18.04.2011 · Auf den Malediven waren Begegnungen zwischen Einheimischen und Touristen politisch lange unerwünscht. Und noch immer ist es nicht einfach, den Inselalltag zu erkunden - außer, man mietet sich ein Fahrrad.
Von Stefanie BispingDrei Kinder sitzen vor dem Haus und beobachten die Straße. Viel los ist nicht: Ab und zu schlendert einer vorbei, doch dann schnaufen ein paar Touristen mit roten Gesichtern auf Fahrrädern heran. Tags zuvor hat es stark geregnet. Nun dampft die Insel Feydhoo in der Hitze. Die Kinder kichern über die Fremden, die ohne Not ihren Platz im Schatten einer Palme mit dem Fahrradsitz vertauscht haben.
Nebenan fegt Safiya Adam ihren Hof mit einem Besen aus Palmwedeln. Safiya Adam verbringt viel Zeit mit diesem Arbeitsgerät. Sie arbeitet auf der Resort-Insel gegenüber. Jeden Tag von sechs bis 13 Uhr kehrt sie mit vierunddreißig Kolleginnen die Blätter zusammen, die in der Nacht auf die Sandwege gefallen sind. Die Arbeit macht ihr Spaß, sagt sie, sie sei froh, nicht den ganzen Tag zu Hause zu sein, denn sie ist Witwe. Ein junger Mann übersetzt ihre Geschichte. Über den Klimawandel und dessen mögliche Folgen für ihre Heimat mache sie sich keine Gedanken, sagt Safiya Adam. Nur vor einem weiteren Tsunami hat sie Angst.
Kommen Sie aus Dänemark?
Die Möglichkeit, als Tourist mit Maledivern ins Gespräch zu kommen, die nicht auf der eigenen Resort-Insel arbeiten, sind selten. Bis vor kurzem waren sie offiziell auch nicht erwünscht. Bis Mohamed Nasheed 2008 der erste demokratisch gewählte Präsident der Malediven wurde, war die Trennung von Besuchern und Bewohnern Politik - Traditionen sollten so erhalten und die Nation vor westlichen Einflüssen bewahrt werden. Und noch immer sorgt die Geographie der Malediven dafür, dass man einander höchstens während organisierter Ausflüge begegnet: Resorts werden aus Platzgründen nur auf unbewohnten Inseln errichtet. Von der Hauptstadt Male sehen die meisten Gäste nur den Flughafen. Eine Ausnahme ist das südlich des Äquators gelegene Addu-Atoll, das mit einem Durchmesser von siebzehn Kilometern klein ist, aber viel Landmasse bietet und auf dem alles ein bisschen anders läuft als sonst auf den Malediven. Die Resort-Insel Villingili - eine von zweien im Atoll - ist mit drei Kilometern Länge und maximal achthundert Metern Breite geradezu riesig. Das Fahrrad ist deshalb ein unverzichtbares Transportmittel. Die durch Dämme miteinander verbundenen Inseln Gan, Feydhoo, Maradhoo und Hithadhoo nennen zudem die mit siebzehn Kilometern längste Straße der Malediven ihr eigen.
Hier radeln wir nun, getrieben von dem Wunsch, statt der Schwärme bunter Doktorfische am Riff maledivischen Alltag zu sehen. Tatsächlich zeugen die Bilder am Weg von einem friedlichen und auf beruhigende Weise ereignisarmen Leben: die Moschee mit ihren Gräbern, auf denen Muscheln liegen - früher waren sie Zahlungsmittel, heute symbolisieren sie Wohlstand und ehrendes Gedenken -; der freundlich grüßende Fischer, der seine Netze ausbessert; die Fußball spielenden Kinder; Männer, die im Schatten einer Palme Schach spielen und uns fragen, ob wir Dänen seien. Vielleicht haben die Wellen, die die dänischen Mohammed-Karikaturen schlugen, auch Feydhoo erreicht. Ein Stück weiter liegt ein kleiner Supermarkt. "Closed for prayer"- "Wegen Gebet geschlossen", steht auf dem Schild an der Tür. Ein Mann bewacht eine in leuchtendem Orange gestrichene Tankstelle. Er lächelt. Nein, heute war noch niemand da.
Höchstgeschwindigkeit sechzig Stundenkilometer
Allem Frieden zum Trotz muss man den Einblick in den Inselalltag auch ertragen können. Denn die Zeit sieht keinen Anlass, ausgerechnet hier stillzustehen, selbst wenn der leuchtend blaue Indische Ozean an die Palmenstrände rollt wie vermutlich immer schon. Eine unbewohnte Insel in Sichtweite soll bald erschlossen werden. Als Wohnort, nicht als Resort, zu erreichen über einen neuen Damm. Wir blicken auf ihr Grün, gesäumt von weißem Sand, und bedauern, dass die Straße dereinst auch dort hinführen soll. Doch wer hier lebt, träumt nicht von einsamen Tropeninseln. Nur die Alten fahren noch zum Fischen hinaus, erzählt ein Zwanzigjähriger. Und wer holt in zwanzig Jahren den Thunfisch aus dem Meer? Die Alten, so lautet die Antwort in klarster Logik. Junge Leute lieben das Atoll, weil man hier einem Vergnügen von universeller Anziehungskraft nachgehen kann: Auto fahren.
Hundert Autos gibt es auf den vier Inseln. Gemessen an den dreißigtausend Einwohnern des Atolls, ist das wenig. Für die einzige Straße, auf der die zulässige Höchstgeschwindigkeit streckenweise sechzig Stundenkilometer beträgt statt der sonst üblichen dreißig, ist es aber viel. Kürzlich gab es einen schweren Unfall, erzählt ein Verkäufer, der uns für einen Dollar eine Kokosnuss aufschlägt. Vier Männer Anfang zwanzig saßen im Auto. Ein Schriftzug auf der Straße erinnert an den tödlich verunglückten Fahrer. Die drei anderen sind noch im Krankenhaus.
Ein Motorrad für jeden Haushalt
Seit kurzem herrscht auf dieser Straße Helmpflicht für Moped-Fahrer. Deren Kontrolle ist eine willkommene Abwechslung für die Polizisten, die in Ermangelung von Kriminalität ein ruhiges Leben führen. Wer zum zweiten Mal ohne Helm erwischt wird, muss eine Strafe zahlen, die dem Kaufpreis eines Helms entspricht. In den Nebenstraßen aus Sand fährt man weiter barhäuptig - oder mit Kopftuch.
In den Gärten wachsen Bananenbäume und Kokospalmen. Die Häuschen liegen hinter niedrigen Mauern und sind fröhlich-bunt, ihre Bewohner sitzen in Hängestühlen und winken. Doch der westliche Lebensstil ist schnell in die Inselwelt vorgedrungen. Mohamed Inaan, der mit Eltern und fünf Geschwistern auf Maradhoo lebt, hat 1995 erstmals ein Telefon und 2000 erstmals ein Handy gesehen. Heute besitze jeder in seiner Familie eines, erzählt er - mit Ausnahme der zweijährigen Schwester. Auch ein Motorrad gehört zu jedem Haushalt. "Dial for Fish", steht auf einem Schild, das für den Lieferservice von Riff-Fisch und Thunfisch wirbt. Eine Boutique heißt "Classic wear", der Kramladen "Bits and Pieces", bei "Good Looks" sind die Schaufensterpuppen in Caprihosen und T-Shirts gewandet.
Karrieren in den Hotels
Wo man auch eincheckt auf den Resort-Inseln der Malediven, auf allen stößt man auf sprachgewandte Servicekräfte, die vom Addu-Atoll stammen. Das liegt daran, dass Kontakte mit der englischsprachigen Welt im südlichsten Atoll des Landes nicht neu sind. Im Jahr 1941 errichtete die englische Royal Navy eine Basis auf Gan, 1957 übernahm sie die Air Force. Als die Briten das Atoll 1976 verließen - unabhängig waren die Malediven schon seit 1965 -, hinterließen sie bei den Bewohnern Englischkenntnisse und Erfahrung im Umgang mit hitzeleidenden Europäern. Das waren gute Voraussetzungen für Karrieren in der erblühenden Tourismusindustrie. Vor allem Männer verschwanden für Jahre in den Hotels der nördlichen Atolle. Seitdem es zwei Resorts im Addu-Atoll gibt, sind viele von ihnen zurückgekehrt. Jahrelang konnten sie nur einmal im Jahr Urlaub zu Hause machen. Nun fahren sie morgens mit dem Speedboot zur Arbeit und sitzen abends wieder im Wohnzimmer auf Feydhoo, Maradhoo, Hithadhoo.
Außerdem hinterließen die Briten die Dämme zwischen den Inseln und den Flughafen auf Gan. Hier landen die Touristen aus Male - und vielleicht auch bald aus anderen Teilen der Welt. Die Landebahn, für die Ruinen einer buddhistischen Stupa aus vorislamischen Tagen abgetragen worden sind, ist lang genug auch für größere Flugzeuge. Noch landet keines dort, denn die Bettenkapazität ist beschränkt.
Enger Lebensraum
Die Briten machten sich so breit, dass die Bewohner Gans nach Feydhoo auswichen. Dort wiederum wurde es so eng, dass sie nach Maradhoo weiterzogen. Deshalb wird diese dritte der vier miteinander verbundenen Inseln auch Maradhoo-Feydhoo genannt - der alte Name reiste mit den Bewohnern mit. Nach Abzug der Garnison kehrte niemand nach Gan zurück. Außer dem Flughafen gibt es hier nur das Hotel Equator Village in der alten Offiziersunterkunft, eine Bank und einen Souvenirladen, in dem man Teller mit der von orthographischen Zwängen unbelasteten Aufschrift "Shangrilla" kaufen kann.
Wir stellen die Räder ab, sinken in die Sitze des Boots und wischen uns mit nach Jasmin duftenden Tüchern den Schweiß aus Gesicht und Nacken. Es sind nur acht Minuten Fahrt bis Villingili: einer Malediven-Insel ohne Autos und ohne Mopeds, aber mit siebzehntausend Palmen.
Anreise: Mit Qatar Airways ab Frankfurt oder München über Doha nach Male. Der Flug von Male nach Gan mit Maldivian dauert siebzig Minuten. EU-Bürger brauchen ein Visum, das man bei der Einreise erhält.
Unterkunft: Luxuriös ist das Shangri-La Villingili Resort (Internet: www.shangri-la.com). Es bietet geführte und individuelle Radtouren an.
Pauschal: Der Veranstalter EWTC bietet zwischen Mai und Oktober sieben Tage auf Villingili mit Flügen und Transfers ab 3271 Euro pro Person im Doppelzimmer, (Internet: www.ewtc.de).