10.10.2006 · Keine Fortschritte bei Suche nach Mördern / Regierungszeitung verdächtigt Beresowskij
rve. FRANKFURT, 10. Oktober. In Moskau haben am Dienstag auf dem Trojekurow-Friedhof mehrere tausend Menschen Abschied von der am Samstag ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja genommen. Unter den Trauergästen waren außer russischen Journalisten, Bürgerrechtlern und Oppositionspolitikern auch westliche Diplomaten und der Menschenrechtsbeauftragte des Kremls, Wladimir Lukin. Politkowskaja war durch ihre kritischen Berichte über Tschetschenien bekannt geworden. Mehrere Redner kritisierten, daß sich der russische Präsident Putin erst auf Nachfrage des amerikanischen Präsidenten zwei Tage nach dem Mord zu dem Verbrechen geäußert und die Tat dabei zunächst nicht ausdrücklich verurteilt hatte. Laut einer Mitteilung des Kremls hatte Putin Bush in einem Telefonat am Montag "objektive Ermittlungen" zugesagt.
Laut den Berichten russischer Zeitungen gibt es bei der Fahndung nach den Mördern Politkowskajas kaum Fortschritte. Jedoch berichteten einige Blätter über Spuren, denen nachgegangen werde. Im Verdacht steht eine Gruppe von Milizionären, denen die Journalistin im Jahr 2001 Entführungen in Tschetschenien nachgewiesen hatte. Ein Mitglied dieser Gruppe, aus deren Reihen Politkowskaja schon früher bedroht wurde, wurde zu einer langen Haftstrafe verurteilt, andere sind auf der Flucht. Im Blickfeld der Ermittler sind auch prorussische Tschetschenen und russische Rechtsextremisten. Außerdem halten sie es laut der Zeitung "Kommersant" für möglich, daß Gegner des russischen Präsidenten Putin und des tschetschenischen Ministerpräsidenten Kadyrow die Tat verübt haben könnten, um diesen beiden von Politkowskaja scharf kritisierten Politikern zu schaden. In der Regierungszeitung "Rossijskaja Gaseta" wurde der im Londoner Exil lebende Geschäftsmann Boris Beresowskij verdächtigt, hinter dem Mord an Politkowskaja zu stehen. Er wolle so in Hinblick auf die Wahlen 2007 und 2008 die russische Regierung in Mißkredit bringen, die in jüngster Zeit viele Erfolge feiern könne. Möglich sei auch, so die Regierungszeitung, daß die kriminellen Hintermänner der vergangene Woche geschlossenen georgischen Spielcasinos in Moskau mit dem Mord die Aufmerksamkeit der Sicherheitskräfte von sich ablenken wollten.