11.11.2009 · Der belgische Architekt und Designer Henry van de Velde hat das Wohnen revolutioniert, indem er Funktionalität und Ästhetik versöhnte. Die Resultate sind grandios - und bis heute in Weimar zu bestaunen. Von Brita Sachs
Dreieinhalb Kilometer hin, dreieinhalb Kilometer zurück, und das morgens, mittags, abends - macht einundzwanzig Kilometer Fußmarsch Tag für Tag. So etwas lädt sich niemand freiwillig auf. Henry van de Velde blieb für nichts anderes mehr Zeit, als die Belvederer Allee zwischen Weimar und seinem Wohnhaus am Stadtrand hin und her zu laufen, weil die Behörden den Belgier gleich nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges gezwungen hatten, sich dreimal am Tag bei der Polizei zu melden, und das, obwohl keine Transportmittel mehr fuhren. Van de Velde hatte jetzt endgültig die Nase voll. Die fremdenfeindliche Schikane bestärkte ihn in seinem Entschluss, die kleine Residenzstadt so schnell wie möglich zu verlassen.
Wir haben es natürlich viel besser als damals Professor van de Velde. Wir nehmen im Stadtzentrum die Linie 1, um in wenigen Minuten die Station Papiergraben zu erreichen; noch ein paar Schritte, und vor uns liegt das Haus Hohe Pappeln, ein Pilgerziel für Architekturfans, ein Juwel der frühen Moderne. Die Weimarer waren schockiert über den Bau, dessen unprätentiöse Fassaden sie in den Jahren 1907 und 1908 über einem unregelmäßigen Grundriss wachsen sahen. Und noch heute kann sein Anblick den Besucher verstören. Wer sich eben noch im Weimar der Klassik erging, mit Andacht die Wohnhäuser Goethes und Schillers bewunderte oder im Rokokosaal der Anna-Amalia-Bibliothek Schwärmereien an den Musenhof der Herzogin nachhing, könnte das Haus unter den Pappeln auf den ersten Blick wie ein stämmiges Gewächs empfinden. Die Bäume, denen es seinen Namen verdankt, stehen nicht mehr, aber das trutzige Travertinhaus wurde vor einigen Jahren vorbildlich renoviert. Es läuft spitz zu wie ein Schiffsbug und überrascht mit immer wieder anderen Perspektiven unter dem Schutz seines mächtigen, gemütlichen Mansarddachs.
Der große Reformator des Wohnens entwickelte seine Häuser von innen nach außen. Er schuf funktionierende Organismen, deren Äußeres sich von selbst ergab. Wie immer überließ van de Velde auch im eigenen Zuhause kein Detail dem Zufall. Innen schlagen Wände in Amarantrot, Lindgrün und Taubenblau kräftige Farbakkorde an, viel Weiß bringt Frische dazu. Der Architekt bricht Kanten, mildert Ecken, mustert das Parkett, aber die Schwungexzesse des Jugendstils kommen ihm nicht ins Haus. Der Wohnkultur von damals, dem düsteren Schwulst der Gründerzeit, setzt er Luft und Licht entgegen sowie elegantes, dabei bequemes und funktionales Mobiliar. Man wartet geradezu darauf, dass die Dame des Hauses im Reformkleid zum Tee aus Van-de-Velde-Porzellan auf die Terrasse bittet, und man hört förmlich die vielen Kinder des Paares durch den schönen Garten toben, wie es die alten Fotografien zeigen.
Henry van de Velde hatte schon mit radikalen modernen Entwürfen in Brüssel und Berlin Aufsehen erregt, als man ihn 1902 nach Weimar holte. Der Architekt und Designer sollte Handwerk und Industrie künstlerisch beraten, um die Produktqualität zu verbessern und damit Thüringens schwächelnder Wirtschaft auf die Beine zu helfen. Diese Rechnung ging bestens auf, und van de Velde lehrte sein Erfolgskonzept einer engen Kooperation von Künstlern, Kunsthandwerkern und Fabrikanten auch am Kunstgewerblichen Seminar der Stadt. Die zwölf Weimarer Jahre zählen zu den wichtigsten und produktivsten im Leben des Architekten, der von 1863 bis 1957 lebte. Doch sie waren kein Zuckerschlecken: Ein kleingeistiges Intrigenmilieu am Hof und in der Residenzstadt zerrte an seinen Nerven; dass der Künstler den Großherzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar und Eisenach einmal einen "von Natur aus mittelmäßigen Menschen" nannte, sagt alles über dessen Enthusiasmus für Experiment und Aufbruch. Dennoch profitierte Weimar enorm von der Anwesenheit des Belgiers, ohne ihn wäre die Stadt um ein paar großartige Bauten ärmer. Vor allem aber hätte es ohne van de Velde das berühmte Bauhaus wohl nie gegeben.
Mit sicherem Gespür für den richtigen Mann empfahl er nämlich Walter Gropius als seinen Nachfolger auf dem Direktorenposten der Kunst- und Kunstgewerbeschule. Gropius rüstete das Institut 1919 zum Staatlichen Bauhaus Weimar um - in den Gebäuden seines genialen Vorgängers, der zum Beispiel die Nordfassade, ungewöhnlich und neu für die Zeit, bis unters Dach mit riesigen Atelierfenstern durchbänderte. Von außen wirkt das wie eine Verschwisterung von gotischer Kathedrale und modernem Kaufhaus, und innen fällt jede Menge Licht auf die Zeichentische. Nach seiner sorgfältigen Restaurierung erklärte die Unesco den Bau zum Weltkulturerbe. Dort, wo einst Itten, Klee und Kandinsky ein und aus gingen, herrscht auch heute reger Universitätsbetrieb. Wer hier im Hauptgebäude der Bauhaus-Universität, wie Weimars Hochschule heute heißt, Architektur oder Gestaltung studiert, müsste Stilempfinden und guten Geschmack eigentlich mit der Alma-Mater-Milch einsaugen: Da steht am Fuße der grandiosen ovalen Treppe Rodins große Eva, im Obergeschoss leuchten Wilhelm-Wagenfeld-Lampen, und auch an Oskar Schlemmers wiederhergestellter Wandmalerei im Nachbarbau kommen die Studiosi täglich vorbei - die Kunst der Klassischen Moderne gehört hier zum ästhetischen Alltag.
Zu den emblematischsten Arbeiten van de Veldes in Weimar zählt die Villa Silberblick auf dem "heiligen Hügel" Friedrich Nietzsches. Hier pflegte Elisabeth Förster-Nietzsche ihren schwerkranken Philosophenbruder bis zum Tod und herrschte später als Zerberus über seinen Nachlass. Immerhin kämpfte die umstrittene Frau leidenschaftlich dafür, aus Weimar ein Zentrum moderner Kunst zu machen. Diese einflussreiche Dame war es, die gemeinsam mit Harry Graf Kessler, dem Mäzen, Publizisten und Kunstkenner, van de Veldes Ruf nach Weimar betrieb und ihn auch gleich das Interieur des Nietzsche-Archivs in ihrer Villa gestalten ließ. Ehrfurcht ist hier angebracht: Auf diesen Stühlen saßen Rilke, Hauptmann und Gide, und alles an diesem fulminanten Gesamtkunstwerk ist noch wie damals. Wie aus einem Guss bezieht es mit dezentem Jugendstilschwung Decken, Wände, jedes Möbel und sogar die Garderobehaken ein. Einige Besucher der geistreichen Abende, die in diesem Nietzsche-Tempel stattfanden, hatten es nicht weit nach Haus, denn sie wohnten am Fuße des Hügels an der ruhigen Cranachstraße. Hier und da würde man am liebsten gleich einziehen, denn hinter den Fassaden darf man die schönsten Altbauwohnungen vermuten. Als die noch ultramodern waren, logierte hier das neue Weimar. In Nummer fünfzehn zum Beispiel ließ sich Graf Kessler von seinem Freund van de Velde seine Junggesellenwohnung einrichten. Als er später Weimar frustriert verließ, nahm er die Möbel mit. Die Beletage der Cranachstraße 1b bezog der glühende Nietzscheaner Max von Münchhausen.
Bei älteren Weimarern weckt die Cranachstraße allerdings schlimme Erinnerungen, denn dort hatte die Stasi ihr Hauptquartier - ausgerechnet im Haus Nummer 47, in dem Graf Dürckheim einst die Künstleravantgarde Europas zu Gast hatte. Auch die herrschaftliche Villa Dürckheim entwarf der Belgier samt Interieur - und die konservative Weimarer Gesellschaft rümpfte die Nase. Spätere Erweiterungen veränderten den Charakter des Hauses. Aber wer über das imposante Marmorentree mit Pförtnerloge die bei Veranstaltungen zugänglichen Salons betritt, bekommt trotz vereinfachter Farbigkeit und größtenteils verlorenen Mobiliars eine Vorstellung vom einstigen Raumeindruck. Van de Velde selbst wohnte zeitweise an der Cranachstraße Nummer 11. Als man aber dort wegen der fünf Kinder aus allen Nähten platzte, baute der Familienvater das eigene Haus unter den Pappeln, ganz bewusst mit gehörigem Abstand zur Stadt und zu den Vorgängen bei Hofe.
Von Weimar aus, wo man seine Entwürfe für ein Theater und andere große Staatsaufträge regelmäßig torpedierte, verwirklichte van de Velde eine Reihe bedeutender Privataufträge in Thüringen und Sachsen. Eine aufgeschlossene Hautevolee ließ sich Villen von ihm maßschneidern, und zwar vom Grundriss bis zum Dachziegel und von der Tapete bis zum Silberbesteck. Die meisten überstanden glücklicherweise Krieg und DDR, wenn auch vielfach nur mit Ach und Krach. Mittlerweile sind fast alle Bauten instand gesetzt worden, meistens von Privatleuten, die sich um sorgsame Restaurierung oder Rekonstruktion des Originalzustands bemühten. Viele der Häuser werden bewohnt, oft auch kulturell oder museal genutzt, und alle bieten der interessierten Öffentlichkeit Besuchsmöglichkeiten.
In Jena steht einsam, weil auf einer autoumtosten Verkehrsinsel gelegen, van de Veldes überkuppelte achteckige Denkmalhalle für Ernst Abbe. So unwürdig der lärmende Platz, so berührend ist die Stille im Inneren. Max Klinger steuerte die Bildnisherme des Physikers bei und van de Veldes Landsmann Constantin Meunier die schönen Reliefs. Was die wissenschaftliche Bedeutung Abbes ausmacht, lehrt anschaulich das Optische Museum gegenüber: Er entwickelte Formeln zur Berechnung von Mikroskopobjektiven und begründete damit den Welterfolg der Firma Carl Zeiss. Das Denkmal bekam er jedoch für andere Taten. Die Zeiss-Arbeiter gaben es in Auftrag, um mit Abbe einen Chef zu ehren, der ihnen schon vor dem Jahr 1900 Gewinnbeteiligung, bezahlten Urlaub und Pensionsanspruch verschaffte.
Gera ist die nächste Etappe, die einstige Reußenresidenz an der Weißen Elster. Bekannt ist sie als Geburtsstadt von Otto Dix und reich geworden dank der Textilindustrie. Auch Paul Schulenburg verdiente sein Vermögen als Textilfabrikant. Er besaß schon eine Speisezimmereinrichtung von van de Velde, als er 1913 ein Haus mit Garten bei ihm bestellte. So entstand eine großzügige, repräsentative Villa, ausnahmsweise symmetrisch angelegt. Die Räume sind um eine zentrale Kuppelhalle geordnet. In der Garage, in der Schulenburg seinen Maybach parkte, ist jetzt ein Café untergebracht. Als begeisterte Hobby-Veldianer bewältigten die heutigen Eigentümer die Mammutaufgabe, das Haus Schulenburg, das mehr als sechzig Jahre lang eine medizinische Fachschule beherbergte und dabei restlos entstellt wurde, samt Gartenanlagen und Hofgebäuden nach besten Kräften in den Zustand von 1914 zurückzuversetzen und nebenbei auch noch ein kleines Privatmuseum einzurichten.
In Chemnitz in Sachsen erreicht man die letzte Station auf dieser Teilstrecke der europäischen Van-de-Velde-Route und zugleich einen ihrer Höhepunkte. Hier war das Bauen mit Henry van de Velde eine Art Familienangelegenheit, ein ansteckendes Faible, das als ersten Herbert Esche befiel. Der junge Strumpffabrikant, dessen Vorfahren den ersten Strumpfwirkstuhl Deutschlands erfanden und damit den Grundstein zu einem ordentlichen Vermögen legten, war der Allererste in Deutschland, der sich von van de Velde ein Haus bauen ließ. In grenzenlosem Vertrauen gewährte er dem Neuerer 1902 vollkommen freie Hand bei der Planung seiner stattlichen, großbürgerlichen, aber für damalige Vorstellungen sehr unkonventionellen Villa Esche. Auch sie ist ein organisches Gebilde, weniger auf Außenwirkung bedacht als auf Lebensqualität konzentriert - vier Meter Raumhöhe im Parterre sprechen für sich. Nichts überließ der Architektendesigner dem Zufall oder gar dem schlechten Geschmack, sogar die Pfeife des Hausherrn entwarf er und das Plaid im Auto auch. Die Villa Esche kann als Restaurierungsglücksfall gelten; sogar zahlreiche Möbel der Originalausstattung stehen heute wieder an Ort und Stelle und offenbaren, wie jeder Raum als Einheit konzipiert war: der Salon ganz in Mahagoni, Musizieren in weißem Schleiflack und das Arbeitszimmer in Eichenmöbeln. Nur die Porträts, die Edvard Munch während eines denkwürdigen, alkoholgetränkten Aufenthalts als Hausgast von Familie Esche malte, hängen heute in der Zürcher Kunsthalle.
Bald nahmen auch Herbert Esches Brüder den Baumeister in Beschlag: Fritz ließ sich eine Sportanlage zeichnen, den schicken Lawn Tennis Club, der nicht mehr existiert, und Arnold bestellte eine Innenausstattung für sein Landschlösschen Lauterbach. Inzwischen war auch Heinrich Theodor Körner, Tintenfabrikant und Schwiegervater von Herbert und Fritz Esche, vom Van-de-Velde-Virus infiziert und ließ sich die Halle seiner alten Villa Quisisana an der Chemnitzer Beyerstraße neu gestalten, während sein Sohn Theodor schräg gegenüber die stattliche Villa Körner baute, die inzwischen vor allem außen ihr Vorkriegsgesicht zurückerhalten hat.
Information: Tourist-Information Weimar, Markt 10 und Friedensstraße 1, 99423 Weimar, Telefon: 03643/7450, E-Mail: tourist-info@noSpam.weimar.de, Internet: www.weimar.de. Detaillierte Auskünfte zu Henry van de Velde und seinen Bauten nicht nur in Thüringen und Sachsen im Internet unter www.henryvandevelde.de und www.van-de-velde-route.de. Touristische Auskünfte zu Thüringen unter www.thueringen-tourismus.de.