15.01.2012 · Die Rallye Dakar ist noch immer die atemraubende Wettfahrt, die zwischen Gefahr und Faszination umherirrt. Am Sonntag endet die Tour durch Wüsten und Berge Südamerikas in Peru.
Von Leonhard Kazda, ChileGanz weit oben, in zwei Kilometer Entfernung, rund 700 Meter höher, sieht man die ersten Staubfahnen aufsteigen. Dann schießt ein bunter Punkt über die Kante der Düne. Der in knalligem Orange lackierte Hummer des amerikanischen Rennfahrers Robby Gordon fliegt den riesigen Sandberg hinunter, stürzt in die Tiefe. Der mächtige Motor des amerikanischen Geländewagens, der aussieht wie ein Pop-Art-Panzer, brüllt, der Wind trägt das wütende Geheul durch die flimmernde Hitze hinunter zum Biwak nahe der chilenischen Stadt Iquique, wo die Dakar-Rallye jüngst Station machte.
An diesem Sonntag endet sie nach mehr als 8300 atemraubend aufreibenden, gefährlichen und auch spannenden Kilometern in der peruanischen Hauptstadt Lima.
Die Düne von Iquique ist im Offroad-Rallyesport so etwas wie die Streif beim Skilaufen. Wer von oben herabschaut, dem sträuben sich die Haare beim Gedanken, hier mit einem Motorrad oder mit einem Auto hinabzumüssen. 32 Prozent Gefälle und ein Untergrund aus purem Feinstaub lassen den Adrenalinspiegel hochschnellen und manches Herz in die Hose rutschen. Im vergangenen Jahr wollte Volkswagen Gäste von einheimischen Fahrern die Düne hinunterchauffieren lassen. Die angeheuerten Männer mit Offroad-Praxis weigerten sich - zu gefährlich.
Für die Männer der Dakar ist die Düne eine Pflichtübung. Der Niederländer Henk Knuiman ist in Iquique schon dreimal mit seinem Motorrad in die Tiefe gerast. "Es ist Wahnsinn, es geht schnell, sehr schnell voran", erzählt er. Gelegenheit, auf den Tacho zu schauen, habe er nicht gehabt. "Aber 150 Stundenkilometer hatte ich bestimmt drauf."
Beim ersten Mal empfand er die Abfahrt als "wirklich beängstigend". Diesmal hat der Niederländer sogar Gas gegeben. Hummer-Pilot Gordon gibt sich nach dem wüsten Sturzflug gewohnt lässig. "205 Kilometer" habe der Tacho bei der rasenden Talfahrt angezeigt.
Passiert ist nichts an diesem Tag, an dem sich ein blassblauer Himmel über das Beige der Dünen und das Tiefblau des Pazifiks spannte. Alles lief gut ab bei der Abfahrt ins Biwak. Doch die Dakar kann auch anders sein. Erbarmungslos, gefährlich wie ein Raubtier - tödlich.
Gleich am ersten Tag des Jahres und damit auch am ersten der Dakar-Rallye war der argentinische Motorradfahrer Jorge Martinez Boero tödlich verunglückt. "Was dich nicht tötet, macht dich stärker", hatte der Vater einer zweijährigen Tochter bei Twitter im Internet vor dem Start der Dakar gepostet. Boero war das vermutlich 61. Todesopfer in der Geschichte der Dakar, die 1978 erstmals gestartet wurde.
Auch der charismatische Gründer der damals "Paris-Dakar" genannten Wettfahrt, der Franzose Thierry Sabine, ist unter den Opfern. Am 14. Januar 1986, also auf den Tag genau vor 26 Jahren, zerschellte sein Hubschrauber an einer Düne. Drei weitere Menschen, der Pilot, der Funker und eine Journalistin, starben ebenfalls bei dem Unglück.
Die Begegnung mit Leid und Tod ist eine Realität bei dieser Wettfahrt, die irgendwo zwischen Faszination und Gefahr umherirrt. Zuweilen treffen sich auch beide Elemente - so wie bei der haarsträubenden Schussfahrt von der Düne in Iquique. Hier geht auch von der Gefahr die Faszination aus. Eine teuflische Mischung. Für den einen ist sie teuflisch gut, andere verteufeln sie. Bei der Dakar selbst findet man die Vertreter der letztgenannten Gruppe naturgemäß kaum.
Doch es gibt durchaus kritische Köpfe. So wie beispielsweise den Franzosen Stéphane Peterhansel, der die Rallye so oft gewonnen hat wie kein anderer Fahrer. Sechsmal hat er auf dem Motorrad gesiegt, dreimal mit dem Auto. Für ihn ist "die Dakar eine Faszination. Die wundervollen Landschaften, die man durchquert, die Technik, die Navigation", schwärmt er. "Nichts ist sicher, kaum etwas ist berechenbar. Es kann immer etwas passieren. Und deshalb ist dieses Rennen so faszinierend."
Es ist so etwas wie die Regelmäßigkeit des Ungewissen, die Konstanz des immer Neuen, das auf einen einstürzt während dieser heißen, staubigen Tage voller Schweiß, Entbehrungen - und manchmal auch voller Tränen. Vor allem die Motorradfahrer erwischt es häufig. Sie haben keine Gitterrohrahmen um sich, keine Kohlefaserkarosserie, keine aufwendigen Sicherheitssysteme - nur die tobenden Elemente und die unberechenbare Natur, die sich gegen die Begegnung mit den röhrenden Maschinen zu sträuben scheint. Und zuweilen schlägt sie zurück. "Wenn dir auf dem Motorrad ein Fehler unterläuft, bezahlst du Cash", sagt Peterhansel, der selbst von schlimmen Unfällen verschont blieb. "Aber viele Freunde von mir hatten Unfälle", sagt er und fügt nachdenklich hinzu: "Ein paar sind sogar vor meinen Augen gestorben."
Fabrizo Meoni, der italienische Sieger der Jahre 2001 und 2002, verlor 2005 bei der Dakar sein Leben, der australische Topfahrer Andy Caldecott ein Jahr später. Zwar tragen viele Piloten inzwischen einen Genickschutz, der dem aus der Formel 1 bekannten System "Hans" ähnelt. "Im nächsten Jahr soll es vermutlich Pflicht werden", sagt Dakar-Chef Etienne Lavigne.
Aber die Bedrohung für Leib und Leben ist akut. "Sie ist auch einer der Gründe, warum ich beschlossen habe, das Rennen nur noch auf vier Rädern zu fahren", erklärt Peterhansel und fügt hinzu: "Es ist nicht möglich, eine Lösung für die Biker zu finden. Wenn du mit dem Motorrad hier fährst, akzeptierst du automatisch, dass du dich in Gefahr begibst." Die Akzeptanz des Schlimmsten ist eine Gemeinsamkeit, die die meisten Dakar-Fahrer teilen. In ihr schlummert so etwas wie ein archaischer Freiheitsdrang, der unbändige Wille, sich in diesen 14 rasenden Tagen nichts und niemandem zu beugen und Konventionen und Kompromisse der Zivilisation mit einen Dreh am Gasgriff oder dem Tritt aufs Pedal außer Kraft zu setzen.
Der Rausch des Tempos ist aber auch ein neues Phänomen der Dakar, das zu einer Art Diktat geworden ist. "Früher konnte man die Dakar mit Intelligenz gewinnen", sagt Sven Quandt, selbst ein erfahrener Dakar-Veteran und Chef des x-Raid-Teams, für das unter anderen Peterhansel fährt. "Da ging es hauptsächlich darum, genau zu wissen, wann man schnell sein musste. Und jetzt heißt es gleich am ersten Tag: Freunde, Vollgas! Und zwar vom Anfang bis zum Ende."
Mit Vollgas zur Freiheit wollen sie alle. Für die Amateurfahrer, die in der knallbunten Werbekarawane zwischen Lifestylesymbolen wie roten Bullen, glibbrigen Monstern und anderen Trendlimonaden immer noch ein wenig das Prickeln der Wettfahrt ausmachen, bietet die Dakar eine einzigartige Möglichkeit, Seite an Seite mit den Stars zu kämpfen, zu verlieren und zu siegen. Beim Abendessen im Biwak trifft man sich. Wenn der Rekordhalter einem freundlich "bon appetit" wünscht und sein Plastiktablett am Tisch nebenan abstellt, ist die Dakar-Welt in Ordnung. Abends wird in der Mitte des Verpflegungsquartiers ein Lagerfeuer entfacht. Darüber funkeln die Sterne am glasklaren Himmel über der Atakamawüste. Und ausgerechnet die dröhnende Technikkarawane, die auch Marketing und plumpe Werbung impliziert, wird plötzlich und völlig paradox zu einem Fluchtpunkt vor der modernen Gesellschaft.
Ja, die Veranstalter versuchen vieles, um die Dakar sicherer zu machen. Lavigne, der Boss der Rallye, zählt einem gerne die Vorzüge von Innovationen auf, welche unter seiner Ägide zum Wohl der Teilnehmer erfunden und installiert wurden. Die Systeme tragen schöne Namen wie "Sentinel", mit dem das Fahren in der Staubwolke vorausfahrender Fahrzeuge sicherer gemacht werden soll. Aber ein System, das die Gefahr ausblendet, kann es niemals geben. Vielleicht würde so etwas sogar das Ende der Dakar bedeuten. Natürlich kokettiert der Veranstalter mit dem Risiko: "Die Dakar ist ein sehr riskanter Sport", sagt Lavigne, "ein Extremsport. Es ist der härteste Event der Welt in dieser Kategorie. Aber auch unser Sicherheitssystem ist das beste bei Veranstaltungen dieser Art."
Wie zwangsläufig folgt auch noch das Argument, dass andere Sportarten auch gefährlich sind. "Segeln, Klettern oder Speed-Skifahren", so Lavigne, seien es. So wird die Dakar zur Eiger-Nordwand - unberechenbar und umstritten. Die Protagonisten sind hier wie da auf der Suche nach der besten Route und dem Ruhm, einem Mythos begegnet zu sein.
Auch an der Nordwand sind mehr als 60 Menschen gestorben. Rallyefreunde sagen dann gerne, dass ja niemand ernsthaft die Abschaffung dieses Berges fordere. Zynismus oder berechtigte Parallele? Die Entscheidung fällt für die Außenstehenden irgendwo im weiten Reich der Ethik. Für die Protagonisten fällt sie hinter dem Steuer oder in der Wand.
Die Dakar-Rallye polarisiert im gleißenden Licht der Wüste wie kaum eine andere Sportveranstaltung dieser Welt. Das Rennen ist eine lebende Legende. Ob sie schon künstlich beatmet wird, weiß keiner so genau. So manchen Beobachter lockt sie ins Reich der Effekte. Nachdem der französische Motorradfahrer Bruno da Costa bei der Kollision mit einer Kuh schwer verletzt worden war, befand die "Süddeutsche Zeitung" lapidar: "Da Costa lebt. Die Kuh ist tot." Eine zynische Feststellung angesichts der tödlichen Gefahren? Die meisten Rennfahrer der Dakar würden sie sicher genauso akzeptieren.
Ganz langsam trudeln im Biwak von Iquique auch jene Fahrer ein, die mit dem Sieg bei der Dakar sicher nichts zu tun haben werden. Die Staubfahnen, die sie hinter sich her ziehen, sind viel kürzer, da kaum einer Gas gibt auf den zwei Kilometern, die einem freien Fall auf Rädern gleichkommen. Die Sonne steht schon tief und taucht den Dünen-Giganten in ein goldenes Licht. "Fast wie in Afrika", seufzt einer.
Dorthin wird die Dakar aber wohl nie wieder zurückkehren. Die Gefahr, das Ziel eines Terroranschlages zu werden, ist zu groß. Zudem haben die Veranstalter erkannt, dass es viel besser ist, dort zu fahren, wo auch potentielle Käufer für die High-End-Produkte auf Rädern sind. Und in Südamerika sind es auf jeden Fall mehr als in Afrika. So wird die Dakar ein Etikettenschwindel auf hohem, überaus umstrittenem Niveau bleiben. Ein faszinierendes Monster, ein böser Gigant, ein heißgeliebter Feind - ein Widerspruch in sich selbst.