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Sind neue Autobahnkilometer wirklich wichtiger?

18.07.2010 ·  Seit der Wiedervereinigung bündelt sich in Berlin wie in einem Brennglas mehr als in jeder anderen Stadt das kulturelle Selbstverständnis der Bundesrepublik. Mit Verwunderung und Unverständnis haben deshalb weite Teile der Öffentlichkeit ...

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Seit der Wiedervereinigung bündelt sich in Berlin wie in einem Brennglas mehr als in jeder anderen Stadt das kulturelle Selbstverständnis der Bundesrepublik. Mit Verwunderung und Unverständnis haben deshalb weite Teile der Öffentlichkeit auf die Entscheidung der Bundesregierung reagiert, den mit überwältigender Mehrheit vom Bundestag beschlossenen Wiederaufbau des Berliner Schlosses als künftige Heimstatt des Humboldt-Forums auf die Zeit nach der nächsten Bundestagswahl zu verschieben. Und das mit der Begründung, es müssten Haushaltslöcher gestopft werden. Neue Autobahnkilometer seien wichtiger.

Andreas Kilb nannte in Ihrer Zeitung die Verschiebung des Baubeginns "eine epochale Niederlage der Kulturpolitik des Bundes" (F.A.Z. vom 8. Juni). Die Verschiebung ist auch wirtschaftspolitisch widersinnig. Denn dadurch unterbleiben Bauinvestitionen, die sich zum größten Teil selbst finanziert und Tausende von Arbeitsplätzen gesichert hätten, nicht zuletzt in den strukturschwachen Regionen der neuen Bundesländer. Erst ein Jahr vorher war ohne Zögern das Zehnfache der Schlossbaukosten bereitgestellt worden, um die Bürger zu animieren, ihre Autos zu verschrotten. Für Berlin als Hauptstadt und Ziel von Millionen internationaler Besucher bedeutet der vorläufige Verzicht auf eine Umsetzung des siegreichen Wettbewerbsentwurfs von Franco Stella trotz aller Beschwichtigungsversuche der Bundesregierung einen ernsten Rückschlag. Es wirft Berlin im harten Wettbewerb mit anderen europäischen Metropolen um eine Steigerung seiner Anziehungskraft um Jahre zurück.

Mit viel Anstrengung ist es der deutschen Hauptstadt in den letzten beiden Jahrzehnten gelungen, sich gerade bei der jungen Generation an die Spitze der Beliebtheitsskala in Europa zu setzen. Das geplante Humboldt-Forum im Schloss mit der Sammlung der Kulturen der Welt würde im Verbund mit der Museumsinsel den Pariser Louvre im kulturpolitischen Rang deutlich übertreffen. Den größten und vielfältigsten Museumskomplex der Welt zu beherbergen - das bedeutete für Berlin ein Alleinstellungsmerkmal, auf das alle Europäer stolz sein könnten.

Wolfram Becker, Mainz

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