29.10.2008 · Der neue britische Verteidigungsminister Hutton ist bei Besuchen in Afghanistan und im Irak zu dem Schluss gekommen, dass die Soldaten mangelhaft ausgerüstet sind. Von Johannes Leithäuser
LONDON, 29. Oktober. Der neue britische Verteidigungsminister John Hutton hat seinen Amtsantritt mit einem Eingeständnis verbunden: Er wisse, dass die Truppen in Afghanistan und im Irak "nicht immer mit der besten Ausrüstung versehen" gewesen seien. Das teilen die amtlich bestellten Leichenbeschauer der Grafschaft Oxford schon seit Jahren immer wieder mit. Sie haben - auf Antrag von Angehörigen - die Todesumstände von mehr als hundert Gefallenen untersucht, die im Südirak und in der afghanischen Provinz Helmand ihr Leben ließen. Immer wieder stellen die auf militärische Todesfälle spezialisierten Pathologen fest, dass die getöteten Soldaten noch am Leben sein könnten, wenn ihr Patrouillenfahrzeug die neuesten Schutzpanzerungen gehabt hätte, wenn durch bessere Funktechnik der Beschuss durch eigene Truppen vermieden worden oder wenn die Abwehrsysteme eines Transportflugzeuges besser gewartet worden wären.
Huttons Vorgänger Desmond Browne nimmt die Verantwortung dafür nun mit auf die hinteren Bänke des Parlaments. Sein Nachfolger hat sich quasi freiwillig gemeldet für den riskanten Kabinettsposten - mit dem Buch "Kitcheners Männer - Das Leibregiment der Königlichen Lancaster-Infanterie an der Westfront 1915 bis 1918". Das Werk ist vor einigen Monaten im Verlag "Feder und Schwert" erschienen und wurde von Premierminister Brown auf einem Empfang in London präsentiert. Der Autor berichtet, er sei durch die Kriegsberichte von Veteranen aus seinem Wahlkreis dazu angeregt worden.
Hutton repräsentiert im Parlament seit 1992 die nordenglische Halbinsel Barrow and Furness, die dank ihrer Lage an der Irischen See eines der britischen Zentren des Handels- und Kriegsschiffsbaues war. Noch heute liefert die Werft in Barrow Atom-U-Boote an die Königliche Marine - ein weiterer Grund für den Wahlkreis-Abgeordneten, sich im Amt des Verteidigungsministers wohl zu fühlen.
Und während die Zeit des jährlichen Gefallenengedenkens in den ersten Amtswochen Huttons ihrem Höhepunkt entgegenschreitet (seit Ende Oktober verkauft der Veteranenverband die roten Papier-Mohnblumen, die bis zum Gedenktag am 11. November an nahezu jedem britischen Revers blühen), hat sich der Minister schon diskret auf beiden aktuellen britischen Kriegsschauplätzen umgesehen. Gleich nachdem Hutton seiner Königin und Oberbefehlshaberin "ernennungshalber die Hand küsste" - wie die offizielle Formel zur Amtsberufung lautet, ohne so vollzogen zu werden -, reiste er nach Basra, Bagdad, Kabul und Helmand.
Nach seiner Rückkehr wurde er direkt vor die Parlamentsausschüsse für Verteidigung und für Auswärtiges geladen, um gemeinsam mit Außenminister David Miliband Rede und Antwort zu stehen. Die Lage im Südirak hat sich für die derzeit noch etwa 4000 britischen Soldaten am Flughafen Basra so entwickelt, dass Hutton den nahezu vollständigen Abzug binnen weniger Monate ankündigen konnte. Was Afghanistan angeht, zog sich der neue Minister hingegen auf die unbestimmte Wendung zurück: "Wir machen Fortschritte." Auch zu einer Verstärkung britischer Truppen im afghanischen Süden, die nach dem Abzug aus Basra möglich würde, blieb Hutton unbestimmt: "Das wird von den Ratschlägen unserer militärischen Berater abhängen." Miliband, der Hutton bei der gemeinsamen Aussage zunächst assistierte, dann gelegentlich intervenierte und ihm schließlich sogar bevormundend zuvorkam, erläuterte wortreich den "umfassenden strategischen Ansatz", den Großbritannien und die gesamte westliche Welt in Afghanistan verfolgten, und endete in der Formel: "Stabilität und Sicherheit in Afghanistan sind nicht zu erreichen ohne Stabilität und Sicherheit in Pakistan."
Hutton hingegen folgte in seinen Prophezeiungen eher den Erfahrungen aus dem Irak. Die dauerhafte Abwehr der Taliban könne nur dort gelingen, wo afghanische Armee-Einheiten und afghanische Regierungsstellen präsent und effizient genug seien, um den Sicherheitsschirm weiter hochzuhalten, der zuvor von den britischen Streitkräften gespannt worden sei. Es werde immer einen harten ideologischen Kern der Taliban geben, der nicht zu friedlichem Verhalten bewegt werden könne. Also gelte es, ähnlich wie im Irak, die afghanischen Streitkräfte so auszubilden, "dass sie damit fertig werden können".
Der neue Verteidigungsminister war zuvor Chef des Wirtschaftsressorts und organisierte in dieser Funktion vor kurzem noch den Verkauf des britischen Atomstromproduzenten British Energy an den französischen Staatsversorger EDF. Bei seinen ersten öffentlichen Auftritten wirkte er noch spröde und zurückhaltend. Die Anregung des Ausschussvorsitzenden, er müsse der britischen Öffentlichkeit doch "die große Geschichte", die Dimension und Bedeutung des britischen Truppeneinsatzes in Afghanistan erklären, unterläuft Hutton lapidar mit den Worten: "Es ist eben ein schwieriger Einsatz, das wissen wir." Den Beweis dafür hat das gerade in Helmand abgelöste Zweite Fallschirmspringer-Regiment mit nach Hause gebracht, das dort die höchsten Verluste aller bislang in Afghanistan eingesetzten britischen Einheiten verzeichnete. Auf einer vorgeschobenen Operationsbasis, die mit 160 Soldaten besetzt war, wurde fast jeder dritte getötet oder verwundet. Die Verlustrate sei damit auf jenem Vorposten genauso hoch gewesen wie im Durchschnitt des Frankreich-Feldzugs im Ersten Weltkrieg.