21.05.2010 · Wenn ein so kleines Land wie Griechenland für so große Schlagzeilen sorgt, kann das kein gutes Zeichen sein. Doch gerade jetzt lohnt sich eine Reise nach Attika, nicht nur wegen der sinkenden Preise.
Von Nils MinkmarDer Wachsoldat vor der Residenz des griechischen Ministerpräsidenten gerät ins Schwitzen. Das hat aber nichts mit dem bevorstehenden Besuch des türkischen Regierungschefs zu tun, sondern mit den dicken weißen Wollstrumpfhosen, die zu seiner Tracht gehören. Und nicht nur die ist kompliziert - mit den roten Bommeln auf den Sandalen und dem weißen Faltenrock für erwachsene Männer -, auch die Regeln, nach denen er da steht und sich bewegt oder eben nicht, sind es. Jedenfalls darf er sich nicht den Schweiß von der Stirn wischen. Daher steht er unter der Aufsicht eines Kameraden in Tarnfarben, der auf der gegenüberliegenden Seite der Straße wacht. Wenn die Schweißspuren zu deutlich werden, überquert der die Straße, stellt sich so nah an den wachhabenden Protokollsoldaten, dass ihre Nasenspitzen sich berühren, und tupft ihm sorgfältig Stirn, Brauen und Hals, ganz intim und besorgt, als sei er aus Eis und drohe zu schmelzen. Etwas weiter steht ein Soldat vor der Residenz des Staatspräsidenten und schwitzt ebenfalls. Mit einer gewissen Genugtuung stellt man fest, dass derselbe Soldat den Schweiß beider Herren abtupft, dass man hier also wirklich nicht von der Verschwendung von Arbeitskraft sprechen kann - jeder europäische Athen-Tourist ist derzeit in der Gefahr, wie ein Unternehmensberater auf die Stadt zu blicken.
Doch man sollte vor den Schulden erst die Sonne erwähnen. Es ist gerade noch so auszuhalten tagsüber, im Freien, und auch nachts noch wärmer als an allen schönen Tagen in Deutschland. Es ist, als wolle das Wetter der Krise widersprechen. Oder einen noch grausameren Kontrast schaffen zwischen den im warmen Wind dahingleitenden, elegant gekleideten Passanten und ihren traurigen Gesichtern. Griechen, die man, um wenigstens kurz über etwas Erfreuliches zu reden, wegen der Sonne über Hellas beglückwünscht, weisen es zurück: "Ich hätte lieber Regen und weniger Sorgen", sagen sie.
Beginn eines Einzelhandelsimperiums
Man vergisst so leicht, wie die Krise das Alltagsleben bedrückt: Junge Erwachsene ziehen zu ihren Eltern zurück, in winzige Wohnungen. Der Drittjob frisst sich in den Schlaf und in die Familienstunden. Besser ausgebildete Frauen und Männer versuchen, woanders Arbeit zu finden. Sie verlassen Griechenland und fehlen dann, mit ihrer Energie und ihren Ideen, der Gesellschaft, die sich ganz neu erfinden muss. Denn um nichts weniger geht es.
Eine Reise nach Athen führt derzeit weit zurück in eine faszinierende Vergangenheit, aber auch in unsere Zukunft, denn die Mischung aus sozialen Unruhen, Geldsorgen, unzulänglicher Verwaltung und einer enttäuschenden Wirtschaft braut sich für alle Euro-Länder zusammen, außerdem noch für die Vereinigten Staaten und Großbritannien. Nicht immer so krass, nicht immer so sichtbar und kriminell, aber die strukturellen Probleme sind dieselben. Noch zu Zeiten Fürst Pücklers war Athen ein verschlafenes Dorf von achttausend Einwohnern. Heute scheint die Stadt, in der etwa die Hälfte aller Griechen leben, gar kein Ende zu finden, rollt sich auf Hügel und in alle Himmelsrichtungen, entlang der Küste. Es sind Griechen, die ihre Inseln verlassen, auf denen noch weniger zu tun und zu verdienen ist, aber eben auch Albaner, Araber, die Nachbarn rund ums Mittelmeer und darüber hinaus. Auf der Akropolis turnen sehr gut gelaunte, sympathische Singhalesen herum und verkaufen alberne Papierschirme. Oder Wasser oder Postkarten. Sie sind mit so viel Elan bei ihrer anstrengenden und frustrierenden Tätigkeit, dass man sich vorstellen kann, hier dem Beginn eines Einzelhandelsimperiums beizuwohnen.
Der Fisch hebt die Schwanzflosse
Wenn man in dieser vollen und wachsenden Stadt Leere und Ruhe möchte, braucht man nur in die Cafés, Restaurants und Hotels, die Museen, Geschäfte und Galerien zu gehen. Seit Beginn der verschärften Krisenperiode sind die Buchungen im freien Fall. Auch die Athener selbst halten ihr Geld zusammen. Besonders auffällig ist das entlang der Küste, hin zum ehemaligen Flughafen. Da reiht sich eine Riesendisco an die nächste, auf den weiten Parkplätzen stehen aber nur die schwarzlackierten Riesenkarren der Türsteher.
Eine für eine urbane, bessergestellte Klientel konzipierte Restaurantanlage ist das Vivamar, etwa eine halbe Stunde vom Zentrum entfernt. Park- und Tischprobleme gibt es hier keine, der Laden ist riesig, mit Flügeln und Sälen, die kein Ende finden. Der Blick auf die Bucht, die sogar von einigen Scheinwerfern illuminiert wird, ist hinreißend, ebenso der aus Jasminbüschen gestaltete grüne Tunnel zur Terrasse. Die Karte ist der Versuch, von der schlecht beleumundeten griechischen Küche fortzukommen, gerade auch der auslandserfahrenen einheimischen Klientel das Gefühl zu geben, hier auf kontinentalem Niveau zu speisen. Also gibt es da Dinge, die es überall gibt. Der Fisch ist eine Dorade und wird seltsamerweise mit der nach oben ragenden Schwanzflosse serviert. Besonders empfohlen wird, während man die Füße beinahe im Wasser hat, das Schweinefilet.
Moment der Wahrheit
Der Service ist perfekt, ist ja auch sonst kaum jemand da. Man gerät ins Grübeln über diesen Laden, die einen umgebenden Restaurants und auch über die Menschen, für die diese eurofreundlichen, teuren Restaurants eröffnet worden sind: Was machen sie an diesem Abend? Wie geht es weiter mit der schmalen bürgerlichen Schicht der Stadt?
Jede Reise hat ihren Moment der Wahrheit. Man kann ihn sich nicht richtig aussuchen, bloß hoffen, dass er nicht allzu kitschig ausfällt, nicht so wie in einem rührseligen Auslandsbericht im Qualitätsfernsehen. Ich weiß auch nicht genau, warum ich so einen Moment im kurzen Blick in ein altes Lokal in der Altstadt, der Plaka, erkannte. Da hingen Dutzende von Fotos vergessener Schauspieler an der Wand, es gab sehr viele, sehr kleine Tische, an denen die Gäste auch alleine saßen. Mitten in der Woche, am späten Nachmittag sah ich dort eine Dame in den besten Jahren in einem altmodischen grauen Kleid sitzen und zwei Portionen Souvlaki zu sich nehmen. Wenn Teenager sich das antun, brauchen sie eine Grundlage für Alkohol: Diese Dame aber, meinte ich in ihrem Blick zu lesen, brauchte jenen Trost gegen Geldsorgen, den nur billig erworbene, schier unendliche Kalorien am schnellsten spenden können.
Deutsch-hellenistische Grenzüberschreitung
Es ist schwer, die Blicke anderer Menschen richtig zu deuten, und zwischen Deutschen und Griechen ist das ohnehin so eine Sache. Gäbe es den strahlenden Begriff von der Antike und der hellenischen Klassik, den wir auf Reisen suchen, ohne die fleißigen deutschen Philologen des neunzehnten Jahrhunderts? Aber haben Schliemann und Winckelmann und all die anderen der griechischen Republik damit nicht auch eine gewaltige Last auferlegt? Immer sucht man gedanklich den Perikles, erwartet einen Sokrates und vergisst, dass das Land schon geographisch kaum regierbar ist: all die Inseln, dann der Konflikt mit den türkischen Nachbarn, die Probleme auf dem Balkan, die das Land, während der gesamten neunziger Jahre, von Kerneuropa abgeschnitten haben. Für all die Griechenreformer, die aus kühlen Hamburger oder Berliner Redaktionsstuben die Athener Verhältnisse so sicher zu verbessern wissen, gilt auch der Spruch von T. E. Lawrence, wonach man erst einmal prüfen möge, was man denn selbst in der Hitze, dem unwegsamen Gelände und mit unzuverlässigen Verbündeten dort im Süden zuwege bringen könnte und ob das dann so viel mehr wäre, als was die Einheimischen ohnehin schon leisten.
Einen interessanten Fall von deutsch-hellenischen Grenzüberschreitungen kann man derzeit in der Athener Nationalgalerie studieren. Dort wird über drei Etagen einem hierzulande vergessenen sächsischen Architekten gehuldigt, dem umtriebigen Ernst Ziller. Marilena Cassimatis hat in mühevoller, langjähriger Arbeit ein Kunst- und Lebensbild des Mannes erstellen können, der in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts die Kunst entwickelte, so zu bauen, wie die alten Griechen es vielleicht gerne gemacht hätten. Dass Ziller aus der Nähe von Radebeul stammt, legt die Assoziation zu Karl May nahe - noch einer, der sich aus der Spießigkeit des deutschen Biedermeiers in ferne Welten imaginierte. Ziller ist aber wirklich gereist, hat eine Griechin geheiratet und hat einige der wirklich ansehnlichen, klassischen Stadtvillen Athens hinterlassen. Später ging er aus unerforschten Gründen pleite und versuchte, betuchten Kunden seltsame Häuser im von ihm kreierten hellenisch-alpinen Stil anzudrehen, allerdings ohne Erfolg.
Museum ohne Erstickungsgefühle
Der Ort Athens, der am ehesten die Zukunft weisen soll, ist ausgerechnet der fernen Vergangenheit gewidmet: Alles am neuen Akropolismuseum stimmt. Das Waschbetongrau des Gebäudes könnte aus den angesagtesten Architekturzeitschriften entnommen sein, das ganze Licht, die Luft und Klarheit des Baus kommt den Exponaten, alle aus der Tiefe des Akropolishügels geborgen, entgegen. Noch dazu fördert die Ausstellung eine ganz neuartige Nähe zwischen Besuchern und Statuen, Keramiken und Fragmenten.
Im Restaurant des Museums kann man die perfekte Interpretation mediterraner Küche genießen und kommt doch nicht vom Blick auf den weißen Marmor der Akropolis los. Zwei Millionen Besucher konnte das Museum in nur zehn Monaten empfangen, wobei man, auch bei großem Andrang, nicht unter Erstickungsgefühlen zu leiden braucht: Es ist hoch und weit in diesem Museum.
Leopardpanzer gegen die Bedrohung von der See
Danach empfiehlt sich ein Gang zurück in die Stadt der Lebenden hinab durch einen der zauberhaftesten Parks Europas, der früher mal ein Marktplatz war, die alte Agora. Hier wurde weit weniger Mühe und Geld investiert als in den alten Gotteshügel der Akropolis, dafür ist der Charme individuell und verborgen. Hier war der Arbeitsplatz des Sokrates, und man hat heute dort die Ruhe und die Muße, mal wieder zu den platonischen Dialogen zu greifen. Allerhöchstens wird man ab und zu von einer wilden Schildkröte gestört.
Am Geburtsort der kritischen Praxis einfacher Bürger ist der Anstieg der politischen und republikanischen Betriebstemperatur gut zu spüren. Es ist nicht so, dass Athen gefährlich wäre, aber der Abschied von den bisherigen Gepflogenheiten kommt nun sehr gründlich und schnell. Es gibt kaum einen Athener, der das wesentliche Problem seiner Heimat nicht mit dem Wort Korruption bezeichnet. Aber zur europäischen Ehrlichkeit gehört auch, einzugestehen, dass sich auch deutsche Firmen daran beteiligt haben, leider oft, um den Griechen Waren anzudrehen, die sie, ohne finanzielle Anreize, nicht gewählt hätten. So hat das hellenische Heer mehr Leopardpanzer als die Bundeswehr, was einem bei der strategischen Bedeutung der See in diesem Küstenstaat schon Rätsel aufgibt.
Dem Gatten droht der Steuerknast
Uns war ein offizieller Termin mit der stellvertretenden Tourismusministerin in Aussicht gestellt worden, immer wieder wurde er abgesagt. Niemand reißt sich um Treffen mit Offiziellen, aber das war schon seltsam, weil das Land ja einen außergewöhnlichen Einbruch zu erleiden hatte und sicher eine Gelegenheit brauchen kann, Touristen zu gewinnen. Als sie wenige Tage später dann von ihrem Amt zurücktrat, weil ihr Ehemann einen hohen Betrag dem Fiskus vorenthalten hatte und obendrein noch als "Schlagerstar der Siebziger" bezeichnet wurde, waren wieder mal alle Klischees über Griechenland beisammen. Plötzlich war klar, warum man uns nur einen Behördenleiter und dabei vor allem dessen Mitarbeiter gezeigt hatte. Die waren nett und offen für neue Formen des Tourismus, sagten sie, wurden aber schon durch die Frage einer Berliner Journalistin nach Wanderwegen einigermaßen aus dem Konzept gebracht. Unter den besonders förderungswürdigen Tourismusformen nannten sie auch den religiösen Tourismus, ohne zu spezifizieren, ob sie mehr an Poseidon- oder mehr an Athene-Jünger dachten. Dass die Preise sehr bald sehr stark sinken würden und müssten, das immerhin versprachen sie und baten dann um Vorschläge.
Doch man kommt nicht nach Griechenland, weil es billig ist oder weil das Essen oder der Service so toll wären. Man kommt, weil man etwas herausfinden möchte, über den Ursprung der Kritik und unsere nahe Zukunft, aus Neugier und Sympathie für ein Ferienziel, das nicht auf eine "Message" hin optimiert wurde, das Risse hat, in denen manches wächst, vor allem aber kommt man, weil es warm und schön ist, auf so eine ganz elementare Art.
Informationen: Griechische Zentrale für Fremdenverkehr, Neue Mainzer Str. 22, 60311 Frankfurt, Telefon 069/2578270
Danke für den freundlichen Artikel
Joannis Gantiragas (Joannis23)
- 22.05.2010, 18:33 Uhr