17.02.2010 · China nutzt die im Mai beginnende Expo 2010, um Schanghai gehörig umzukrempeln. Altes muss weichen, obwohl das Neue nicht unbedingt schöner ist. Von Andreas Spaeth
Noch braucht es in Schanghai nur wenige Schritte, und man ist in einer anderen Welt. Auf der Nanjing Lu, der schicken Haupteinkaufsstraße, tobt der Verkehr, Glasfronten und Glitzerfassaden reihen sich in endloser Kette aneinander. Wir gehen durch eine unscheinbare Einfahrt, und da stehen sie, die vergessenen Zeugen einer längst vergangenen Zeit: dreistöckige Wohnhäuser aus rotem Ziegelstein. In Gebäuden wie diesen lebten bis vor wenigen Jahren die meisten der etwa zwanzig Millionen Einwohner der Megastadt. Menschen sitzen auf der Straße, tratschen, wetteifern bei Brettspielen und kaufen an kleinen Verkaufsständen ein. Es ist eine unwirkliche Parallelwelt zur lauten Moderne aus Konsum und Mobilität. Viele der historisch gewachsenen Wohnviertel gibt es allerdings nicht mehr in Schanghai, täglich werden es weniger. Umsiedlungen von Hunderttausenden, wenn nicht Millionen alteingesessener Bewohner in Hochhausneubauten am Stadtrand gehören zum Alltag - die Bedingungen sind angeblich fair.
"Dieser Block ist schon geräumt, hier steht es: Abriss", sagt Peter Hibbard und zeigt auf die chinesischen Schriftzeichen, die das Aus bedeuten. "Unser Kindermädchen, das hier wohnte, bekam fünfzigtausend Dollar Entschädigung und eine neue, größere Wohnung. Sie ist glücklich." Peter Hibbard wohnt gleich um die Ecke. Der britische Stadtplaner hat vor einigen Jahren zwei Wohnungen gekauft und sie zu einer einzigen gemacht. Heute ist sie das Zwanzigfache des damaligen Kaufpreises wert. Hibbard kam 1986 nach Schanghai und ist geblieben: Fasziniert von der Stadt am Huangpu-Fluss, von ihrer einmaligen Melange aus europäischer und chinesischer Kultur und Architektur. Er hat die Transformation Schanghais unmittelbar erlebt; lernte die Stadt kennen als eine auf dem Stand der fünfziger Jahre erstarrte museale, kommunistische Welt und verfolgte mit, wie sie sich im Zeitraffer zu einer Metropole der Zukunft wandelte. Heute bietet er Rundgänge zu architektonischen Kleinoden an, die selbst vermeintliche Schanghai-Kenner ohne ihn nie entdeckt hätten. Gebäude seien in Schanghai etwas Flüchtiges, sagt er. "Der Drang nach Veränderung ist hier groß."
Die Geschwindigkeit, mit der alte Viertel weichen müssen, um Platz für immer mehr neue Straßen, Shopping Malls, Hotels und Hochhäuser zu schaffen, macht Angst. "Abgesehen von den mehr als zweitausend unter Denkmalschutz stehenden Gebäuden kann es sein, dass hier in zehn Jahren nichts mehr an das Gestern erinnert", sagt Hibbard. Areale historischer Bebauung werden nach der Räumung luxussaniert und dann zu exorbitanten Mieten an wohlhabende Chinesen oder Ausländer vermietet. Die ärmere Bevölkerung siedelt sich an den ausgefransten Rändern der Stadt an. In Jing'an, ein ebenfalls unweit der Nanjing Lu liegendem altes Viertel mit Ziegelsteinbauten, legt eine Armada von Bauarbeitern gerade letzte Hand an die neu gebauten Villen an. Es ist eines der Vorzeigeprojekt der Expo, die Wohnungen sollen noch vor ihrer Eröffnung am 1. Mai bezugsfertig sein.
Die bis Ende Oktober dauernde Weltausstellung ist ein willkommener Anlass für China, Schanghai wieder einmal umzukrempeln. Ähnlich wie bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking soll Weltmachtstatus demonstriert werden. Selbstredend ist es die größte Expo aller Zeiten: Zweihundertvierzig Staaten und Organisationen nehmen teil, viele allerdings auf diplomatischen Druck Pekings hin. Siebenundneunzig Länder- und Themenpavillons entstehen derzeit auf dem Expo-Gelände, das mit einer Fläche von fünf Quadratkilometern etwa dreimal so groß wie jenes der Expo 2000 in Hannover ist. Es liegt südlich der Innenstadt, auf einer ehemaligen Industriebrache zu beiden Seiten des Flusses. Schätzungen sprechen von vierzig Milliarden Dollar, die sich China die Investitionen auf dem Gelände und die Infrastrukturverbesserungen in der Stadt kosten lässt. "Die Expo wird Schanghai verschönern. Sie ist ein Stimulus für die Entwicklung der Stadt", sagt Zhang Jun, der Sprecher der Expo im Hauptquartier der Veranstalter im Stadtteil Pudong.
Jetzt, Anfang des Jahres, präsentiert sich die Stadt ungewohnt abweisend, grau und staubig. Bauzäune beherrschen das Bild. Das Expo-Motto "Bessere Stadt, besseres Leben", das auf ihnen geschrieben steht, wirkt angesichts von Dauerstau und Schmutz wie Ironie. "No pains, no gains", kommentiert der Sprecher der Expo lakonisch, da müssten die Bewohner und Besucher der Stadt jetzt durch - im Interesse des großen Ganzen. Schanghais koloniale Prachtstraße Bund ist der Fixpunkt der aktuellen Metamorphose. Die gute Stube der Stadt mit ihren Kolonialpalästen soll schon von März an in neuem Glanz erstrahlen. Momentan aber sind die Zustände eine Tortur. Der überbordende Straßenverkehr soll in einen zweistöckigen Tunnel verbannt werden, übertage bleiben nur vier Busspuren. Eine Straßenbrücke aus den Neunzigern, die die Autos auf den bisher zehnspurigen Boulevard eingefädelt hatte, wurde kurzerhand abgerissen - selbst Einheimische waren darüber entsetzt. Nichts am Huangpu, so zeigte sich wieder, ist für die Ewigkeit. Die bei Touristen und Bewohnern beliebte Flaniermeile entlang des Bund-Ufers, von dem aus man den Blick auf den Fernsehturm und die Wolkenkratzer von Pudong genießen kann, ist derzeit gesperrt und Schanghai damit vorübergehend einer seiner größten Attraktionen beraubt. Aber bald soll ja auch hier alles größer und schöner sein.
Anders als geplant, wird Schanghai zur Expo allerdings keinen neuen Wolkenkratzer der Superlative präsentieren. Denn mit dem Bau des Shanghai Towers, der dann eigentlich fertig sein sollte, wurde erst kürzlich begonnen - er wird voraussichtlich im Jahr 2014 eröffnet werden. Der Riese wird dann 632 Meter hoch in den Himmel ragen und 128 Stockwerke zählen. Doch schon jetzt hat Schanghai viel Großes zu bieten. Im Jahr 1998 wurde der Jin Mao Tower (88 Stockwerke) eröffnet und vor zwei Jahren das einem Flaschenöffner gleichende Shanghai World Financial Center (101 Stockwerke). Mit 492 Metern ist es zwar nur noch das dritthöchste Haus der Welt, verfügt aber über die höchste Aussichtsplattform. Diese verläuft nämlich direkt über der Aussparung im hundertsten Stockwerk auf 474 Meter Höhe - das Aussichtsdeck des neuen Weltrekordhalters Burj Khalifa in Dubai dagegen erreicht nur 454 Meter. Die Probleme sind aber ähnlich: Auch in Schanghai (Eintritt für ganz oben: umgerechnet 15 Euro) herrschen weit häufiger Dunst und Smog als gute Fernsicht.
Die hat man dafür aus weit geringerer Höhe, nämlich wenn man auf dem Dach der Expo-Verwaltung in Pudong steht. Der Blick reicht weit über das Ausstellungsareal, auf dem schon jetzt vieles fertig ist und beinahe täglich irgendwo ein Richtfest gefeiert wird. Der größte und auffälligste Pavillon ist der chinesische. Er ist knallrot und geformt wie eine auf einem Sockel stehende umgedrehte Pyramide. Das Thema seiner zweihunderttausend Quadratmeter großen Ausstellungsfläche lautet: "Die chinesische Weisheit bei der Entwicklung". Der britische Pavillion dagegen ist ein filigranes Etwas, die Schweiz hat ihren mit einer Fassade aus Soja- und Ölbohnenfasern versehen. Der spanische Pavillon ist ein Geflecht aus Stahl und Korb. Der Stil des deutschen Pavillons erinnert an Entwürfe des Architekten Frank Gehry: Die Außenhaut ist aus einer transparenten Silberfolie. Hamburg, die Partnerstadt Schanghais, hat als einzige deutsche Stadt einen eigenen Pavillon auf der Expo - das ,Hamburg House' ist das erste zertifizierte Passivhaus Chinas.
Die chinesischen Erwartungen sind hoch, die Organisatoren in Schanghai wollen fünfundsiebzig Millionen Neugierige auf die Expo locken. Fünfundneunzig Prozent der Besucher werden voraussichtlich Chinesen sein - etwa zwölf Millionen Eintrittskarten für umgerechnet jeweils 17 bis 20 Euro wurden schon verkauft. Immerhin ist Schanghai eines der beliebtesten Ziele des Inlandstourismus. Die riesigen Reisegruppen, die sich täglich durch die Straßen am berühmten Yu-Garten schieben, geben dabei nur einen schwachen Vorgeschmack auf den Trubel, der während der Expo zu erwarten ist. Nur wenige Privilegierte, etwa Angehörige offizieller Delegationen, dürften dann das Glück haben, in Schanghais neuester Luxusherberge zu nächtigen: Die Peninsula-Hotelgruppe ist in die Stadt zurückgekehrt. Das letzte von ehemals vier zum Mutterkonzern gehörenden Häusern schloss im Jahr 1946.
Lang hat man mit dem Neubau gewartet. Doch dann wurde mit dem Abriss des ehemaligen Friendship Store am nördlichen Ende des Bund endlich ein angemessen repräsentatives Grundstück frei. Im November 2009 hat das Peninsula eröffnet. Für Schanghai ist das Hotel ungewöhnlich dezent gestaltet: Das Gebäude ist niedrig, bietet aber von vielen Zimmern aus einen schönen Blick auf Pudong. Den Gästen stehen Internetradio und -telefon zur Verfügung. Für die Damen wurden die Zimmer mit Gebläsen zum Trocknen frisch lackierter Fingernägel ausgestattet. Der Hoteldirektor Paul Tchen kann den Beginn der Expo kaum erwarten: "Von Mai an wird Schanghai eine vorbildliche Stadt sein. Im Moment aber ist es hier ein wenig schmerzhaft." Das beweise auch die momentanen Zimmerpreisen seines Hotels: Für den Monat Februar ist ein Doppelzimmer mit Frühstück im Peninsula schon ab sechzig Euro zu haben.