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Kalinka wohnt jetzt in unserem Kopf

28.10.2009 ·  Eine Flusskreuzfahrt von St.Petersburg nach Moskau ist eine doppelte Städtereise, auf der Russland an der Reling vorbeigleitet wie ein flüchtiger Vogel. Vielleicht gibt es keine bessere Art, dieses riesige Land kennenzulernen. Von Iris Hanika

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Kurz vor der Landung in St. Petersburg geht der Blick aus dem Flugzeugfenster auf riesige Neubautumore am Rand der Stadt, und die Sorge, das Flugzeug könne bei der Landung zerschellen, verwandelt sich plötzlich in Glück. Vielleicht, weil neben diesen Wohnkomplexen keine Gewerbekomplexe liegen, sondern feuchte Wiesen, auf denen dieses Russland beginnt, dieses riesige Land, das bis nach China reicht. Bislang war das in erster Linie beängstigend, aus politischen Gründen und wegen der Sprache, nun hat es sich plötzlich in ein Versprechen verwandelt. Warum? Keine Ahnung und egal. Denn St. Petersburg erfüllt dieses Versprechen, der Aufenthalt dort ist ein ununterbrochenes Glück.

Das liegt nicht allein am äußeren Erscheinungsbild der Stadt, an den endlos sich reihenden Palästen aus den Jahrhunderten selbstbewusster Prächtigkeit, an dem vielen Wasser dazwischen und den vielen Brücken darüber, an den Kränen in der Ferne, die zeigen, dass das hier, auch wenn komplett frisch renoviert, kein Museum ist. Was für eine schöne Stadt! Schon auf dem Weg hinein ist das so; in der vollkommen sauberen, von keinerlei Vandalismus entstellten Metro, in die man auf wahnwitzig langen Rolltreppen hinunterfährt, sieht es aus wie in einem Wiener Kaffeehaus. Die Lampen erinnern daran, die altmodischen Haltestangen. Und dann geht es so weiter.

Zwar gibt es zahllose Paläste, und es befinden sich Luxusgeschäfte in den riesigen Häusern am Newskij-Prospekt, aber genauso sind Filialen von Billigfressketten darin untergebracht, oft im selben Haus. Zwar trippeln wie für den Zirkus hergerichtete junge Frauen auf Stilettos umher, aber zugleich gibt es nicht wenige, die sich bereits in der ersten Blüte ihrer Jugend auf ein Dasein als Matrone vorbereiten, im Gehabe wie äußerlich. Und am Abend steht mitten auf der hohen längsten Brücke über die Newa ein Paar weißer Riemchensandaletten allein am Geländer, als habe die Besitzerin das Tragen unbequemer Schuhe nicht mehr ausgehalten und sei just hier in den wie ein Meer so weiten Fluss gesprungen.

Es krachen vor dem Haus, an dem eine Gedenktafel daran erinnert, dass Lenin darin am 13. April 1917 eine Rede über die adäquate Indoktrinierung der Marinesoldaten hielt, gleich drei Luxuskarossen ineinander, zwei Jeeps, ein Bentley-Kabrio. Und in dem Museum in Nabokovs Geburtshaus, das auch in seinen Rudimenten noch erkennen lässt, wie es sich lebt, wenn man wirklich reich ist, bauen Handwerker eine Comicausstellung auf. Es riecht nach Gips.

Wie die Leute in Russland der plötzlichen Rückkehr des Kapitalismus ausgeliefert sind, kann man sehen. Aber es ist dies kein Schreckensbild, sondern das blanke Leben, und das sieht man gern, wenn man aus seinem verfetteten Westeuropa kommt, in dem die Leute so gerne darüber klagen, wie schlecht die Welt zu ihnen ist. Hier in St. Petersburg sehen keineswegs alle Leute so aus, als sei die Welt gut zu ihnen. Aber sie scheinen nichts dagegen zu haben, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, und das verleiht ihnen große Würde.

***

Diese Notizen wurden vor der Phase der Entmündigung angefertigt. In den folgenden acht Tagen war das Hirn weg, denn wer ein Kreuzfahrtschiff besteigt, begibt sich in die für einen erwachsenen Menschen im Vollbesitz seiner körperlichen und geistigen Kräfte merkwürdige Situation vollkommener Passivität, in der er jeglicher Verantwortung enthoben und keine Eigeninitiative möglich ist. Es ist von vornherein alles geplant, es ist alles komplett durchorganisiert, man ist kaserniert, alle essen immer zur selben Zeit, und an diese Zeit wird man mit Lautsprecherdurchsagen erinnert. So hat eine solche Reise etwas von einem Ferienlager für Kinder und ist zugleich ein Vorgeschmack auf das Altersheim, in dem man seine Tage vielleicht einmal beschließen wird. Bleibt zu hoffen, dass es dort so gepflegt zugehen wird wie auf dem Schiff.

Der Weg, den das Schiff von St. Petersburg nach Moskau nimmt, besteht aus einem von verschiedenen Zaren bereits fein ausgeklügelten, aber erst von Stalin durch furchtlose Eingriffe in die Landschaft zur Vollendung getriebenen System aus Flüssen, Seen, Kanälen und gewaltigen Stauseen. Damit die Reise etwas länger dauert, macht das Schiff einige Umwege; am Ende wird man fast zweitausend Kilometer zurückgelegt haben.

Im Grunde ist das eine doppelte Städtereise, die den unschlagbaren Vorteil hat, dass man nur einmal ein Hotelzimmer beziehen muss. Theoretisch kann man zwischendurch sehen, wie es außerhalb dieser berühmten Städte in Russland aussieht, aber weil von diesem Russland nur die Sehenswürdigkeiten vorgeführt werden, an denen man busladungsweise vorbeiläuft, immer dem Schild mit der Nummer 32 hinterher, muss man sich sein Russland-Bild an den Rändern bilden - auf der Busfahrt zum Kloster Kirillo-Beloserzkij, die durch rohe Wälder führt und durch die kleine Stadt, in der das Kloster liegt; auf dem Weg von der Anlegestelle in Uglitsch zur Dmitrij-Blutkirche, die an der Stelle errichtet wurde, an der der Sohn Iwans des Schrecklichen ermordet wurde, was zur "Zeit der Wirren" zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts führte. Bruchstücke russischer Geschichte und Ansichtskartenblicke auf die Orte, an denen sie sich ereignete. Nur der Aufenthalt in Jaroslawl vermittelt eine Ahnung vom russischen Alltag, denn dort gibt es um die Sehenswürdigkeiten herum eine richtige Provinzstadt, in der auch am Sonntag die Läden geöffnet sind.

Natürlich werden Fetzen von Erinnerung hängenbleiben, am ehesten an die im Onegasee gelegene Insel Kischi im Norden Kareliens, auf der ein Freilichtmuseum zeigt, wie schwer das Leben hier einst auch für die reichen Bauern war. Das Vorzeigestück auf Kischi ist die große alte Verklärungskirche, deren Holzschindeln golden in der Sonne leuchten, wenn sie neu sind, und silbern, wenn sie schon älter sind. Aber die Erinnerung wird zuvörderst eine an die hyperboräisch reine Kälte auf Kischi sein, die man nur an Binnengewässern erlebt, nicht am Meer.

Bei dieser vollkommen sicheren Art des Reisens mit durchweg angenehmen Gefährten erlebt man natürlich absolut überhaupt total gar nichts. Dafür nimmt sie einem die Angst vor dem Land, weil man hinterher ja im Prinzip schon einmal dort gewesen sein wird. Für das Wohlergehen der 186 Passagiere, die Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch sprechen, sind 120 Personen zuständig. Mehr Betreuung kann man sich nicht wünschen, und es war auch alles exakt so, wie im Programm versprochen. Das Schiff legte überall pünktlich an, und es ging unterwegs keiner verloren.

Am ersten Abend wurde der Platz im Restaurant zugewiesen, an dem man dann jeden Tag das Essen "in einer Sitzung" einnahm, ebenso wurden die Tischgenossen zugewiesen. Nach dem opulenten Frühstück jeweils zwei viergängige Menüs pro Tag erbrachten drei Pfund Gewichtszunahme. Alle Leute, die auf dem Schiff arbeiten, tragen Namensschilder, und sie haben alle nur einen Vornamen. Sie heißen Julia, Swetlana, Leyli, Katja, Irina, Tatjana, Julian, Kostja, Christian, Andrej. Sie lassen die Motoren laufen, werfen und heben den Anker, kochen, bringen, füllen nach, räumen auf und machen den ganzen Tag Programm: begleiten einen auf "geführten Spaziergängen", halten in drei Sprachen Vorträge über Russlands Geschichte und seine politische Entwicklung in den vergangenen Jahren, unterrichten Russisch, veranstalten ein Quiz und machen jeden Abend in der

Fortsetzung auf Seite 3

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