06.08.2010 · Vor vierzig Jahren hatte Jimi Hendrix auf Fehmarn seinen letzten Auftritt. Er stürzte die Insel drei Tage lang in Anarchie. Heute erinnert ein ganz und gar gesittetes Festival daran.
Von Judith HyamsVor dem Fenster von Zimmer 703 des Hotel Dania liegt ein beruhigendes Panorama. Die Wiese stößt fast bis an die königsblaue Ostsee, darüber spannt sich der Himmel, der hier auf Fehmarn fast immer sonnig ist. Weiße Windräder weit in der Ferne markieren die dänische Küste. Es ist ein zurückhaltendes Idyll, frisch und sauber wie Zimmer 703. Frau Tiele, die Hotelchefin, trägt einen rapsgelben Blazer und blondierte Haare und fügt sich damit harmonisch ins nordische Ambiente. Sie zeigt auf das schmale Doppelbett, auf dem akkurate Handtuchstapel liegen. Man glaubt es kaum: Aber hier hat er geschlafen, Jimi Hendrix, der Zeremonienmeister des Rock, der Über-Hippie.
Für die vielen Fans, die nach Puttgarden pilgern, ist die 703 geheiligter Boden, und natürlich wollen sie hier übernachten, auch wenn die Spuren des Stars gründlich weggewischt sind. Unwillkürlich versucht man, zwischen den sorgfältig aufgeschüttelten Kissen ein paar letzte Krümelchen Hasch zu erspähen, irgendeine Ahnung von Sex, Drugs and Rock'n'Roll - vergebens. Frau Tiele wirkt belustigt, die ganze Anhimmelei von Stars ist nicht ihr Ding, Immerhin, sie nennt ihn "Jimi", so wie fast alle hier auf Fehmarn, was beinahe so klingt, als sei er einer der ihren gewesen. Und ein bisschen war er das auch, wenigstens für einen spektakulären Vormittag Anfang September 1970. Zwölf Tage später war er tot, der Auftritt auf Fehmarn sollte sein letzter gewesen sein.
Deutsche Version von Woodstock
Frau Tiele war damals noch jung, erst drei Jahre später übernahm sie das Hotel. Das Gästebuch mit Jimis Eintrag sei damals leider verschüttgegangen. Aber dass man mit Jimi auch noch Werbung machen wolle, nein, das müsse ja nicht sein, sagt Frau Tiele. Nichts deutet im Hotel auf den berühmten Gast hin. Man wirbt mit der üppigen Auswahl der Teesorten und führt Apfelstrudel auf der Karte, weil das die schwedischen Gäste so sehr mögen. Diese nutzen das Hotel meist als Zwischenstopp, bevor es weiter gen Süden geht, und stören sich nicht daran, dass der Bau vollkommen unzeitgemäß ist. Den siebenstöckigen Betonklotz von 1965, der als einsamer Solitär aus den Rapsfeldern ragt, findet selbst Frau Tiele hässlich. In den Sechzigern war das Hotel Dania aber topmodern. Es passte in die Zeit des Aufschwungs, der mit dem Bau der neuen Fehmarnsundbrücke begonnen hatte. Nun war die Insel keine Insel mehr, man konnte einfach bis hoch nach Puttgarden fahren und von dort mit der Fähre nach Dänemark, wo die verrückten Mädchen warteten und das schräge Kopenhagen. Auch die Bauernsöhne der Insel trugen Schnurrbart und längere Koteletten, von Hippies und Rockmusik hatten sie schon etwas gehört. Die Ahnung von einem neuen Lebensgefühl drang, wenn auch nur schleppend, bis in die Provinzdörfer.
Und nun das: ein riesiges Musikhappening mit internationalen Stars wie Ten Years After, Canned Heat und dem großen Jimi Hendrix, ausgerechnet am Fehmarner Strand. Das "Love&Peace Open Air" sollte eine deutsche Version von Woodstock werden. Die Veranstalter, drei junge Männer aus Kiel, schafften es auf geheimnisvolle Weise, mehrere der damals berühmtesten Bands für das Festival vom 4. bis zum 6. September 1970 zu engagieren. Was für die Fans wie ein Wunder geklungen haben muss, beäugte die Presse skeptisch, so sehr, dass die Veranstalter schließlich die Verträge veröffentlichten. Und als dann klar war, dass die Stars wirklich kommen, sorgten sich viele Zeitungen um die Moral. Freie Liebe und Drogenorgien auf Fehmarn - das passte nicht zusammen.
Blumenkinder auf der Insel
Fünfundzwanzigtausend Besucher fanden ihren Weg an den Flügger Strand, zu der Wiese neben dem Campingplatz, die die Veranstalter von einem Bauern namens Störtebecker gemietet hatten. Dass es im September nicht regnet, ist eine Bauernregel, die ausgerechnet in diesem Jahr nicht galt. Pünktlich zu Beginn des Festivals begann es zu stürmen, der Traum von Liebe und Frieden fühlte sich vor allem ziemlich nass und kalt an. Nur am letzten Festivaltag schien ein wenig die Sonne, als wohlinszenierte Ausnahme des Wettergottes. Vorher herrschte Unwetter: Mehrere Bands sagten ab, zwischen den Auftritten mussten stundenlange Pausen überbrückt werden, die sanitären Anlagen waren eine Katastrophe, der Wind zerriss die Klänge und trug sie überallhin, nur nicht zu den Fans. Aber diese blieben. Jimi Hendrix' Auftritt wurde immer wieder verschoben. Die Hoffnung, ihn doch noch zu sehen, hielt die Blumenkinder bei der Stange.
Natürlich waren nicht alle Besucher echte Hippies, viele der Männer hatten sich extra für das Festival lange Haare und Bärte wachsen lassen, wie Frau Serck von deren Freundinnen erfuhr. Auch ein paar Besucher und Journalisten wohnten damals in den Ferienwohnungen auf ihrem Bauerngehöft, das nur wenige hundert Meter vom Festivalgelände entfernt liegt. Frau Serck war damals frisch eingeheiratet und siebenundzwanzig Jahre alt, genau wie Jimi Hendrix. Übrigens waren auch Janis Joplin, Brian Jones und Jim Morrison im selben Alter, als sie starben, und gelangten damit zu der postumen Mitgliedschaft im "Club 27". Im Gegensatz zu den früh verglühten Rockstars hat Frau Serck Wäsche gemangelt, gekocht und sich um ihr Baby gekümmert. Und so sitzt sie jetzt putzmunter in ihrem urigen, verwucherten Garten. Sie erinnert sich gern an diese verrückten drei Tage, im bemerkenswerten Tempo reiht sie Anekdote an Anekdote. Wie sie eigentlich gar nicht hingehen wollte zum Festival, denn sie hatte alle Hände voll zu tun. Und wie sie dann doch da war, um zu sehen, wie der Jimi der Gitarre mit den Zähnen so besondere Töne entlockt - oder war es mit der Zunge?
Rocker gegen Bauernsöhne
In ihrer Schublade verwahrt sie ein paar Souvenirs: eine Streichholzschachtel von Beate Uhse, die in ihren Sex-Shop-Filialen den Vorverkauf der Festivaltickets übernommen hatte; Batiksocken, die hat Frau Serck sich damals gekauft und getragen, als Zugeständnis an die Hippies. Die waren eigentlich ganz friedlich, auch wenn sie auf den Türschwellen der Dorfbewohner schliefen. Aber schlimm waren die hundertachtzig Bloody Devils, Vorgänger der Hells Angels, die als Einlasser arbeiteten. Denn die Hamburger Rocker pöbelten und prügelten auf die Besucher ein, manchmal demolierten sie mit Ketten Autos. Einmal stahlen sie vom Nachbarshof ein Ferkel, um es komplett zu grillen, mit Innereien! Nur vor Frau Sercks Schwagern, die auf dem Trekker kamen, ihre Jagdgewehre umgehängt, hatten die Rocker Respekt.
Wer auf die Idee gekommen war, die Bloody Devils zu engagieren, ist unklar. Die Organisatoren trieb wohl eine sonderbare Mischung aus Naivität, Idealismus und Geldgier an, nur dass das mit dem großen Gewinn nichts wurde. Mit dem Löwenanteil der Einnahmen waren schon im Voraus Jimi Hendrix und Ten Years After ausbezahlt worden, aber da nur ein Drittel der erwarteten Besucher gekommen war, wurde das Festival ein finanzielles Desaster. Am Ende flüchteten die Veranstalter mit den Einnahmen, die Hamburger Rocker steckten das Organisationshäuschen in Brand, und dazu sang eine Band "Macht kaputt was euch kaputt macht". Wenig später sollte sie als Ton Steine Scherben berühmt werden, nicht zuletzt wegen ihres furiosen ersten Auftrittes auf dem Festival. Das alles war pure Anarchie, irrer, als es sich die Fehmarner Bauern je hätten ausmalen können. Fast genüsslich nannte es der Spiegel "ein Festival der Fehlplanung, ein Stelldichein unfähiger Organisatoren, brutaler Ordner und einer apathischen Menge".
Folk, Rock, Blues auf der Wiese
Von Feuer und Sturm, randalierenden Rockern und bekifften Hippies ist heute am Flügger Strand nichts zu spüren. Der Duft von wilden Rosen mischt sich mit dem des Meeres, Möwen kreischen, Rentner liegen vor ihren akkurat aufgereihten Campingwagen. Der Zeltplatz sieht genauso aus wie seit Jahrzehnten. Seine einzige Besonderheit ist, dass er noch vor dem Deich am Strand liegt. Eine junge Familie mit Fahrradhelmen und Kinderanhänger fotografiert den riesigen Findling, der landeinwärts steht und auf dem eine Fender-Gitarre in Originalgröße eingehämmert ist. Ein Fehmarner Steinmetz hat diesen Menhir zu Ehren des Gitarrengottes aufgestellt. An manchen Stellen sind ein paar Bröckchen herausgehauen
Es ist ein Pilgerort, an dem sich immer wieder Jimi Hendrix-Fans einfinden, vor allem, wenn das Revival gefeiert wird. Seit fünfzehn Jahren verwandelt sich die grüne Wiese wieder in ein Festivalgelände, immer Anfang September, dann spielen sie hier Folk, Rock und Blues und erinnern an damals und vor allem an Jimi. Vergangenes Jahr waren sogar Ten Years After da, die vor vierzig Jahren im Hotel Dania festsaßen und wegen der Rockerrandale nicht mehr spielen konnten.
Der Gott trug Pink und Patchwork
Die Skepsis von einst ist weg, die Fehmarner stehen hinter dem Nachfolge-Festival, das keinen Eintritt kostet und bei dem statt Rockerbanden gutgelaunte Feuerwehrleute aus den Nachbardörfern aufpassen. Und so passt es ungleich besser auf die Insel als das Original. Entspannt geht es zu, nicht nur, weil die ehrenamtlichen Organisatoren Erfahrung mit Musikveranstaltungen haben. Es ist auch harmlos, weil man nicht nach vorne schaut, sondern zurück auf eine Musikgeschichte, die ihren Höhepunkt längst hatte. Man kann Batik-T-Shirts kaufen und sich ein bisschen fühlen wie einst, als die Jugend Bonanzaräder fuhr, das Fernsehprogramm noch überschaubar und die Bundesrepublik noch auf dem aufstrebenden Ast war. Männer im besten Alter spielen soliden Bluesrock, manchmal singt ein Shantychor, und auch der Festivalnotarzt greift in die Gitarrensaiten. Dass die Behörden auch noch Kurtaxe von jedem Gast verlangen, hat man gerade noch abgewendet, wie sähe das denn aus bei einem Rockfestival. Es ist ein unkommerzielles, heiteres Gedenken an den großen Meister, die Gäste haben Spaß, trinken ein paar Biere und finanzieren damit die Gage der Musiker. Alle sind klug genug, keine zu hohen Erwartungen zu stellen. An Jimi, das ist klar, kommt sowieso überhaupt keiner ran.
Und dann am letzten Festivaltag, dem 6. September 1970, war es dann soweit. Jimi Hendrix wurde mit dem Hubschrauber aus Puttgarden eingeflogen, eine überirdische Erscheinung, orchestriert von allen Elementen: Die schwarze Wolkendecke riss auf, der Regen stoppte und die Sonne brach strahlend durch. Der Gott trug Pink und Patchwork, spielte seine Lieder und überschwemmte die Zuhörer mit Love und Peace. Und da, wenigstens für eine Weile, fühlte sich die Insel Fehmarn an wie der Nabel einer ganz neuen Welt.
Information: Das Fehmarn Open Air findet am 3. und 4. September 2010 am Flügger Strand statt. Es ist voraussichtlich das letzte Mal, dass das Festival so und an diesem Ort gefeiert wird, da das Gelände unter Naturschutz gestellt werden soll. Auskünfte unter www.fehmarnfestivalgroup.com.