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Tschechische Historikerin verlässt Vertreibungsstiftung

08.03.2010 ·  "Kein korrekter Umgang mit der Geschichte" / Neuer Streit

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kps./pca. BERLIN/WIEN, 8. März. Die tschechische Historikerin Kristina Kaiserová hat den wissenschaftlichen Beirat der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" verlassen. Frau Kaiserová, die am Collegium Bohemicum im tschechischen Aussig (Ustí nad Labem) arbeitet, ist schon das zweite ausländische Beiratsmitglied, das der Stiftung den Rücken kehrt. Zuvor hatte der polnische Historiker Tomasz Szarota den wissenschaftlichen Beirat verlassen.

Im Gespräch mit dieser Zeitung begründete Frau Kaiserová ihre Entscheidung mit der Beeinträchtigung der wissenschaftlichen Arbeit durch zunehmende Politisierung. Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats meldeten sich in der Presse zu Wort, was seriöser wissenschaftlicher Arbeit nicht zuträglich sei. Dabei würden Auffassungen geäußert, mit denen sie sich nicht identifizieren könne. Dies sei zum Beispiel der Fall, wenn die Aufarbeitung des Themas als eine Angelegenheit hingestellt werde, die die Deutschen allein anginge, sagte Frau Kaiserová. Sie verwies auf einen Zeitungsartikel von Helga Hirsch, die ebenfalls Mitglied des wissenschaftlichen Beraterkreises ist. Was darin zum Ausdruck gekommen sei, entspreche nicht ihrer Vorstellung eines korrekten Umgangs mit der Geschichte. Das Projekt, sagte Frau Kaiserová, brauche jedenfalls einen breiteren historischen Konsens. Sie bedauere, dass namhafte Historiker, die sich mit Migrationsgeschichte beschäftigten, nicht daran beteiligt seien. In der kurzen Zeit, in der sie dem Beirat angehörte, habe sie ihre Kritik auch offen zur Sprache gebracht. Von Anfang an habe sie gehofft, dass dem Deutschen Historischen Museum als Garanten eine größere Rolle eingeräumt werde. Das sei aber leider nicht geschehen. Solange das Projekt nicht neu definiert werde, halte sie es nicht für sinnvoll, weiter daran mitzuarbeiten. Frau Kaiserová sagte, dass sie ihre Entscheidung zwar nach Diskussionen unter Kollegen, aber völlig autonom getroffen habe. Das tschechische Außenministerium habe auf sie keinerlei Einfluss ausgeübt.

Der wissenschaftliche Beraterkreis äußerte nach einer Sitzung am Montagabend Bedauern über den Rücktritt von Frau Kaiserová. Dies gelte "umso mehr, als sie sich bisher an der Arbeit des Beraterkreises konstruktiv beteiligt hat". Der Beraterkreis sei "weiterhin offen für die Mitarbeit internationaler Wissenschaftler". Er regte an, die Zahl der Beraterkreismitglieder zu erhöhen.

Der polnische Historiker hatte den Beirat verlassen, nachdem er sich von Nachfragen einiger Unionsabgeordneter aus dem Europäischen Parlament verletzt gefühlt hatte, die er als zynisch empfand. Zudem habe er im wissenschaftlichen Beirat einen "Klon des ,Zentrums gegen Vertreibungen' des Bundes der Vertriebenen" vorgefunden. Szarota sagte in einem Interview mit der "Tageszeitung", es gehe der Stiftung unter der Leitung des Direktors Manfred Kittel nicht um Versöhnung mit den Nachbarn, "nein, es geht um die Versöhnung der Deutschen mit sich selbst". Der Austritt von Frau Kaiserová dürfte die Suche nach einem polnischen Nachfolger für Szarota nicht erleichtern.

Der Streit um die Gründung der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" hatte sich zuletzt monatelang um die Entsendung der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach, in den Stiftungsrat gedreht. Dieser Konflikt war im Februar durch den Verzicht Frau Steinbachs beigelegt worden, nachdem der BdV dafür im Gegenzug mehr Sitze im Stiftungsrat und mehr Ausstellungsfläche erhalten hatte und die Bestellung der Stiftungsratsmitglieder vom Kabinett auf den Bundestag verlagert worden war.

Die SPD-Politiker Schwall-Düren und Thierse sagten, der Austritt von Frau Kaiserová sei "ein Alarmsignal". Es sei "an der Zeit, dass dieses Gremium mit Wissenschaftlern besetzt wird, die sich historisch fundiert und kritisch mit der Geschichte von Flucht, Zwangsmigration und Vertreibung auseinandersetzen, anstatt mehrheitlich den Ansprüchen des BdV zu entsprechen". Es dürfe nicht passieren, so die beiden SPD-Politiker, "dass der Zweite Weltkrieg neu interpretiert wird".

Frau Kaiserová hat sich in der Tschechischen Republik seit vielen Jahren um das Studium der deutsch-tschechischen Beziehungen verdient gemacht, um das sich das von ihr mitbegründete "Collegium Bohemicum" in Aussig bemüht. Das Collegium organisierte 2006 die Konferenz "Auch sie waren dagegen". Sie befasste sich mit dem Schicksal der Deutschen in Böhmen und Mähren, die NS-Gegner waren und dennoch nicht von der kollektiven Entrechtung, Enteignung und Vertreibung der Deutschen verschont wurden.

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