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Malediven Zwischen Thulhaadhoo und Maamaduvvari

11.03.2011 ·  Manchmal ist Verzicht der größte Luxus. Aber in den Hotels der Malediven pflegt man auch etliche weitere Arten der Überfeinerung des Lebens.

Von Freddy Langer
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Es passiert nicht alle Tage, dass ein Flugzeug vor Bodu Hithi landet. Und weil auf dem kleinen Eiland auch sonst den lieben Tag lang nicht eben allzu viel passiert, kamen reichlich Urlauber an den Strand gelaufen, um zu filmen und zu fotografieren, wie unser Pilot mit der kleinen de Havilland Twin Otter elegant eine Schleife nach der anderen um den Palmenhain drehte, bevor er schnittig auf dem Wasser landete, dass es unter den Schwimmern nur so spritzte. Endlich Abwechslung - und vielleicht auch eine kleine Sensation, mögen die Gäste sich gedacht haben, als der Pilot den Flieger rückwärts so dicht an das Ufer rangierte, dass es für uns Passagiere bloß noch ein Hopser war vom Wasserflugzeug ans Land. In dem Moment aber löste der Zauber sich auf, den die Szene eben noch umgab. Kaum, dass uns die Urlauber in Augenschein nehmen konnten, packten sie enttäuscht ihre Kameras wieder ein. Sie hatten ganz offensichtlich auf prominente Gäste gehofft. Während sie zurück zu ihren Strandliegen schlurften, ließen wir uns mit Golfwägelchen zu unseren Villen über dem Wasser chauffieren, vor denen die Riege unserer Butler schon Spalier stand. Wieder so ein Tag im Paradies.

Wir waren von Embudhoo zurückgekehrt. Ein Tagesausflug bloß, der uns am frühen Morgen im Schnellboot krachend nach Malé geführt hatte und von dort mit dem Propellerflugzeug zum Baa-Atoll. Dort liegt die Insel, die so klein ist, dass kaum eine Karte sie verzeichnet zwischen Thulhaadhoo, Hithaadhoo und Maamaduvvari und wie die sanften Höcker des Atolls noch alle heißen, die mal hier, mal dort so breit und bequem auf dem endlosen Blau des Ozeans liegen wie Pfannkuchen auf siedend heißem Fett. Embudhoo aber bleibt selbst unmittelbar vor der Landung nur ein unscheinbares grünes Pünktchen, eingerahmt vom gleißenden Weiß eines schmalen Strands, über den sich malerisch die Palmen beugen.

Champagner-Frühstück im Dschungel

Der Name der Insel bedeutet angeblich: Lächeln, Schönheit, Romanze - was uns augenblicklich für die Landessprache einnahm, die in drei kurze Silben den gesamten Stoff einer Liebesschnulze packen kann. Aber vielleicht verbirgt sich dahinter auch nur die geschickte Formulierung einer Werbeagentur, die Embudhoo hauptsächlich Flitterwöchlern andient. Wie gut es diesen dort gefällt, ist den Hunderten von Holztäfelchen zu entnehmen, die im viel zu dicht gepflanzten Dschungel vor jeder neu gesetzten Palme im Sandboden stecken und in zahlreichen Sprachen der Welt feierliche Liebesschwüre der Hochzeitspaare wiedergeben. Die Vokabeln "immer" und "ewig" spielen darin eine wichtige Rolle. Nur einmal geht ein Dank an "die besten Eltern der Welt" - irgendwer muss solch einen Aufenthalt schließlich bezahlen.

Das Konzept von Embudhoo ist einfach: Es gibt alles, was man sich wünscht; und zugleich ist man so allein, wie man es erträgt. Abends wird an einer festlich gedeckten Tafel gegrillter Hummer serviert, während das sanft ausplätschernde Meer die Stuhlbeine und die nackten Füße umspielt, und morgens gibt es Champagner unter einem Blätterdach, durch das hindurch die Sonne süß und freundlich blinzelt. Für die Nacht aber reicht eine einfache Hütte - ausgestattet mit dem Allernötigsten für eine Hochzeitsreise in die Tropen: einem Bett und einem Moskitonetz. Der größte Luxus für ihre Gäste sei, erklären die Betreiber denn auch überzeugend, auf jeglichen Luxus zu verzichten. Umso mehr wundert man sich über die weiteren Accessoires im Haus: über das Schachspiel beispielsweise oder über ein Taschenbuch im Regal mit dem Titel "L'exécuteur". Nur die Sterne schauen zu, wenn man bei Kerzenlicht am Abend darin schmökert.

Von Embudhoo wird gesagt, es sei eine Robinson-Insel, was nur deshalb als Verkaufsargument taugt, weil Ruhe und Einsamkeit heute zum seltenen Gut geworden sind. Als seien die Malediven nicht schon fern genug vom Rest der Welt, geben sich dort viele der Luxushotels alle erdenkliche Mühe, dem Gast immer noch ein wenig mehr Abgeschiedenheit herzurichten. Dazu stellen sie dann eben einsame Holzhütten auf die unbewohnten Inseln in ihrer Nähe - oder sie errichten eine Luxus-Villa mit fünf Schlafzimmern, wie sie gerade auf Kuda Hithi entsteht. Dort sollen demnächst Gäste samt ihrer Freunde und Bodyguards für zwanzigtausend Dollar pro Tag und Nacht von bis zu dreißig Angestellten betreut werden. "Wir denken da etwa an Madonna, Julia Roberts oder Brad Pitt", sagt der General Manager des Hotels Coco Palm Bodu Hithi, der die drei Schnellbootminuten entfernte Villa betreuen wird, der aber auch jetzt schon in seiner Hotelanlage zum gemäßigteren Preis ein spezielles Luxussegment verwaltet: die Escape Water Residences des Clubs Coco Palm - unser Zuhause für vier lange Tage.

Außenposten der Zivilsation

Überwasserbungalows gibt es längst überall im Indischen Ozean und bis hin in die Südsee. Meist sind sie nur die Verlängerung der Ferienhausanlagen aufs Wasser hinaus, weil auf den Inseln kein Platz mehr für Erweiterungen ist - oder weil ein asiatisches Publikum statt abends fernzusehen, gern zum gläsernen Fußboden hinausschaut, um im gebündelten Scheinwerferlicht die Fische beim Schwimmen zu beobachten. Im Coco Palm aber hat man aus dieser Form von Wasserarchitektur das Konzept eines Hotels im Hotel entwickelt, autark und für die anderen Gäste der Insel prinzipiell geschlossen. Der Manager vergleicht den Club mit der Ersten Klasse im Upperdeck einer Boeing 747. Aber wie die vierundzwanzig Pfahlbauten des Clubs da weit draußen im seichten Meer auf ihren Stelzen balancieren, durch einen schier endlos langen Holzsteg mit der Insel verbunden, gleichen sie eher einem Außenposten der Zivilisation - oder gleich deren letztem Refugium.

Je mehr die Betreiber auf den hohen und einzigartigen Standard des Clubs Coco Palm verweisen, auf die eigene Bar und zwei eigene Restaurants, auf die jeweils eigenen Pools auf den riesigen Terrassen der fast zweihundert Quadratmeter großen Villen und natürlich auf den Butlerservice rund um die Uhr, desto deutlicher kommt dem Gast eine Welt der Zukunft in den Sinn, die zum erheblichen Teil unter dem Schmelzwasser der Polkappen und des grönländischen Inlandeises verschwunden ist. Nur diese Häuser würden dann vielleicht noch aus dem Indischen Ozean ragen, nicht länger architektonische Extravaganz, sondern topographische Notwendigkeit: die Luxusanlage als Oase in der Wüstenei des Meeres. Kein weicher Strand mehr, der unter den Füßen nachgibt wie ein Schaumstoffpolster. Keine Palmen mehr, die sich sanft im Wind wiegen. Sondern nur noch Beton und Häuser aus wertvollen Edelhölzern. Und schon ziehen vor dem geistigen Auge mit jeder der aufgeblähten Tropenwolken auch ein paar Reiter der Apokalypse über die strohgedeckten Villen.

Mohamed Nasheed, der Präsident der Malediven, hat nicht unwesentlich zu dieser Vorstellung beigetragen. Seit Beginn seiner Amtszeit vor zweieinhalb Jahren kämpft er gegen den "kollektiven Selbstmord", wie er den hohen Ausstoß von Kohlendioxid bezeichnet. Seine erregte Ansprache im September 2009 vor den Vereinten Nationen hatte noch nicht ganz den gewünschten Effekt. Medienwirksamer unterzeichnete sein Kabinett nur einen Monat später in der Lagune von Girifushi eine Erklärung zum Klimaschutz: drei Meter unter Wasser, die Politiker allesamt in Taucheranzüge gesteckt und mit Pressluftflaschen auf dem Rücken, ihre Schreibpulte fest am Meeresgrund verzurrt. "Wenn wir die Welt retten wollen", sagte Mohamed Nasheed, "dann schlage ich vor, mit den Malediven zu beginnen."

Höchste Zeit, die Welt zu retten

Kaum eine der zwölfhundert Inseln der Malediven ragt mehr als einen Meter aus dem Wasser. Wenn alles schiefgeht, wird der Meeresspiegel bis zum Ende dieses Jahrhunderts um mindestens einen halben Meter steigen. Und nur, wenn wirklich alles gutgeht, wachsen die Korallenriffe im selben Tempo mit. Vorsichtshalber hat Mohamed Nasheed deshalb schon laut darüber nachgedacht, wo auf der Welt er ein Stück Land kaufen könnte, das groß genug ist, um den dreihunderttausend Einwohnern des Inselstaats Raum zu bieten. Und gemeinsam mit den zweiundvierzig anderen Mitgliedern der "Allianz kleiner Inselstaaten" fordert er schon jetzt die Möglichkeit eines klimatischen Asyls, das den Bewohnern der vom Untergang bedrohten Inseln ein verbrieftes Recht auf Aufenthalt und Arbeit anderswo auf der Welt gibt - geradeso wie politisch verfolgte Flüchtlinge es haben.

Viel lieber aber würden die Malediver bleiben, wo sie sind, und die Regierung entwickelt einen Plan nach dem anderen, um Korallenriffe zu schützen und alternative Wasserversorgungen auf den Inseln zu installieren, um Energie aus Sonne, Wind und Meeresströmungen zu gewinnen oder um gesetzliche Forderungen nach kohlendioxid-neutralen Hotelanlagen durchzusetzen. Manche nennen Mohamed Nasheed schon den Dalai Lama der Klimaschutzbewegung. Finanzieren will er all diese Maßnahmen mit Einnahmen aus dem Tourismus. Da ist es gut, dass in den kommenden Jahren weitere fünfzig bis hundert Inseln für Luxushotels erschlossen werden könnten. Aber es ist schlecht, dass Mohamed Nasheed zugleich potentielle Investoren mit seiner Horrorvision einer untergehenden Welt verunsichert.

Tanz auf dem Vulkan

Den Feriengast jedenfalls erinnert sein Urlaub hin und wieder an einen Tanz auf dem Vulkan. Was auch im Wortsinn zutrifft - denn nichts anderes als die gezackten Ränder versunkener Vulkane sind die vierzehn großen Atolle, die sich über eine Strecke von mehr als achthundert Kilometer im Ozean verteilen und deren gesamte Landfläche mit nur dreihundert Quadratkilometern etwa der Größe von Usedom entspricht.

Natürlich tragen die Hotels längst zum Umweltschutz bei, wenn sie ihre Gäste nicht gerade mit halsbrecherischem Tempo im Schnellboot über den Ozean jagen. Das Coco Palm Bohu Hithi etwa hat eigens eine Gärtnerin angestellt, die im Kleinen versucht, die Korallen neu zu züchten, die beim Bau der Anlage im großen Stil zerstört wurden. Dazu hat die Meeresbiologin vor den Stegen des Clubs Coco Palm Tische aus Beton im Meer versenkt, an die sie mit Zement kleine Korallenarme klebt. Das sieht hübscher aus als es klingt, und manche der Korallen wachsen binnen eines Jahres um unglaubliche dreißig Zentimeter, so dass einige der Betontische schon gar nicht mehr zu erkennen sind.

Es ist sicher nicht schlecht, den Gast auf diese Weise für Schäden im Paradies und für die Schadensbegrenzung durch jene, die es verwalten, zu sensibilisieren. Und wer einmal am spektakulären Hausriff von Bodu Hithi vorüber getaucht ist, weiß, welche einzigartige Natur hier auf dem Spiel steht. Umso überraschender ist es, wie wenig die Riffe, die Inseln und die Meeresströmungen erforscht sind. Noch etwa ist es für das Hotel eher ein Problem, dass der Strand im regelmäßigen Turnus fortgerissen wird, nur um an der anderen Seite der Insel wieder an Land gespült zu werden, in einem ewigen Kreislauf vermutlich, der aber erst seit einigen Jahren beobachtet wird. Vielleicht, hoffen deshalb jetzt auch schon einige Wissenschaftler, werden sich die Inseln so dauerhaft selbst erhalten: indem sie mit jeder Ablagerung langfristig in die Höhe wachsen.

Direkt in die Glückseligkeit

Der Urlauber aber, der hier nur ein paar Tage verbringt, hat andere Sorgen: nämlich wie er diese Tage sinnvoll verbringen soll. Das Paradies ist nicht eben gespickt mit touristischen Sehenswürdigkeiten. Und es ist deshalb nicht der schlechteste Rat, im Spa zu beginnen, damit man begreift, dass es auch handfeste Attraktionen anderer Art gibt. Junge Damen aus Bali kneten ihm dort etwa bei der Sundario Abhyanga Massage fünfundachtzig Minuten lang mit „rhythmischen, entspannenden Streichen“, wie im Massagehandbuch erläutert wird, „die abgestandene Energie des Körpers“ heraus und „stimulieren zugleich die Lebenskräfte“. Und während man da so auf dem Bauch liegt, den Blick durch ein Loch in der Matratze und den gläsernen Boden direkt aufs türkisfarbene Meer gerichtet und auf zwei zierliche nackte Füße, deren Zehen sich in alle Richtungen spreizen, während die junge und vor allem sehr kleine Frau mit immenser Kraft all die abgestandene Energie aus dem Körper wringt, gleitet man ganz allmählich in den versprochenen Zustand des Glücks und der Seligkeit.

Das ist der Moment, da man neben all dem Champagner und dem Angebot aus zweihundertfünfundsiebzig Weinen und all den Delikatessen, die ununterbrochen serviert werden, vom geräucherten Thunfisch mit Kokusnuss, Chili, Zitrone und Zwiebeln zum Frühstück über die Eier von fliegenden Fischen und unter Anleitung selbst gerollte Sushis am Mittag bis zu den in einer indonesischen Sambalsauce marinierten Garnelen am Abend den Luxus gern auf die Spitze treiben würde.

Hatte sich nicht schon eine Woche vor dem Abflug in Frankfurt Shameel in einer E-Mail gemeldet, sich als persönlicher Butler vorgestellt und danach erkundigt, was man erwarte und unbedingt brauche? Er war kaum zu sehen in den paar Tagen, und wenn, dann war sein Gesicht lässig hinter einer Sonnenbrille versteckt. Aber jetzt sollte er helfen. Beherzt griff ich nach dem „Pillow Menu“, das sechs verschiedene Kissen anbot mit Gänsedaunen, Entenfedern, Mikrogelfasern und elastischer Viskose und jeweils wortgewaltig erklärte, was die Kissen auszeichnete. Dann rief ich Shameel an und bat ihn, mich zu beraten. Aber solange er meine Kissen auch schüttelte und zerdrückte, er erkannte keines von denen, die ich hatte, und als er mir zwei Tage später einen ganzen Stapel aufs Bett warf, wusste er auch nicht mehr, um welche es sich handelte. Am Ende schlief ich aus lauter Trotz ganz ohne Kissen. Es ist schon beschämend, wie schnell im Paradies die Ansprüche steigen.

Luxus hat seinen Preis: Die offiziellen Preise des Coco Palm Bodu
Hithi beginnen bei 550 Euro pro Nacht für eine Villa auf der
Insel und bei 1320 Euro für ein Haus über dem Meer. Günstiger wird
es im Pauschalarrangement für sieben Nächte samt Hin- und Rückflug
mit Emirates Airlines. Der Aufenthalt im Strandbungalow kostet
dann beispielsweise bei EWTC (www.ewtc.de) ab 2965 Euro pro
Person, in der Wasservilla ab 5331 Euro. Ähnliche Angebote finden
sich bei Dertour, airtours, TUI, Trauminsel Reisen oder Stopover
Reisen. Der Ausflug zur Robinsoninsel Embudhoo kostet vom Coco
Palm Bodu Hithi aus einschließlich des Flugs und des Transfers
im Schnellboot etwa 1800 Euro pro Paar. Buchungen nimmt das Hotel
unter der Telefonnummer 00960 / 334 / 5555 oder der E-Mail:
reservations@cococollection.com.mv entgegen. Weitere Informationen
im Internet unter: www.cocopalm.com.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1957, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

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