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Wenn es qualmt, ist der Brandstifter weg

28.04.2010 ·  Die meisten Anschläge auf Autos werden im Osten Berlins verübt / Von Maximilian Weingartner

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BERLIN, im April. In der Nacht zum 18. Mai 2009 wurde die Zweiundzwanzigjährige in Friedrichshain festgenommen. In der Nähe war gerade ein Auto in Flammen aufgegangen. Ein Polizist hatte eine Gestalt beobachtet, sie aber kurz aus den Augen verloren. Der Beamte sagte vor Gericht, bei der Angeklagten handele es sich um diese Gestalt. Im November wurde die Frau aber freigesprochen; schließlich könne sich der Polizist wegen der schlechten Sicht auch geirrt haben. Zu Beginn der Berufungsverhandlung vor dem Berliner Landgericht schwieg die mutmaßliche Brandstifterin, die der linksautonomen Szene zugerechnet wird.

Es ist ein typischer Fall - nicht nur kriminologisch, sondern auch geographisch. Denn die örtliche Verteilung der Anschläge zeigt ein klares Bild. Auf der Website www.brennende-autos.de sieht man, wie viele Autos bereits angezündet wurden, welche Stadtteile und welche Automarken es am häufigsten trifft. Seit 2007 wurden demnach 542 Anschläge verübt, die meisten davon in östlichen Stadtteilen wie Friedrichshain, Mitte und Pankow. Im Westen der Stadt gab es - abgesehen von Kreuzberg - kaum Anschläge. 2010 wurden schon 39 Autos angezündet. Besonders gefährdet sind die Marken Mercedes-Benz, Volkswagen, BMW und Audi.

"Die Internetseite dient aber nur der besseren geographischen Darstellung der Taten und ist nicht politisch motiviert", sagt Uwe Frers, der Geschäftsführer des Unternehmens Tripsbytips, das die Seite 2007 ins Netz gestellt hat. Die Idee dazu kam ihm, als er in der Mittagspause mal wieder an einem verkohlten Autowrack in der Nähe seines Kreuzberger Büros vorbeiging. Sein Unternehmen konzentriert sich auf die Darstellung von Reisetipps auf Google Maps. Da war es leicht, eine Karte mit der Verteilung der Brandanschläge zu zeichnen. Seit mehr als drei Jahren werden nun Attacken auf Autos anhand von Polizeimeldungen kartographiert.

Die Tendenz stimme, sagt ein Sprecher des Landeskriminalamts. In der Tat treffe es vor allem die östlichen Bezirke. Laut Berliner Polizei gab es 875 Brandanschläge seit 2007, aber nur 27 Personen wurden festgenommen. Bei der Vorstellung der Kriminalitätsstatistik des Jahres 2009 sagte Polizeipräsident Dieter Glietsch in der vergangenen Woche, bei Gewalttaten aus dem rechten Spektrum sei seit 2003 ein Anstieg um 20,4 Prozent erfasst worden, bei Taten aus dem linken Milieu um 300 Prozent - und viele Autoanzünder handelten aus politischen Gründen.

Glietsch sagt, die Polizei betreibe einen hohen Aufwand und schöpfe alle Möglichkeiten aus - personell, mit verdeckten Maßnahmen, offener Präsenz und technischen Mitteln. Es sei aber "außerordentlich schwierig", einen durchgreifenden Erfolg zu erzielen. In Berlin seien schließlich 1,4 Millionen Fahrzeuge zugelassen, und die meisten würden auf den 5000 Kilometern Straße der Stadt geparkt. Die Täter könnten sich frei entscheiden, wann und wo sie welches Objekt wählten. Ein Auto in Brand zu setzen dauere nur fünfzehn Sekunden. Bis es anfängt zu qualmen und Zeugen aufmerksam werden, können die Brandstifter längst weg sein.

Die Motive für die Brandanschläge sind schwer zu durchschauen. Manche Attentäter möchten gegen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan protestieren, andere gegen Hartz IV. Teils ist das Abfackeln auch nur eine Mutprobe unter Jugendlichen. "Für die Polizei ist es schwierig zu unterscheiden, wo der soziale Unmut aufhört und der Linksextremismus beginnt", sagt Peter-Michael Haeberer, Direktor des Berliner Landeskriminalamts. Selbstbezichtigungsschreiben gebe es nur wenige.

Der beliebteste Erklärungsansatz bezieht sich auf die Gentrifizierung von Stadtteilen. Mit der Modernisierung alter Häuser steigen die Preise für Mieten und Eigentumswohnungen. Alteingesessene Bewohner können sich bestimmte Gegenden nicht mehr leisten. Sie verlassen ihren Kiez, es folgen junge, besser verdienende Bürger. Aber obwohl die Immobilienpreise im Osten der Stadt, besonders in Szenevierteln wie Prenzlauer Berg, Mitte oder auch Friedrichshain, exorbitant gestiegen sind, wohnen viele Bürger, die in das Feindbildschema der Linksextremisten passen, im Westen. Laut Sozialatlas 2009 befinden sich die besten Wohngegenden in den Stadtteilen Steglitz, Zehlendorf und Wilmersdorf.

Die Besitzer der abgefackelten Autos sind für die Brandstifter anonym. "Es geht den Tätern und ihren Sympathisanten nicht um reiche oder wichtige Persönlichkeiten als solche", sagt Hans-Gerd Jaschke, Professor für Polizei- und Sicherheitsmanagement an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Ansatzpunkt sei "die Vertreibung der ,Armen' durch ,Reiche' im Rahmen von Luxusmodernisierungen". Im Osten schlägt trotz der Verbürgerlichung der Bevölkerungsstruktur das Herz noch links. Außerdem ist Berlin für seine ausgeprägte linksautonome Szene berüchtigt. So wohnen laut einer Studie des Berliner Verfassungsschutzes die meisten Tatverdächtigen in Friedrichshain, Neukölln, Prenzlauer Berg und Kreuzberg. Bei Brandstiftungen leben 28 Prozent der ermittelten Tatverdächtigen sogar in direkter Nähe zum Tatort. Wo Autos angezündet werden, sind die meisten Treffpunkte und Wohnorte gewaltbereiter Linksextremisten. Das wird man auch an diesem Wochenende sehen, wenn nicht nur Autos angezündet werden, sondern zum 1. Mai Gewalt in allen Spielarten zu spüren ist.

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