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Vor dem Endkampf

16.12.2009 ·  Der Einsatz in Afghanistan wird militärisch härter / Von Lothar Rühl

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Man muss das harte Urteil des amerikanischen Sonderbotschafters für Afghanistan und Pakistan, Holbrooke, man fange im neunten Jahr des Konflikts "wieder bei null" an, nicht wortwörtlich nehmen. Aber die Kritik an der "unkoordinierten" Aktion und dem Zeitverlust ist im Kern ernst zu nehmen, wenn die von Präsident Obama versprochene Wende zum Besseren möglich werden soll.

Präsident Karzai hat seinerseits eine mit Forderungen verbundene Vorhersage über die zusätzlichen finanziellen Lasten zur Fortführung der Verteidigung seines Staates gegen die Aufständischen beigetragen: Vor 2015 würden die afghanischen Sicherheitskräfte nicht fähig sein, für die Sicherheit des Landes zu sorgen. Darüber hinaus werde Afghanistan wirtschaftlich frühestens 2024 in der Lage sein, die Kosten für seine Sicherheit selbst zu tragen.

Dies würde eine fortdauernde militärische Last von weiteren sechs Jahren für die internationalen Truppen und eine finanzielle Last während anderthalb Jahrzehnten für die Sicherung Afghanistans bedeuten. Die Alliierten unter der Führung Amerikas würden sich in Südwestasien im letzten Drittel eines fast dreißigjährigen Krieges seit der Intervention von 2001 befinden, an dem sie bis dahin mit eigenen Truppen und massiver Hilfe für Afghanistan und Pakistan teilnehmen würden.

Amerikanische und alliierte Afghanistan-Kenner im Nato-Militär wie in zivilen Organisationen äußern sich skeptisch, vor allem über die Befristung 2011/ 2012 für den Beginn eines schrittweisen Truppenabzugs, die allgemein als zu knapp bemessen scheint, aber auch darüber, dass der Präsident überhaupt öffentlich von 18 bis 24 Monaten sprach - was Anfang September schon sein Generalstabschef, Admiral Mullen, im Nato-Militärausschuss getan hatte.

Verteidigungsminister Gates hat sogleich in Kabul versucht, die Aussagen seines Präsidenten in einen zeitlich weiter gefassten Kontext zu stellen und Präsident Karzais Vorhersagen abzuschwächen: "Gleich ob dies 15 oder 20 Jahre dauern wird, hoffen wir auf eine beschleunigte wirtschaftliche Entwicklung Afghanistans. In dem Maße, in dem die afghanische Wirtschaft wächst, werden die Kosten für die Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte sinken." Was die amerikanischen Abzugspläne angeht, so meinte Gates, es würde sich um "einen mehrjährigen Prozess" handeln. Zunächst würden im Frühjahr 2010 neue Truppen in den Süden Afghanistans kommen, "um zu gewinnen".

Obama hatte den Vollzug der Verstärkungen um 30 000 für Jahresmitte in Aussicht genommen. Von da an bleiben dann bis zum Beginn des graduellen Abzugs nur noch 12 bis 18 Monate. Die gesteigerte Ausbildungshilfe für die afghanische Armee und Polizei ist in diesen Zahlen eingeschlossen. Für ein Jahr werden die Kosten der Truppenpräsenz in Washington auf etwa 30 Milliarden Dollar veranschlagt. Der Aufwand, um die afghanischen Sicherheitskräfte auf die von General Petraeus für nötig erachteten 400 000 Mann zu bringen, wird auf rund 50 Milliarden Dollar für fünf Jahre geschätzt. Heute fehlen etwa 220 000 Mann, wobei die Qualität nach Ausbildung, Führung und Ausrüstung nicht eingerechnet ist. Amerika und die Nato stehen also vor einem massiven Defizit. Eine Truppenstärke um 140 000 bis 150 000 Soldaten für die alliierten Kräfte bezeichnet das operative Minimum, das auch durch Polizei und andere zivile Kräfte nicht ausgeglichen werden kann. "Zivile Prioritäten" können hier nicht aushelfen. Dies gilt insbesondere auch für das unter Infanteriedefizit, Mangel an schweren Waffen und an Hubschraubern eingeengte deutsche Kontingent im immer härter umkämpften Norden.

Im Endkampf der kommenden beiden Jahre kann sich kein alliiertes Isaf-Kontingent noch länger Selbstschutz im Feldlager mit Patrouillen in der Nähe leisten. Ohne aktiven und auch offensiven Kampf mit eigener Initiative zu Gefechtseröffnung und nachhaltigem Feuer wird kein Isaf-Kontingent in seinem Gebiet gegen die Aufständischen mehr bestehen. Sich in seinem Feldlager beschießen zu lassen, um nur zu reagieren, ist keine Option mehr. Wer "gewinnen" will (Gates), muss zum offensiven Kampfeinsatz übergehen. Der Feind muss konsequent angegriffen werden, damit er zurückgeschlagen werden kann.

Dies galt auch Anfang September im Kundusflussbett. In diesem Sinne einer taktischen Entscheidung für einen durchschlagenden Erfolg war auch das Ziel, die Kampfgruppe der Aufständischen vernichtend zu treffen, legitim. Ob ein taktischer Erfolg "militärisch angemessen" ist oder nicht, hängt von Auftrag und Lage ab. Der Luftangriff auf die Taliban-Kampfgruppe im Kundustal in der Nacht zum 4. September war als Voraussetzung für einen operativen Erfolg und für die Erreichung des strategischen Ziels opportun und insofern militärisch auch "angemessen", wie immer die deutsche Politik darüber urteilen und die öffentliche Meinung darauf reagieren mag. Dies umso mehr, als es sich nicht um einen Angriff auf "die Zivilbevölkerung" (zwei Kilometer in ihrem Dorf in Sicherheit entfernt) handelte, sondern um den Angriff auf ein miltärisches Ziel im freien Feld.

Solche Ereignisse werden noch öfter eintreten, wenn der Endkampf um die Kontrolle Afghanistans erfolgreich geführt werden soll. Je mehr und je öfter die Politik den Truppen im Feld aus dem sicheren Heim in den Arm fallen wird, desto geringer werden die Erfolgschancen und desto größer wird das Risiko der Soldaten.

Berlin wird sich fragen lassen müssen, ob Deutschland psychologisch fähig ist, an einem solchen Kampf teilzunehmen und die Risiken zu tragen. Bis dahin geht es ohnehin um die bewährte Auftragstaktik mit Eigeninitiative an Ort und Stelle oder - im amerikanischen Fall - zentrale Kontrolle durch digitalisierte Befehlstaktik im Detail.

Was Letztere angeht, so macht ein aktueller Bericht eines amerikanischen Offiziers deutlich, was dies bedeuten kann: Er musste mehrere Tage auf die Freigabe eines Zugriffs auf Talibanführer in einem Dorf und auf eine Einigung zwischen elf Befehlsebenen warten. Der Zugriff unterblieb, die Taliban verließen das Dorf ungestört. So wird auch General McChrystal Obamas Krieg nicht gewinnen.

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