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Österreich Das nächste Mal eine richtige Wand

27.08.2010 ·  Die Berge Osttirols sind schon lange ein beliebtes Terrain für Felskletterer und Wanderer. Die Lienzer Dolomiten wurden jetzt auch für Anfänger zugänglich gemacht.

Von Birgit Querengäßer
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Das ist kein guter Moment, um zu stolpern. Fast wäre der Fuß an einer Wurzel hängen geblieben. Die Knie werden weich, rechts gähnt der Abgrund, links ein nebliges Loch. Hinter uns geht Gottfried, unser Bergführer. "Manche Stellen sind ein bisschen steil", sagt er ruhig. "Ihr müsst euch konzentrieren." Ich konzentriere mich also. Linker Fuß auf den Stein, rechter Fuß in die Lücke, linker Fuß neben das Gras, rechter Fuß auf den Stein. Und nach oben, nicht nach unten schauen. Auf der Bergspitze ragt das mächtige Kreuz in den Himmel. Noch wenige Schritte, dann haben wir es erreicht. Plötzlich reißt die Wolkendecke auf, und die Sonne strahlt uns ins Gesicht: der Gipfel! "Berg heil!", rufen wir und beglückwünschen uns, auf 2273 Metern Höhe angekommen zu sein, beim Heimkehrerkreuz auf dem Schützenmahd in Osttirol.

Unsere Kleidung ist durchgeschwitzt. Es ist nicht nur Angstschweiß. Der Aufstieg war auch körperlich anstrengend. Aber Gottfried ist ein freundlicher Mann und hat die Tour anfängerfreundlich geplant. Vom Heimkehrerkreuz aus ist es nicht mehr weit bis zur Sillianer Hütte. Dieser Weg entspricht schon eher meiner romantischen Wandererphantasie: Rechts und links des Pfades blühen Enzian und Berganemonen, in einer Mulde ruht ein kleiner See, hinter einem Felsen duckt sich eine Hütte. Die wenigen Wanderer, die uns entgegenkommen nicken freundlich und sagen "Grüß Gott" oder "Buongiorno". Auf der Sillianer Hütte, die nahe der Grenze zu Italien steht, treffen sie alle zusammen: Österreicher, Italiener, Deutsche genießen den Blick über die Sextener Dolomiten.

Spitzenwetter in der Wand

Auf dem Weg bergab zur Leckfeldalm, wo wir unsere Tour heute Morgen auf 1900 Metern Höhe begonnen haben, bleiben wir auf leichten Wanderwegen. Trotzdem sind die Einzigen, denen wir begegnen, ein paar Kühe. "Wer Ruhe haben will, der fährt nach Osttirol", sagt Gottfried. Dass die Region touristisch wenig erschlossen ist, hat einen geschichtlichen Grund: Als Südtirol nach dem Ersten Weltkrieg an Italien abgetreten wurde, ging auch die direkte Verbindung zum Norden verloren. So blieb die Region vom Massentourismus verschont. Das Villgratental etwa ist eines der ursprünglichsten Täler im Alpenraum, seine Bewohner haben sich bis heute erfolgreich gegen Lifte gewehrt. Gleichzeitig bieten Wirte und Hoteliers den Gästen aber auch Luxus: Im Bezirkshauptort Lienz hat gerade das erste Fünfsternehotel eröffnet. Die Küche der Region ist dagegen schon lange gehoben, einige Restaurants sind mit der Gault-Millau-Haube ausgezeichnet worden. Das beste Argument für Urlaub in Osttirol ist aber wohl das Wetter: Lienz hat einen Durchschnittswert von 1952 Sonnenstunden pro Jahr. Das ist Spitze in Österreich.

Nicht nur das Wetter, auch die verschiedenen Gesteinsarten vor Ort - Kalk und Urgestein - machen die Region zu einem beliebten Ziel für Kletterer. Lange war Osttirol vor allem für Profis interessant, mittlerweile sind die Berge aber auch für Anfänger zugänglich gemacht worden. In der Region Lienzer Dolomiten gibt es zehn Klettersteige, die eine Mischung aus Wandern und Klettern ermöglichen. Die Italiener nennen sie "Via Ferrata", was so viel wie "Eisenweg" bedeutet. Stahlseile und Trittstifte erlauben es, sich gut abgesichert am Fels entlangzuhangeln.

Gehversuche auf der Hängebrücke

Der Eisenweg vor uns heißt Galitzenklamm. "Imposante Tiefblicke und das Rauschen des Wassers lassen ihn zu einem ,coolen' Erlebnis werden", wirbt ein Informationsprospekt. Wer ein bisschen "uncool" ist und wie wir noch nie klettern war, der sollte jedoch zuvor im "Treepark", eine Art Spielplatz für Fortgeschrittene, üben.

Lisi Steurer, staatlich geprüfte Bergführerin, händigt uns Kletterausrüstung und Helm aus und führt uns in den Wald. In den Bäumen hängen Stahlseile, Hängebrücken und Holzklötze. Das Erste, was wir üben, ist die Fortbewegung an den Stahlseilen, die bei Klettersteigen auch am Berg befestigt sind. Da diese von Verankerungen unterbrochen sind, muss man sich immer wieder ein- und aushaken. Um dabei nicht abzustürzen, hängt man an zwei Haken, die immer nacheinander und niemals gleichzeitig umgehängt werden. Unsere ersten Gehversuche machen wir auf einer Hängebrücke, später hangeln wir uns zwischen zwei Stahlseilen entlang, am Ende rutschen wir, an einem Seil hängend, dreißig Meter in den Wald. Es ist wie auf einem Spielplatz: Das, was einem anfangs am meisten Angst gemacht hat, macht am Ende am meisten Spaß. Abgesehen von der Übung, bei der wir in schwindelerregender Höhe von einem Holzklotzpendel zum nächsten hüpfen müssen. Die bleibt bis zum Schluss problematisch.

Suche nach Ritzen und Vorsprüngen

"Im Treepark kann man die Technik mit den Haken und Seilen lernen und Vertrauen in die Ausrüstung fassen", sagt Lisi Steurer. "Außerdem muss sich das Auge erst mal an die Höhe gewöhnen." Als wir an der Galitzenklamm ankommen, wird uns klar, warum das notwendig ist. Eine steile graue Felswand ragt dort auf, ein Wasserfall stürzt tosend in die Tiefe - nicht unbedingt ein Anblick für Menschen, die ihren Alltag im Büro verbringen.

Ein blaues Schild markiert den Anfang des Klettersteigs. Es steht vor einem kleinen Zaun, über den man steigen muss. So funktioniert natürliche Selektion: Wer da nicht rüberkommt, der braucht sich am Berg erst gar nicht zu versuchen. Wir haken uns in das Stahlseil ein. Der erste Teil ist schnell geschafft. Dann aber ragen keine Metallstifte mehr aus den Felsen: Nur der kommt voran, der wie ein richtiger Bergsteiger agiert: Wir suchen Ritzen und Vorsprünge, an denen wir uns hochziehen können.

Glücksgefühl wie auf dem Spielplatz

An einer Stelle komme ich nicht mehr weiter. Keine Trittstifte, der Berg ist glatt. Ich suche den Blick unserer Bergführerin und wackle mit der flachen Hand. Es ist das Zeichen für: "Ich brauche Hilfe." Lisi Steurer wirft mir ein zusätzliches Seil zu, das ich bei mir einhake. Sie zieht, ich stemme mich nach oben - mit vereinter Kraft wird die Wand geschafft. Die Stelle ist auch für den Rest der Gruppe schwierig. Während einer nach dem anderen das Seil zugeworfen bekommt, wartet der Rest. Warten, das bedeutet: Man setzt sich in seinen Gurt, stützt sich mit den Füßen am Fels ab - und lässt mit den Händen los. Beim Blick in die schwindelerregende Tiefe spult sich vor dem inneren Auge eine Szene aus einem alpinen Katastrophenfilm ab: Nach und nach lösen sich die einzelnen Stränge des Seils, bis man nur noch an einem einzelnen Faden hängt. Bevor der Gedanke zu Ende gedacht werden kann, geht es zum Glück weiter. Umschalten auf das Basisprogramm: den linken Fuß in die Felsspalte, den rechten auf den Trittstift. Karabinerhaken umhängen. Am Seil festhalten, linken Fuß auf den nächsten Trittstift. Und nach oben, nicht nach unten schauen.

Auf dem letzten Stück bricht die Gruppe auseinander, wir verlieren den Blickkontakt. Nur auf einer Brücke über dem Weg stehen Touristen und schauen der Kletterin bei ihren Mühen zu. Das und dass meine Vorgängerin schon so viel weiter ist als ich, weckt meinen Ehrgeiz. Zügig hangele ich mich um den Berg, hake ich mich in die Seilbrücke und balanciere über das einzelne Stahlseil über die Schlucht. Ich bin am Ziel. Als Zweite. Immerhin. Wieder fühle ich mich wie auf dem Spielplatz. Ich will noch mal! Am Rande des Abhangs lasse ich den Weg bis hierher noch einmal an meinem inneren Auge vorbeiziehen. Wie ich mich Schritt für Schritt um die Felsen hangelte. Wie ich immer höher stieg, ohne mit der Wimper zu zucken, und zum Schluss todesmutig die Klamm überquerte. "Die Zeiten des heroischen Bergsteigers sind vorbei", hatte Lisi Steurer gesagt. "Es gibt eine neue Generation, die das Ganze etwas entspannter angeht, die einfach eine gute Zeit haben will in der Natur." Ich bin da vielleicht etwas altmodisch. Das nächste Mal nehme ich mir einen richtigen Berg vor.

Anreise: Per Flugzeug nach Innsbruck oder Salzburg, weiter mit dem Mietwagen. Per Zug über Spittal nach Lienz oder Sillian. Per Auto von München aus über die E 54 nach Kiefersfelden/Kufstein (Ausfahrt Kiefersfelden), dann der Ausschilderung „Felbertauernstraße“ folgen.

Übernachtung: Empfehlenswert sind das Grandhotel Lienz mit Blick auf die Lienzer Dolomiten (Internet: www.grandhotel-lienz.com); mit einer Gault-Millau- Haube ausgezeichnet wurde das Hotel Strasserwirt am historischen Jakobsweg (Internet: www.strasserwirt.com); urig ist das Hotel Gannerhof in Innervillgraten. Die Betten sind mit Schafwolle bezogenen, in der Küche wird mit Produkten aus eigenen Landwirtschaft gekocht (Internet: www.gannerhof.at.)

Wandern: Der „Osttirol 360°“ ist der längste zusammenhängende Weitwanderweg der Alpen. Auf 360 Kilometern und sechsunddreißig Etappen führt er rund um Osttirol, Internet: www.osttirol-360grad.com

Klettern für Anfänger: Proben für den Ernstfall kann man im Treepark am Tristachersee. Er ist auch für Kinder geeignet, Internet: www.bergstatt.at

Klettersteige: Die Galitzenklamm hat eine Steiglänge von 210 Metern und liegt an einem Wasserfall, mittlerer Schwierigkeitsgrad, mit Begleitung für Anfänger geeignet - es gibt zwei Notausstiege. Der Madonnensteig erfordert mehr Ausdauer und Mut, da ein Stück des 650 Meter langen Steigs über eine Hängebrücke führt. Wer sie überwindet, der wird auf dem Gipfel mit einem Rundblick auf die Bergwelt belohnt. Gehzeit etwa vier Stunden. Internet: www.lienzerdolomiten.info.

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