwar nicht wirklich als bedrohlich bezeichnen, doch dem Image des Skisports war die Aura des Gefährlichen überaus zuträglich.
Ganz gleich, ob man zum ersten Mal auf Skiern steht oder das hundertste Mal, die Erfahrung ist immer dieselbe: Trotz quasi selbststeuernder Carving-Bretter und einer auch sonst hochtechnisierten Ausrüstung braucht man noch immer Mut, den potentiell schmerzhaften Kontrollverlust zuzulassen und sich hangabwärts in Bewegung zu setzen. Wer seine sportlichen Aktivitäten auf Joggen, Fahrradfahren oder Golfen beschränkt, wird bei seinen Leibesübungen nie mit Todesangst konfrontiert sein. Eine skisportliche Laufbahn hingegen ist eine ewige Abfolge von Angstzuständen, die mit der Zeit und zunehmendem Können nur seltener werden. Und die Idole des Sports sind bis heute die Furchtlosesten, die Sieger auf der Streif, die Freerider auf nie befahrenen Linien in den überirdisch steilen Flanken der Chugach Mountains oder irgendwelchen anderen schroffen Hochgebirgen dieser Welt.
Mit dem Befahren einer schwarzen Piste wähnt sich der gemeine Skifahrer den Heroen auf dem Olymp des Sports ein Stückchen näher. Sie zu bewältigen ist der Ausweis dafür, die Angst endlich hinter sich gelassen zu haben. Eine schwarze Piste zu fahren lautet deswegen für viele Wintersportler das erklärte sportliche Ziel einer Urlaubswoche im Schnee. Und das Allergößte ist, die schwärzeste aller schwarzen Pisten bezwungen zu haben, die Harakiri am Mayrhofener Skiberg Penken. Spätestens, wenn man am Nebentisch die Prahlereien über die Großtaten auf der Harakiri hört, muss es bis zum Ende des Urlaubs in Mayrhofen eben nicht irgendeine Schwarze sein, sondern genau diese. Kneifen kommt da für viele nicht in Frage, es geht schließlich um die sportliche Ehre.
Eine Frage der Ehre war auch der Namenspatron der Piste. Harakiri setzt sich aus „hara“, japanisch für Bauch, und „kiru“, dem Wort für schneiden, zusammen und ist ein Selbstmordritual, das im mittelalterlichen Japan zunächst unter den Samurai aufkam. Meist wurde es begangen, um die eigene Ehre oder die der Familie wiederherzustellen. Ob man sich bei den Mayrhofner Bergbahnen bei der Namensfindung über die Grausamkeit dieses Rituals bewusst war, ist nicht überliefert. Anerkannt wurde der Harakiri nur, wenn auf dem Gesicht des Toten kein Ausdruck von Schmerz oder Angst erkennbar war. Da der Schnitt in den Unterbauch jedoch größte Qualen hervorrief und der Tod eher langsam eintrat, war es dem Selbstmörder gestattet, sich eines Assistenten zu bedienen, der ihn, sobald er den Kopf senkte und damit anzeigte, dass die Schmerzen zu groß wurden, mit einem gezielten Schwerthieb in die Halswirbelsäule tötete. Beging der Assistent dabei einen Fehler, wurde er nicht selten selbst zum Harakiri aufgefordert.
Die Piste gleichen Namens gilt landläufig schon dann als erfolgreich absolviert, wenn man ohne Sturz hinunterkommt. Wer das nicht schafft, landet erst auf dem Hosenboden und dann, getrieben von der Einsicht in die eigene Fehlbarkeit, häufig bei einem Skilehrer. Bei Stefan Wierer ist man für eine gezielte Vorbereitung auf die Harakiri besonders gut aufgehoben. Der gelernte Berg- und Skiführer und diplomierte Skilehrer aus Stummerberg im vorderen Zillertal kennt sich mit der Befahrung steiler Hänge aus. In seiner Jugend war Wierer Extremskifahrer, fuhr sechzig bis fünfundsechzig Prozent steile Abgründe hinunter wie die Eiswand des Hochfeilers, des mit 3510 Metern höchsten Berges der Zillertaler Alpen. Noch heute bekommt er leuchtende Augen, wenn er von dem Kick berichtet, bei jedem Schwung diesen Moment des freien Falls zu erleben. Einmal fiel er etwas zu frei und wäre fast im Rollstuhl gelandet: Bruch des fünften Brustwirbels. Danach wusste er, was Selbstüberschätzung anrichten kann.
Für Wierer ist die Harakiri auch mit seinen nunmehr fünfundvierzig Jahren immer noch nicht viel mehr als eine Aufwärmübung vor Abstechern ins freie Gelände. Dennoch liegt es ihm fern, die Piste zu verharmlosen. „Auf harter Unterlage kommt man schon bei einem Sturz in einem fünfundvierzig Prozent steilen Hang auf achtzig Prozent der Energie des freien Falls.“ Wie das erst bei achtundsiebzig Prozent Gefälle ist, will man gar nicht wissen. Was es bedeutet, mit mangelnden Fähigkeiten in diesen Hang einzubiegen, kann man auf Youtube besichtigen.
Videos der haarsträubendsten Stürze zeigen, wie hilflos die Skifahrer sind, wenn es sie erst einmal von den Beinen geholt hat, und wie rasant Gestürzte in diesem Terrain beschleunigen. Besonders gern betiteln die Filmer ihre Beiträge mit „I survived Harakiri“. Diese Worte prangen auch auf den T-Shirts, die man im Laden an der Talstation kaufen kann. Der richtige Harakiri führt zum sicheren Tod. Bei der Piste aber gibt es Überlebenschancen, jedenfalls bei gewissenhafter Vorbereitung. „Mit der richtigen Steilhangtechnik kann eigentlich nichts schiefgehen“, beschwichtigt Stefan Wierer. Das heißt: saubere Grundhaltung, bewusste Hoch-Tief-Bewegung in den Kurven, in der Schrägfahrt schön im Gleichgewicht bleiben, ordentlich aufkanten.
Ob seine Kunden schon fit genug sind, prüft Wierer genau. Er fährt mit ihnen auf einer der anderen schwarzen Pisten, schaut, ob die Aspiranten über eine bestimmte Strecke mit kontrolliertem Tempo schwingen und an einer vorbezeichneten Stelle im Steilhang stehenbleiben können. Auch seitwärts abrutschen übt er zur Sicherheit noch einmal. Denn manchem technisch eigentlich sicheren Skifahrer versagen angesichts der Steilheit in der Harakiri die Nerven. Und wer sich nicht mehr zu schwingen traut, muss zur Not eben abrutschen können. Schließlich folgt die Auffahrt mit der Knorrenbahn, die direkt an der Piste entlangführt.
Im Lift hat man Gelegenheit, die Harakiri aus nächster Nähe in Augenschein zu nehmen. Die vielen Schneekanonen entlang der Piste lassen erahnen, welcher enorme Aufwand dahintersteckt, sie zu präparieren. Die Beschneiung nach dem üblichen Schema - abends die Kanonen anwerfen und sich morgens über den vielen Schnee auf der Piste freuen - funktioniert hier nicht. Der Schnee würde komplett an den Fuß der Piste abrutschen. Man kann immer nur zwei bis drei Stunden lang beschneien, muss dann warten, bis die Restfeuchtigkeit aus dem Schnee herausgefroren ist, und kann anschließend mit der Pistenraupe komprimieren. So wird die Schneedecke Schicht um Schicht aufgebaut, bis sie dick genug ist, die Harakiri freizugeben. Dann kommen die Skifahrer und kratzen den mühsam aufgebrachten Schnee wieder herunter. Nach Liftschluss geht das Spiel von vorne los: Schnee machen, warten, walzen - jeden Tag, die ganze Saison über, eine Sisyphusarbeit.
Doch die Mayrhofner Bergbahnen sind davon überzeugt, dass sich der Aufwand lohnt. Nicht nur, weil die Harakiri so schöne Werbeslogans ermöglicht - „Steiler abwärts geht’s nur an den Börsen“ - und für so viel Gesprächsstoff an den Hotelbars sorgt. Man attestiert ihr auch eine lenkende Funktion, eine Kanalisierung des Thrills. „Es ist besser, die Leute machen ihre Mutproben in einem kontrollierten, vor Lawinen gesicherten Umfeld, als dass sie im freien Gelände von einem Schneebrett verschüttet werden“, sagt Wierer. Hätte man aus dem Hang, über den die Knorrenbahn führt, keine Piste gemacht, hätte genau diese Gefahr bestanden. Denn Lifttrassen laden nun einmal zum Abfahren ein.
Die Bergfahrt bietet auch die Chance zur Einkehr und Selbstbefragung: Will man wirklich hier herunter? Muss das unbedingt sein und dazu noch unter den Blicken Dutzender Sesselliftfahrer? Die Bahn macht die Harakiri zu einer Bühne, auf der man triumphieren oder kläglich scheitern kann. Auch das macht für viele ihren besonderen Reiz aus, vor allem für Männer, die im Alltag wenig Gelegenheit zu archaischen Balzritualen haben. Die Reaktionen beim Abgang von dieser Bühne lassen sich grob in zwei Kategorien ordnen: sofort wieder oder nie wieder. Diejenigen, die erkennen, dass sie es können, wollen, der Angst entledigt, das Gefühl bei einer weiteren Befahrung auskosten. Die anderen wollen das Gefühl des Ausgeliefertseins und der Hilflosigkeit ganz schnell vergessen. Wieder gehört zur dritten Kategorie: den wahren Könnern, die mit einem milden Lächeln abdrehen und freie Hänge jenseits der achtundsiebzig Prozent suchen - die nächste Stufe des Olymp.
Manche müssen schon vor der Harakiri kapitulieren. Wenn erkennbar ist, dass die Fähigkeiten für eine sichere Abfahrt nicht ausreichen, empfehlen Skilehrer wie Wierer ihren Klienten, es seinzulassen. Sicherheit hat für ihn oberste Priorität. Auch die Bergbahnen leisten ihren Beitrag, die Gefahren der Harakiri zu reduzieren. An der tückischerweise überaus harmlos wirkenden Einfahrt warnt ein unübersehbares Schild in Deutsch und Englisch davor, als ungeübter Skifahrer diese Piste zu nehmen. Niederländisch wäre auch nicht schlecht, denn holländische Jungspunde haben nach übereinstimmender Meinung der Mayrhofner Skilehrer die ausgeprägteste Tendenz zur Selbstüberschätzung.
Damit nichts Dramatisches passiert, schieben die Pistenpräparierer an den Seiten der Harakiri zwei Meter hohe Wälle auf. Sie verhindern, dass man nach einem Sturz entweder in die Botanik links oder die Lawinenverbauung rechts der Piste schießt. Kollisionen gibt es daher allenfalls mit anderen Skifahrern, die, nichts Böses ahnend, unterhalb eines Stürzenden stehen und plötzlich von oben nach unten gekehrt werden. Auf Bitten der Skilehrer postieren die Bergbahnen den Fotografen, der einmal pro Woche auf der Harakiri Bilder schießt, die sich die Gäste dann von der Internetseite herunterladen können, freitags an der Piste. Dann sind die meisten Urlauber schon sechs Tage lang im Ort und einigermaßen eingefahren.
Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ist es auf der Harakiri schon zu schweren Unfällen gekommen. „Aber nicht mehr, als auf anderen Pisten“, behauptet Wierer. Steht man an dem Punkt, an dem die Harakiri von ihrer sanften Ouvertüre in eine gefühlte Senkrechte kippt, können einem allerdings schwere Zweifel daran kommen. Bevor es hinab in den Abgrund geht, hat der Skilehrer noch einen letzten Sicherheitshinweis: „Die Hände aus den Stockschlaufen nehmen. Wenn der Stock bei einem Sturz bricht und man ihn noch am Körper hat, kann das zu bösen Verletzungen führen“ - zu Stichwunden im Unterbauch zum Beispiel.
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Dieter Aster (derast)
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Prozent und Grad nicht verwechseln
Lukas Durand (Nepomuk_Brzlav)
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