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Idyll mit AKW

14.04.2010 ·  Sechs Jahre lang zog Jürgen Nefzger durch Europa, um Kernkraftwerke zu fotografieren. Entstanden ist eine Serie berückend schöner Landschaften, in denen sich immer Kühltürme oder Kernreaktoren verstecken und über denen immer künstliche Wasserwolken schweben. Von Thomas Köster

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Wer wandern will, der sollte auf Schönwetterwolken warten. So jedenfalls sah es Goethe, den ihr Schauspiel beim Spaziergang durch die oberrheinische Tiefebene nahe Philippsburg an einem "ätherischen Morgen" ergötzte: "Sie standen tage-, ja, wochenlang", notierte er in "Dichtung und Wahrheit", "ohne den reinen Himmel zu trüben."

Die "Schaaf-Wolken" des Geheimrats stehen heute über Philippsburg, so wie sie über Biblis, Gorleben oder Brockdorf stehen. Und sogar die Ausflügler, die Jürgen Nefzger für seinen Bildband "Fluffy Clouds" dort und anderswo abgelichtet hat, könnten fast der Goethezeit entsprungen sein. Mit Spazierstock bewaffnet, gehen sie allein am verschneiten Weinberg entlang. In Gruppen genießen sie den sommerlichen Ausblick auf die weite Ebene. Oder sie ruhen auf Holzbänken, die ins herbstliche Tal gerichtet sind, und erholen sich von den Strapazen des Aufstiegs.

Dort aber, wo sich auf Gemälden der Romantik ein Schweizer Bergsee als Blickfang erstreckt oder das Auge des Betrachters über ein unberührtes Naturpanorama schweift, stemmt sich auf den Fotografien von Jürgen Nefzger ein Atomkraftwerk dem Betrachter entgegen. Und die flauschigen Wolken der Kühltürme stehen selbst dort am Himmel, wo das Wetter zum Wandern nichts Ätherisches verheißt.

Sechs Jahre lang ist Nefzger mit einer Großbildkamera durch Europa gezogen, um den atomaren Eingriff des Menschen in die Natur durch alle Jahreszeiten hindurch festzuhalten. Den moralischen Zeigefinger hatte er dabei nur selten am Auslöser. Stattdessen vertraute der Fotograf zumeist auf die unterschwellige Ironie der vorgefundenen Gegebenheiten: etwa dort, wo ein Hochstand am Waldrand oder ein steinernes Kruzifix an der Weggabelung als Memento mori an das Restrisiko eines nahen, im Hintergrund schwelenden Todes gemahnt.

Besonders anschaulich gelingt dies auf dem Bild einer Besuchergruppe im archäologischen Park von Larina im Südosten des französischen Départements Ain, auf dem der hinter dem Horizont verborgene, als erdbebenunsicher geltende Atommeiler von Bugey nur durch seine himmelstürmende Ausdünstung zu erahnen ist. Vor diesem Hintergrund erscheinen die spärlichen Mauerreste einer verfallenen spätrömischen Villa wie das letzte Zeugnis einer selbstzerstörerischen Zivilisation. Überhaupt ist dies der wohl reizvollste Aspekt von "Fluffy Clouds": Selbst auf jenen Bildern, auf denen Wälder und Hügel das Atomkraftwerk verdecken, schweben die strahlend weißen Wolken wie ein Menetekel über dem Land.

Erschreckend sind Nefzgers Bildert nicht; sie erzählen von keiner Bedrohung. Dennoch ist die Unbeschwertheit, mit der sich die Menschen in Sichtweite der Reaktoren ihre Schrebergarten-, Doppelhaus- und Freizeitidyllen errichtet haben, einigermaßen verblüffend. Da stehen Badegäste an der französischen Atlantikküste beim Kernkraftwerk Penly im Wasser, da lochen Golfer auf einem perfekt gepflegten englischen Rasen vor der Wiederaufbereitungsanlage in Sellafield ihre Bälle ein. Angler und Kanuten, Surfer, Rodler oder Fußballspieler ignorieren, was sich hinter, über oder neben ihnen zusammenbraut.

Geradezu grotesk erscheint vor allem das Freizeitszenario rund um den nie angeschalteten "schnellen Brüter" von Kalkar, dessen Betonruine Mitte der neunziger Jahre in einen Vergnügungspark namens "Kernwasser-Wunderland" umgewandelt worden ist. Dort schiebt sich eine schlecht besuchte Miniatur-Dampflok durch eine trostlose Wildwestkulisse, während an einem zur Kletterwand umfunktionierten Kühlturm eine Handvoll Sportler vor einem gemalten Hochgebirge Energie für ihren Arbeitsalltag tanken. Dass ein gut lesbares Hinweisschild die Besucher in schlechtem Deutsch allen Ernstes dazu ermahnt, "unseren Park sauber zu halten", setzt der ökologischen Absurdität die Krone auf.

Im Gesamtkontext von "Fluffy Clouds" lässt sich das Bild vom atomaren Milliardengrab gleich doppelt lesen. Zum einen illustriert es überspitzt jenen in allen Bildern sichtbar gemachten blinden Fleck im menschlichen Bewusstsein, der über das Gefühl der Normalität hinaus Vorsicht längst in teils alberne Sorglosigkeit verwandelt hat. Zum andern tröstet es mit der Hoffnung, dass die Menschheit auch dann noch reisen, wandern, spielen, klettern wird, wenn Kernkraftwerke selbst wiederum Geschichte sind und wie zu Goethes Zeiten nur echte Schäfchenwolken am Himmel stehen.

"Fluffy Clouds" von Jürgen Nefzger. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2010. 144 Seiten, 73 Farbabbildungen. Gebunden, 35 Euro.

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