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Vom Vorzeigemuslim zum Staatsfeind

12.01.2010 ·  Seit dem Amoklauf von Fort Hood und dem Anschlagsversuch über Detroit scheint Anwar al Aulaqi sogar Usama Bin Ladin abgelöst zu haben - als der meistgehasste Islamist in Amerika. Dabei hingen viele Amerikaner nach dem 11. September 2001 geradezu an seinen Lippen. Jetzt tun das Dschihadisten in aller Welt. Von Matthias Rüb

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WASHINGTON, 12. Januar

Der Imam ist ein nachdenklicher Mann, der seine Worte sorgfältig wählt und die Stirn oft in Falten legt. Doch dann hellt sich seine Miene plötzlich auf. Er lächelt, kichert ein wenig und schaut seinen Gesprächspartner schließlich mit einem triumphierenden Strahlen an. Vielleicht enthält das Interview, das Anwar al Aulaqi am 30. Oktober 2001 dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender PBS in der Moschee Dar al Hidschra in Falls Church nahe Washington gewährte, eine Schlüsselszene zum Verständnis eines Mannes, der in den Vereinigten Staaten immer öfter als "der amerikanische Bin Ladin" bezeichnet wird.

Im Herbst 2001 standen Amerika und die Welt noch unter dem Schock der Terroranschläge vom 11. September. Am 7. Oktober hatte zudem der Krieg in Afghanistan gegen die Taliban und Al Qaida begonnen. Präsident George W. Bush war am 17. September 2001 zu einem demonstrativen Besuch in die Moschee des Islamischen Zentrums in Washington an der Massachusetts Avenue gekommen, um den Islam als Religion des Friedens und die Leistung amerikanischer Muslime für die amerikanische Gesellschaft zu preisen.

Auf der Suche nach Stimmen, die den schockierten, trauernden und zugleich zornigen Amerikanern die Sache mit dem Islam, der als Religion des Friedens dennoch junge Männer zum Massenmord an Zivilisten angetrieben hatte, würden erklären können, wurden viele Presseleute in der Dar-al-Hidschra-Moschee in Falls Church in Virginia fündig, wo Anwar al Aulaqi denn auch sein PBS-Interview gab. Dort predigte der damals erst 30 Jahre alte Imam in tadellosem, praktisch akzentfreiem Englisch und zog viele junge muslimische Männer, die aus aller Herren Länder nach Amerika gekommen waren, in das 1991 mit saudischen Mitteln erbaute Gotteshaus mit Platz für 5000 Gläubige.

Die Tageszeitung "Washington Post" konnte Imam Anwar al Aulaqi im November 2001 dafür gewinnen, in einem interaktiven Dialog Lesern des Blattes so etwas wie das Einmaleins des Islams am Beispiel des Fastenmonats Ramadan beizubringen. Konzis antwortete Aulaqi auf Fragen, ob während des Ramadan tagsüber neben Essen und Trinken auch Sex untersagt sei, wie man die muslimischen Mitbürger während des Fastenmonats angemessen grüßen könne und was es mit dem Verschleierungsgebot und der Burka auf sich habe.

PBS schickte dann für seine tägliche Nachrichtensendung "Newshour" den Reporter Ray Suarez mit einem Kamerateam zu Imam al Aulaqi nach Falls Church. Sie zeichneten seine Freitagspredigt sowie ein ausführliches Interview auf. In der Predigt - wie auch in anderen öffentlichen Äußerungen - verurteilte Aulaqi die Terroranschläge vom 11. September. Freilich tat er das nicht, ohne im gleichen Atemzug den Tod von Muslimen in Afghanistan und auch in Palästina zu verurteilen. Das alles klang vernünftig, gemäßigt und kaum anstößig, weswegen der eloquente junge Vorbeter bald als kommende Mittlerfigur zwischen der muslimischen Welt und Amerika gehandelt wurde.

Acht Jahre später ist Aulaqi so etwas wie Amerikas amtierender Staatsfeind Nummer eins. An der Bezeichnung "amerikanischer Bin Ladin" ist zweifelsfrei richtig, dass Anwar al Aulaqi Staatsangehöriger der Vereinigten Staaten ist: Er wurde am 22. April 1971 in Las Cruces im Bundesstaat New Mexico geboren. Die Schlüsselszene aus dem Fernsehinterview vom 30. Oktober 2001 sowie zahlreiche andere Tatsachen legen aber den Schluss nahe, dass auch der Vergleich mit Bin Ladin zutrifft. Denn zum Strahlen bringt Aulaqi in dem Gespräch die Feststellung, dass in dem damals etwa drei Wochen währenden Krieg in Afghanistan zwar "Hunderte Zivilisten" getötet worden seien, dass aber diejenigen, die für die Terroranschläge in New York und Washington "verantwortlich sein sollen, Videos versenden und sich an die Welt wenden, als könnte ihnen nichts etwas anhaben".

Aulaqis Tätigkeiten als Imam an der Moschee in Falls Churchs von Januar 2001 bis März 2002 sowie als muslimischer Kaplan an der George-Washington Universität, wo er als Doktorand eingeschrieben war, stehen am Ende seines Aufenthalts in Amerika. Im März 2002 zieht er nach London, kehrt im Oktober 2002 nochmals zu einem Besuch in die Vereinigten Staaten zurück, ehe er Ende 2002 sein Geburtsland endgültig verlässt.

Aulaqi stammt aus einer angesehenen jemenitischen Familie. Der Vater Nasser al Aulaqi ist als Diplomat nach Amerika entsandt, als Anwar al Aulaqi 1971 im Südweststaat New Mexico geboren wird und damit auch amerikanischer Staatsbürger wird. Die Familie kehrt 1978 in den Jemen zurück, dort wird Nasser al Aulaqi Landwirtschaftsminister und später Rektor der Universität in der Hauptstadt Sanaa. 1988 erhält Aulaqi seinen ersten amerikanischen Pass. 1990 kehrt er zum Studium in die Vereinigten Staaten zurück, allerdings mit seinem jemenitischen Pass und einem Visum für Austauschstudenten. An der Colorado State University studiert er mit einem jemenitischen Stipendium und schließt 1994 als Diplomingenieur ab.

1996 zieht Aulaqi nach San Diego in Kalifornien, wo er zum Imam an einer Moschee ernannt wird, obwohl er in islamischer Theologie nur Autodidakt mit eher bescheidenen Kenntnissen ist. Zudem nimmt er an der Universität in San Diego ein zweites Studium in Pädagogik auf. Die Polizei und das FBI werden in dieser Zeit wegen dreierlei auf Aulaqi aufmerksam. Erstens nimmt er wiederholt Dienste von Prostituierten in Anspruch - eine Gewohnheit, wegen der er auch später in Virginia von den Gesetzeshütern ertappt wird. Zweitens hat er Verbindungen zu radikalen islamischen Organisationen, die das Terrornetz Al Qaida mit Geld und Satellitentelefonen unterstützen. Drittens gibt er beim Antrag für einen neuen amerikanischen Pass einen falschen Geburtsort an, nämlich Sanaa im Jemen. In San Diego und später in Washington kommen drei der späteren Attentäter der Anschläge vom 11. September 2001 zu ihm in die Moschee: Khalid al Midhar, Nawaf al Hazmi und Hani Handschur. Manche Terrorismus-Fachleute sind überzeugt, Aulaqi habe frühzeitig Kenntnis von den Anschlägen gehabt.

Nach dem gut einjährigen Aufenthalt in Washington folgt Ende 2002 die Übersiedlung nach London, wo er bis Ende 2003 in zahlreichen Moscheen und muslimischen Gemeindehäusern in verschiedenen Städten Großbritanniens predigt. Dank seiner ausgezeichneten Englischkenntnisse und weil er mit dem Leben im Westen so gut vertraut ist, sammelt er eine wachsende Gefolgschaft unter jungen radikalen Muslimen in der englischsprachigen Welt. Die Attentäter vom 7. Juli 2005, die bei Anschlägen auf die Londoner U-Bahn und einen Bus 52 Menschen töteten, sollen zu den Zuhörern Aulaqis gehört haben. Die aufgezeichneten Predigten Aulaqis finden über CD, DVD und das Internet weite Verbreitung - unter ihnen die "44 Wege zur Unterstützung des Dschihad", wo Aulaqi den "Hass auf die Ungläubigen" und das "Training mit Waffen" als "zentrale Elemente der Vorbereitung zum Dschihad" empfiehlt.

Im Internetportal Facebook verzeichnete Aulaqis Seite zuletzt fast 5000 "Freunde" des radikalen Imams. Doch zunächst kehrt er Anfang 2004 in den Jemen zurück. Erst lebt er in der Hauptstadt und arbeitet an der Imam-Universität. Mitte 2006 wird er wegen mutmaßlicher Unterstützung terroristischer Organisationen festgenommen und bis Ende 2007 festgehalten, meist in Einzelhaft. Seine Gefangennahme legt Aulaqi amerikanischen Terrorfahndern zur Last. In der Haft wird er nach eigenen Angaben auch vom FBI und anderen Terrorfahndern aus Washington vernommen.

Nach seiner Freilassung verliert sich die Spur Aulaqis bald in der jemenitischen Südprovinz Schabwa, wo er mit seiner Frau und fünf Kindern unter dem Schutz des einflussreichen Stammes der Aulaqi lebt. Anfang 2008 registriert er seine eigene Website, über die er einen umfangreichen Mailverkehr abwickelt. Aulaqi gilt bald als geistlicher Wortführer von "Al Qaida der Arabischen Halbinsel", dessen Stimme dank elektronischer Verbreitung in aller Welt vernommen wird.

Der Mörder von Fort Hood, der muslimische Heeresmajor Nidal Malik Hasan, der Aulaqi schon an der Moschee in Falls Church begegnet war, sucht zwischen Dezember 2008 und Herbst 2009 über E-Mail mehrmals den Rat des Imams - etwa in der Frage, ob der Mord an amerikanischen Soldaten gerechtfertigt sei. Nach dem Massaker Hasans an zwölf Kameraden und einem Zivilisten auf dem texanischen Militärstützpunkt Anfang November 2009 lobt Aulaqi den Attentäter auf seiner Website als Helden und fordert andere muslimische Soldaten bei den amerikanischen Streitkräften auf, dem Beispiel Hasans nachzueifern.

Der verhinderte Selbstmordattentäter von Detroit, Umar Faruk Abdulmutallab, ist nach Überzeugung der jemenitischen Regierung während dessen Ausbildung in Schabwa durch die Bombenspezialisten Al Qaidas auch mit Aulaqi zusammengekommen. Meldungen, wonach Aulaqi bei Angriffen der jemenitischen Luftwaffe vom 17. und 24. Dezember auf Al-Qaida-Verstecke umgekommen sei, erweisen sich bald als falsch.

Vor einem Jahr klagte Aulaqi auf seiner Website, "dass nur die westlichen Geheimdienste Mühe und Geld für die Übertragung von Dschihad-Literatur ins Englische aufwenden". Doch "leider wollen sie diese Übersetzungen nicht mit uns teilen". Deswegen hat er sich dieser Aufgabe verschrieben: als Scharnier der Welten radikaler Muslime des arabischen und des englischen Sprachraums. Ebenfalls von Anfang 2009 stammen die folgenden Einträge: "Heute steht die Welt schon kopf, wenn ein einziger Muslim eine Märtyreroperation durchführt. Könnt ihr euch vorstellen, was geschehen würde, wenn 700 Muslime dies am gleichen Tag tun würden?!" Und: "Ich bete, dass Allah Amerika und alle seine Verbündeten zerstören möge, und an dem Tag, da dies eintritt - und es wird früher sein, als ihr glaubt - werde ich sehr zufrieden sein."

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