22.12.2010 · Was ist das für eine Welt, in der die Vernunft kostspieligen und windigen Test- inszenierungen hofieren muss, um sich wenigstens ein bisschen Gehör zu verschaffen? Von Konrad Paul Liessmann Die Feminisierung des Erziehungswesens und der Siegeszug des Gameboys haben dem Lesen geschadet.
Aufatmen in Deutschland, Genugtuung in der Schweiz, Katzenjammer in Österreich: Wir sprechen nicht von den Ergebnissen eines alpinen Skirennens, sondern von Pisa 2009. Die deutschen Schüler zeigen sich nun leicht verbessert, die Schweizer Jugendlichen konnten in manchen Bereichen ins Spitzenfeld vorstoßen, die Halbwüchsigen aus Österreich stürzten ab und rangieren nun in der Lesekompetenz an drittletzter Stelle, dort wo sich auch Mexiko und die Türkei befinden. Das kratzt, wenn auch nicht so stark wie eine Niederlage in einem Abfahrtsrennen, doch am Selbstwertgefühl dieser Nation.
Das Gefühl der Schadenfreude, das sich nach dem ersten Pisa-Test des Jahres 2000 eingestellt hatte, weil Österreich zwar auch nur im Mittelfeld, aber vor Deutschland gelegen war, ist nun, nach der vierten Runde, einer schweren bildungspolitischen Depression gewichen. Erstaunlich immerhin, dass dieses Land der Analphabeten noch immer eines der reichsten dieser Erde ist und auch die letzte Krise ohne größere Schwierigkeiten gemeistert hat. Aber die Zukunft sieht natürlich finster aus. Wenn die jetzt Getesteten in wenigen Jahren die Universitäten oder den Arbeitsmarkt bevölkern, muss mit dem Schlimmsten gerechnet werden, zumal die Schüler aus Schanghai, Südkorea oder Singapur nun auch bildungsmäßig auf der Überholspur sind.
Damit die Alpenrepublik nicht vollends zum intellektuellen Entwicklungsland wird, startet im Frühjahr dann auch ein "Bildungsvolksbegehren", initiiert vom Großindustriellen und ehemaligen Finanzminister Hannes Androsch und unterstützt von ebenjener Bundesregierung, die gerade die Gelder für Wissenschaft und Bildung drastisch gekürzt hat. Da der Text dieses Volksbegehrens noch nicht veröffentlicht ist, weiß man leider noch nicht genau, was jemand eigentlich begehrt, wenn er die Bildung begehrt. Aber man wird sehen.
Das Faszinierende am Pisa-Test ist, dass dieser trotz zahlreicher bekannter und oft kritisierter Schwächen in Konstruktion, Durchführung und Auswertung nach wie vor den Takt in der Bildungsdiskussion angibt. Dass die Ergebnisse schon aus rein statistischen Gründen auf schwachen Beinen stehen, weiß man. Deutschland hat annähernd 10 Millionen Schüler, nicht einmal 5000 davon haben sich dem Pisa-Test unterzogen, in der viel kleineren Schweiz waren es 20 000. Was will man da noch vergleichen?
Da ein besonderer Stolz der Pisa-Konstrukteure darin besteht, Zusammenhänge zwischen Schultyp, Region, sozialem und familiärem Hintergrund und Geschlecht zu eruieren, muss das schmale deutsche Sample bedeuten, dass für manchen Typus - männlicher Schüler mit Migrationshintergrund in einem norddeutschen kleinstädtischen Gymnasium - wohl nicht mehr als ein Testkandidat zur Verfügung stand. Hatte dieser einen schlechten Tag, herrscht bildungspolitischer Notstand, war er in Form, hat ganz Deutschland ein ungerechtes Schulsystem beseitigt. Unsinniger geht es nicht. In Österreich kommt noch dazu, dass eine Schülerunion zum Boykott des Tests aufgerufen hatte, was zwar zu zahlreichen leeren Fragebögen, aber zu keiner stärkeren Verzerrung der Ergebnisse geführt haben soll. Pisa misst also in erster Linie den Glauben von Bildungspolitikern und Journalisten an fragwürdige Statistiken. Dieser Glaube allerdings kann Berge versetzen.
Keine Frage: Pisa wirkt. Aber es wirkt als gigantomanes bildungspolitisches Placebo, das von seiner Inszenierung ebenso lebt wie von der bis zur Veröffentlichung wie ein Staatsgeheimnis gehüteten Nationenwertung. Ohne dieses Ranking, das Vergleichbarkeit auch dort suggeriert, wo Vergleiche weder möglich noch sinnvoll sind, und ohne die plakativen Ergebnisdeutungen wäre Pisa ein amüsanter, aber unnötiger Test wie viele andere auch. Aber dass man nun die Punkteabstände zwischen den Ländern angeblich in verlorene oder gewonnene Schuljahre umrechnen kann, gibt der Bildungsökonomie ganz neue Möglichkeiten. Um ordentlich lesen zu lernen, benötigen österreichische Schüler fast zwei Jahre mehr als die Schüler in Finnland oder Südkorea. Und Zeit ist bekanntlich Geld. Wenn es woanders schneller geht, dann muss das doch auch hierzulande möglich sein. Oder anders formuliert: Leseförderung lohnt sich doch. Im Wortsinn.
Manchmal wird an Pisa gelobt, dass hier kein "erlerntes Wissen" abgefragt wird, sondern dass es "um die Ermittlung von Problemverständnis und Lösungsfähigkeit, also um die Voraussetzung für erfolgreiches Lernen im weiteren Leben" geht - so konnte man lesen. Immerhin ist es beruhigend zu wissen, dass man auch ohne Wissen in einer Wissensgesellschaft Erfolg haben wird. In Wirklichkeit gibt natürlich auch Pisa durch die Konstruktionen seiner Tests einen geheimen Lehrplan vor, der entgegen den Behauptungen seiner Apologeten eine Norm darstellt, an der sich die Bildungsbemühungen auszurichten haben.
Pisa misst nicht nur, sondern schreibt in erster Linie vor. Und Pisa verstärkt dabei jene verhängnisvollen Tendenzen in der Didaktik, die zwischen Fähigkeiten und Kenntnissen nicht mehr unterscheiden und am Ende eines Lernprozesses immer eine Kompetenz zur Lösung einer lebensweltlich orientierten Aufgabe sehen wollen. Das mag in manchen Bereichen durchaus sinnvoll sein, zu glauben, dass diese Problemlösungskompetenzen unabhängig von Wissen erworben werden können, ist aber ebenso ein Irrtum wie die Annahme, dass auf ein Wissen, das nicht zu einer unmittelbaren Handlungsorientierung führt, immer und überall zu verzichten sei. Zukünftige Bildungsforscher werden in der Umstellung auf eine schwammige Kompetenzorientierung vielleicht den didaktischen Sündenfall unserer Epoche sehen und womöglich zur Einsicht kommen, dass Kompetenz genau das bedeutet, was der Philosoph Odo Marquard schon vor Jahren den "kompetenten" Vertretern seiner eigenen Zunft unterstellt hatte: Sie seien für nichts zuständig, zu manchem fähig und zu allem bereit. Aber vielleicht ist es genau das, was die neue Kompetenzorientierung des Unterrichts intendiert.
Als weitere große Errungenschaft des Pisa-Tests wird die Erkenntnis gewertet, dass es in nahezu allen beteiligten Staaten einen Zusammenhang zwischen den Testergebnissen und dem sozialen Hintergrund gibt, besonders signifikant in Deutschland und Österreich. Bildung wird in diesen Ländern, so die rasche und bündige Erklärung, offenbar in einem symbolischen Sinn "vererbt", die Herkunft zähle mehr als die Begabung. Das mag auf Karrierechancen durchaus zutreffen, der Test müsste aber zeigen, dass Begabungen von der Herkunft unabhängig sind und erst durch das Bildungssystem unterdrückt werden. Das kann er als punktuelle Bestandsaufnahme aber nicht. Alles andere ist wohlmeinende Interpretation. Immerhin: Deutschland hat sich auch hier verbessert, die "Ungerechtigkeit" hat ab-, in Österreich allerdings weiter zugenommen. Was aber heißt das? Dass Elternhaus und soziales Milieu einen Einfluss auf Bildungschancen haben, ist ja offenkundig.
Die Rede von der "Vererbbarkeit" der Bildung ist allerdings höchst ungenau. Sie unterstellt, dass besorgte Eltern ihre Bildung wie einen Schatz hüten und anderen vorenthalten. Eltern einen subtilen Vorwurf zu machen, weil sie ihren Kindern ein bildungsfreundliches Milieu mit Büchern und Gesprächen bieten und so ihre Bildung zu Lasten anderer "vererben", wäre das falsche Signal an die falsche Adresse. Bildung lässt sich aber nicht einfach umverteilen. Wohl muss ein öffentliches Schulwesen allen dieselben Chancen geben. Aber diese Chancen müssen auch ergriffen, oft überhaupt erst als solche wahrgenommen werden. Was bedenklich stimmen kann, ist die mangelnde Fähigkeit der Schulen, solche Defizite auszugleichen. Dahinter steckt die These, dass Schule - auch, vielleicht sogar vorrangig - ein Instrument zum Ausgleich sozialer Unterschiede ist. Man vergisst allerdings hinzuzufügen, dass diese dadurch nicht beseitigt, sondern bestenfalls neu geordnet werden sollen. Wohl kann man den Schulen die Aufgabe, alle Kinder und Jugendlichen mehr oder weniger gleich fit für den Wettbewerb, für den Kampf um die Arbeits- und Studienplätze zu machen, zuschreiben. Aber am Ende wird es natürlich Gewinner und Verlierer geben.
Warum Schulen an dieser Aufgabe, soziale Defizite durch Bildung zu kompensieren, oft scheitern, mag weniger mit ihnen selbst als mit einem gesellschaftlichen Klima zu tun haben, in dem Bildung gerade nicht mehr als Motor der sozialen Mobilität begriffen und erfahren wird. Der Medienwissenschaftler Peter Weibel machte vor kurzem die zynische Bemerkung, dass gegenwärtig die Casting-Shows die "Universitäten für Aufsteiger" seien. Dort, nicht in der Lektüre eines Sachbuches oder gar eines Romans, erfahren Jugendliche alles über die Mechanismen des Aufstiegs, wenn, dann lohnt es sich, in solche Träume zu investieren. Lesen, Bildung, Wissenschaft werden oft gerade nicht als jene Faktoren wahrgenommen, die zu sozialem und ökonomischem Aufstieg, zu Anerkennung und Erfolg führen. Exzellente Leistungen in diesen Bereichen schützen bekanntlich nicht davor, ins Prekariat abzugleiten. Es genügt nicht, den Wert der Bildung in Sonntagsreden zu beschwören. Wer diesen Wert ernst nimmt, sollte an Rahmenbedingungen arbeiten, innerhalb derer das Streben nach Bildung und Wissen, nach Geist und Kultur, nach Eloquenz und Stil materiell und symbolisch auch tatsächlich honoriert wird.
Seine eigentliche Bedeutung entfaltet Pisa allerdings dort, wo seine Protagonisten unverhohlen Empfehlungen für großzügige Schulreformen abgeben. Der Pisa-Verantwortliche der OECD, Andreas Schleicher, gab der österreichischen Bundesregierung dann auch den Rat, doch endlich auf die gemeinsame Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen umzusteigen, um die Testleistungen zu verbessern. Dass Deutschland und die Schweiz sich ohne diese Schule zum Teil stark verbessert, Schweden mit dieser Schule verschlechtert hat, ficht den Gesamtschulideologen nicht an. Länder, die vielleicht tatsächlich ein Problem damit haben, der Schule und der Bildung die angemessene Aufmerksamkeit zu schenken, werden damit in endlose Strukturdebatten getrieben, die Kräfte und Energien blockieren, die anderswo gebraucht werden könnten. Etwa bei der Frage, welche Rolle die Lehrer, ihr Ansehen und ihre Bildung in diesem Prozess eigentlich spielen. Oder bei der Frage, wie es insgesamt um die Lesekultur einer Gesellschaft bestellt ist, die seit zwei Jahrzehnten wortreich das Ende der Schrift und des Buches beschwört und das Computerspiel zu einer Kulturtechnik stilisierte.
Denn zu den eher verblüffenden Effekten von Pisa gehört auch dieser: Alle reden nun vom Lesen. Und davon, dass die Leseschwächen unserer Kinder damit zu tun haben, dass diesen in jungen Jahren nichts mehr von ihren Vätern vorgelesen wird. Dass die Feminisierung des Erziehungswesens bei gleichzeitigem Siegeszug des Gameboys der einen oder anderen älteren Kulturtechnik schaden könnte, haben sich insgeheim wahrscheinlich schon viele gedacht. Dass man dieses Unbehagen nun laut äußern darf, verdanken wir Pisa. So gesehen gleicht Pisa der Hegelschen "List der Vernunft". Aber, so könnte man sich trotz allem fragen, was ist das für eine Welt, in der die Vernunft kostspieligen und windigen Test-Events hofieren muss, um sich wenigstens ein bisschen Gehör zu verschaffen?
Der Autor lehrt Philosophie an der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien.