20.04.2011 · Die Schluchseekraftwerke wollen im Südschwarzwald ein neues Pumpspeicherwerk bauen. Mit Blick auf den Atomausstieg scheint die Zeit günstig zu sein. Doch derlei Erwägungen überzeugen nicht die Einheimischen, die um die Natur und deren touristische Attraktivität fürchten. Von Rüdiger Soldt
BAD SÄCKINGEN, 20. April. Der LCD-Bildschirm in der Zentrale der Schluchseewerke zeigt den Betriebszustand der Pumpspeicherwerke Häusern, Witznau, Waldshut, Säckingen und Wehr. 2018 soll auf dem Bildschirm auch der Name Atdorf stehen. Dann soll aus dem "Hornbergbecken II" in die unterirdische Kaverne Wasser zur Stromerzeugung fließen. Maximal 1400 Megawatt wollen die Schluchseewerke so erzeugen. Der scheidende Ministerpräsident Mappus (CDU) hat den Namen Atdorf republikweit bekannt gemacht. Die Grünen, die eine "Dagegen-Partei" seien, wollten erneuerbare Energie, zugleich seien sie gegen den Bau des Pumpspeicherwerks. Dieses Lamento kam in jeder seiner Wahlkampfreden vor.
Bei genauerem Hinsehen ist die Lage ein wenig komplexer. Atdorf ist noch nicht einmal ein Dorf, sondern nur ein Weiler aus ein paar Bauernhöfen im Hotzenwald. "Wir lassen uns das Quellwasser nicht abgraben", steht an einem der Bauernhäuser. So eindeutig ablehnend, wie Mappus es stets darstellte, ist die Haltung der Grünen, der künftigen Regierungspartei in Baden-Württemberg, weiß Gott nicht. Die Landtagsfraktion und der Landesverband wollen das Pumpspeicherwerk. Es gibt sogar einen Parteitagsbeschluss. Ihre Forderung, die erneuerbaren Energien auszubauen, wäre sonst unglaubwürdig. Die grüne Kreisvorsitzende, die Biologin Ruth Cremer-Ricken, ist mit ihrem Verband allerdings strikt gegen das Projekt. Sie hält den Standort für falsch.
Der Standort, das ist das idyllische Haselbachtal im Hotzenwald. Dieser südliche Ausläufer des Schwarzwaldes am Hochrhein, wenige Kilometer nördlich von Bad Säckingen gelegen, ist ein Naherholungsgebiet. Unberührte Natur mit vielen seltenen Tier- und Pflanzenarten. Hier leben die Waldschnepfe und der Wespenbussard. Im Tal liegt auch ein kleiner Bergsee - die Kurgäste machen hier gern ihre Erholungsspaziergänge.
Frau Cremer-Ricken steht in einer grünen Wiese. Ein paar Meter weiter trainieren Schäferhundefreunde im Vereinsheim des "OG Ölfingen". "Ein Flora-Fauna-Habitat-Gebiet ist es nicht", sagt sie, "faktisch ist die Artenvielfalt doch sehr hoch." Die Kommunalpolitikerin hat eine eingeschweißte Fototafel mitgebracht. Darauf ist das geplante Haselbecken zu sehen. Ein gewaltiger Stausee. Neun Millionen Kubikmeter Wasser soll er einmal fassen. 1,2 Kilometer lang soll er werden, 600 Meter breit. Das ergibt eine Fläche von 50 Hektar - viermal so groß wie die Münchner Allianz-Arena. Einige seltene Vögel wird man hier dann nicht mehr zwitschern hören. Aus Sicht des Bauherrn, des Schluchseewerks, sind das Haselbachtal und der Abhau, so heißt der Berg, auf dem das obere Speicherbecken errichtet werden soll, "ideale Standorte". Es gebe in diesem Gebiet eine "große Fallhöhe", "standfeste Gesteine" und "unbesiedelte Beckenstandorte". Außerdem müsse keine neue oberirdische Stromleitung gebaut werden, es gebe ja schon welche.
Wenn die grüne Kreisrätin die Rechtfertigungen des Schluchseewerks nur hört, schaut sie schon säuerlich. Sie bezweifelt deren Stichhaltigkeit. Pumpspeicherwerke lehne sie natürlich nicht grundsätzlich ab, aber dieses schöne Tal sei nun einfach der falsche Standort. Klingt nach "St.-Florians-Prinzip", nach den Paradoxien eines hochtechnisierten zugebauten Landes, in dem die Menschen genug haben von neuen Projekten und neuem Beton. "Grün gegen Grün - so einfach ist das aber nicht. Hier soll jetzt 70 Meter in den Hang gebaut werden, und dann soll noch die Autobahn hier vorbeigeführt werden", sagt Frau Cremer-Ricken. Dann zählt sie all ihre Einzelargumente auf und nennt die Widersprüchlichkeiten der Planung. Sogar die Manager des Schluchseewerks zollen der Grünen mittlerweile Respekt. Der Autobahntunnel werde zu nah an dem unteren Staubecken gebaut. In den Kostenberechnungen sei eine unbedingt notwendige Spundwand nicht vorgesehen. Die Asbest- und Arsenhaltigkeit des Gesteins sei im Raumordnungsverfahren nicht berücksichtigt. Das Pumpspeicherwerk könne auch das Mineralwasser des Kurbads Bad Säckingen gefährden. Auch gebe es widersprüchliche Gutachten über die Gesteinsqualität. "In einem Gutachten ist von Lockergestein die Rede", sagt sie.
Das Projekt ist für die Planer alles andere als trivial. Das hängt auch damit zusammen, dass entlang des Haselbachtals auch die A 98 gebaut werden soll, eine dringend benötigte Autobahn. Seit Jahren quält sich der Grenzverkehr durch die Städte am Hochrhein und kommt auf der Bundesstraße oft stundenlang zum Erliegen. Fünf Varianten für die A 98 haben die Planer skizziert. Wenn das Pumpspeicherwerk gebaut wird, lassen sich nur die nördlichste realisieren oder die im Grunde nicht finanzierbaren Varianten, die eine Untertunnelung des Kurorts vorsehen. "Es gibt auch eine Protestnote von Klinikärzten. Wer macht denn eine Kur in einem Ort, in dem das größte Pumpspeicherwerk Deutschlands gebaut wird?", fragt Frau Cremer-Ricken. Und dann liege das Tal auch noch auf der "Wehratal-Zeininger-Bruchzone", die das Gebiet zu einer erdbebengefährdeten Zone mache. Was sie nicht sagt, dass das Schluchseewerk ja schon seit 1931 ein Pumpspeicherwerk betreibt. Das Schluchseewerk ist unermüdlich bemüht, alle Argumente der Kritiker zu entkräften: Eine Arsenbelastung des Grundwasser sei nicht zu befürchten, auch ein starkes Erdbeben könne den Staumauern nichts anhaben.
Das Hornbergbecken I liegt auf 1017 Metern. Wanderer haben einen Blick auf die Berner Alpen, den Eiger, den Mönch, die Jungfrau. Wer in Richtung Schweiz schaut, sieht auch einen kleinen, flachen bewaldeten Hügel. Er heißt "Abhau" und soll in zwei Jahren abgetragen werden. Dort soll das obere Speicherbecken (Hornbergbecken II) entstehen. Irgendwann wird man den Beckenrand nur noch mit dem Fernglas sehen, wenn der Damm wieder mit Sträuchern und kleinen Bäumen bewachsen ist. Für mehrere Jahre wird das Hotzenwald-Tal eine Großbaustelle sein. In dem idyllischen Grün der Landschaft wird es riesige braune Flecken geben: aufgewühlte Berge, Abraummassen. Aus 600 Metern Fallhöhe soll das Wasser, wenn Deutschlands größtes Pumpspeicherwerk fertig ist, in die unterirdische Turbinenhalle geleitet werden. 1862 Megawatt können die Schluchseewerke mit ihren Kraftwerken derzeit erzeugen, wenn Atdorf gebaut ist, sind es 3200 Megawatt.
Das Raumordnungsverfahren beim Regierungspräsidium Freiburg ist im vergangen Dezember abgeschlossen worden. Die Stimmung ist aufgeheizt. Regierungspräsident Julian Würtenberger muss sich in den Lokalzeitungen ständig gegen den Vorwurf verteidigen, er sei voreingenommen und habe das Projekt von vornherein positiv bewertet. Er könnte der erste Regierungspräsident sein, den die neue grün-rote Landesregierung in den einstweiligen Ruhestand schickt. 2008 hatte er in einem Brief an den damaligen Ministerpräsidenten Oettinger (CDU) geschrieben, dass er das Projekt der Schluchseewerke unterstützen werde. "Ich stehe nach wie vor dazu, dass das geplante Pumpspeicherkraftwerk der Schluchseewerk AG für den Ausbau der erneuerbaren Energien in Baden-Württemberg von elementarer Bedeutung ist. Das Raumordnungsverfahren hat die Vereinbarkeit des Projektes mit den Zielen der Raumordnung und Landesplanung nachgewiesen. Jetzt wird das Planfeststellungsverfahren des Landratsamtes Waldshut zeigen, ob dieses Zukunftsprojekt auch genehmigt werden kann", sagt Julia Würtenberger. Doch die Bürger bleiben skeptisch, sie werden mit großer Wahrscheinlichkeit gegen den Planfeststellungsbeschluss klagen. "Wir haben eine Bürgerinitiative und auch zahlreiche Befürworter des Projekts hier. Es hat in Rickenbach und Herrischried Bürgerbefragungen gegeben, in Rickenbach waren 53 Prozent dafür, in Herrischried waren 50,5 Prozent dagegen", sagt Julia Liebich, Projektbeauftragte bei den Schluchseewerken. 450 Mitglieder hat die Bürgerinitiative. Der Zulauf ist auch deshalb so groß, weil sich die Schluchseewerke sehr schnell auf den Standort Atdorf festgelegt haben. Kritiker meinen, wenn am Anfang der Planungen ein Mediationsverfahren zur Prüfung der Varianten über den Standort gemacht worden wäre, hätte es für die Bürgerinitiative weniger Anlässe zum kritischen Nachfragen gegeben. In Forbach im Nordschwarzwald, wo ein bestehendes Pumpspeicherwerk erweitert werden soll, seien die Bürger besser in die Planungen einbezogen worden. Deshalb seien jetzt die Widerstände geringer. "Vor Ort gibt es Gegner in allen politischen Lagern. Ein FDP-Abgeordneter war ganz vorn dabei. Man muss die Leute verstehen, dass sie dagegen sind. Der Hotzenwald ist eine Idylle. Etwa sieben Jahre können sie das Gebiet nicht touristisch nutzen", sagt Franz Untersteller, der grüne Energiefachmann der Landtagsfraktion. Vermutlich wird er in drei Wochen der neue baden-württembergische Umweltminister sein. Untersteller ist von der Notwendigkeit des Projekts mindestens so überzeugt wie die Schluchseewerke.
Der Ausstieg aus der Atomenergie setzt die Schaffung von neuen Speicherkapazitäten voraus. Früher speicherten die Elektrizitätswerke nachts in Pumpspeicheranlagen Strom, der dann tagsüber zu den Spitzenzeiten abgerufen werden konnte. "Je mehr erneuerbare Energien wir haben, desto stärker schwankt das Stromaufkommen. Schon heute wechseln wir schnell und in unvorhersehbaren Abständen zwischen Pumpen und Turbinieren", sagt Julia Liebich. Die Landes-Grünen und die Schluchseewerke tun alles zur Rechtfertigung des Projekts. Untersteller zitiert Gutachten des Fraunhofer-Instituts für Energiesystemtechnik und der Deutschen Energie Agentur. "Im Bereich des Lastausgleichs für kurzzeitige Schwankungen stellen sich Pumpspeicherwerke generell als die kostengünstigste Technologie dar . . . Auch in technischer Hinsicht stellen sie derzeit noch die einzige ausgereifte Großspeichertechnik dar", heißt es im Gutachten des Fraunhofer-Instituts. Zur Speicherung kleinerer Mengen kämen auch Wasserstoff- oder Methanspeicher in Frage.
Die Grünen müssen bei der Durchsetzung der notwendigen Techniken zum Ausbau erneuerbarer Energien jetzt genauso technokratisch argumentieren wie die CDU früher bei der Rechtfertigung der Atomtechnik. Was sich im Hotzenwald abspielt, werden sie nun, überall dort, wo sie regieren und auch etwas bewegen wollen, häufiger erleben: innerökologische Konflikte. Umwelt gegen Umwelt. Naturschutz gegen den Ausbau erneuerbarer Energien. Jede Freileitung, jedes Wasserkraftwerk, jedes neue Windrad provoziert Widerstand in einer Gesellschaft, die den Glauben an den fürsorglich planenden Staat verloren hat. Die Grünen und die Planer treiben einen großen Aufwand, um die Bürger zu überzeugen. Winfried Kretschmann ist sogar einmal persönlich in den Hotzenwald gereist, um auf seine örtlichen Parteifreunde mäßigend einzuwirken. Eine "ökologische Begleitkommission" ist vom Schluchseewerk eingerichtet worden, im Raumordnungsverfahren hat es zusätzliche Anhörungen gegeben. Während des nun beginnenden Planfeststellungsverfahrens soll es noch ein weiteres Mediationsverfahren zur Beschwichtigung der Kritiker geben. Ein prominenter grüner Politiker soll sich bereit erklärt haben, im Südschwarzwald zu vermitteln. Vielleicht lassen sich die Fronten mit "Ausgleichsinvestitionen" für den Tourismus und den Naturschutz ein wenig beruhigen. Die Bürgerinitiative weigert sich allerdings, an der Mediation teilzunehmen. Das will sie nur tun, wenn über alternative Standorte gesprochen wird.
Die Einfahrt in die "Maschinenkaverne" ist ein 1,5 Kilometer langer Tunnel. Das Herz eines Pumpspeicherwerks ist die Pump-Turbinen-Anlage. Die Kaverne vom Hornbergbecken I liegt 400 Meter unter dem Stausee. Das Wasser schießt senkrecht in die Turbinenanlage, damit keine Energie verlorengeht. Pumpspeicherkraftwerke haben einen Wirkungsgrad von 80 Prozent. Die neonbeleuchtete Kavernenhalle erinnert an einen in den siebziger Jahren gebauten Atombunker. Die Maschinen laufen im "Phasenschieberbetrieb", der Generator dreht sich immer langsam, um dann schnell hochgefahren werden zu können.
Plötzlich ertönt ein Gong. Dann ist ein zunächst leises, dann etwas lauter werdendes Zischen zu hören. Die Ingenieure in der Schaltzentrale haben die Ventile geöffnet und lassen Wasser über die Turbinen laufen. 120 000 PS hat eine Turbine. In der Sekunde können 24 000 Liter Wasser über ein Turbinenschaufelrad geleitet werden. Damit lassen sich maximal 90 Megawatt erzeugen. Die noch zu bauende Kaverne soll 600 Meter unter der Erde liegen. Der Zufahrtstunnel wird drei Kilometer lang sein. "Nach Fukushima erwartet jeder, dass sich etwas tut beim Ausstieg aus der Kernenergie, deshalb ist das Argument, wir würden das Werk nur zum Zwischenspeichern von Atomstrom bauen, jetzt seltener zu hören", sagt Julia Liebich bei der Ausfahrt aus dem Tunnel. Zwei Jahre ist sie nun schon damit beschäftigt, das Projekt zu verteidigen. 2013 sollen die Bagger anrollen.