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Veröffentlicht: 02.06.2013, 15:50 Uhr

Stefan Scheil: Ribbentrop Paladin mit der Wunderlampe?

Stefan Scheil meint, dass Joachim von Ribbentrop einen eigenständigen Kurs verfolgt habe. Nebenbei widerlegt er sogar die Hauptthese der Historikerkommission des Auswärtigen Amts, dass am 17. September 1941 bei einem Treffen Hitlers mit dem Reichsaußenminister das Schicksal der deutschen Juden besiegelt worden wäre.

von Ulrich Schlie
© Enigma Archive Joachim von Ribbentrop, Reichsaußenminister der Jahre 1938 bis 1945

In der Reihe von Hitlers Paladinen nimmt Joachim von Ribbentrop zu Recht einen besonderen Platz ein. Er war nicht nur seit Februar 1938 Hitlers Außenminister, sondern er hatte auch von Anfang an auf die Nationalsozialisten gesetzt und seit der „Machtergreifung“ konsequent - und mit zunehmendem Einfluss - Hitlers außenpolitische Agenda begleitet, zunächst als dessen Berater und Leiter des außenpolitischen „Büros Ribbentrop“ (seit 1935: „Dienststelle Ribbentrop“), dann von 1936 bis 1938 als Botschafter in London, schließlich als dessen Chefdiplomat. Dabei war der erfolgreiche Spirituosenhändler (“Impegroma“ - Import und Export großer Marken) und „Henkell Trocken“-Schwiegersohn ein außenpolitischer Selfmademan, in Erscheinungsbild und professionellem Verständnis in fast allem das Gegenteil eines Diplomaten. Ribbentrop konnte hochfahrend und brüsk sein, war bedingungslos hitlergläubig und ließ ausländische Gäste häufig seine Arroganz spüren. Er war das Gesicht der nationalsozialistischen Außenpolitik und schon für die Zeitgenossen Zerrbild zugleich, häufig Zielscheibe des Spotts und im Kompetenzen-Wirrwarr des „Dritten Reiches“ genauso oft Angriffsziel konkurrierender außenpolitischer Mitspieler wie Joseph Goebbels, Rudolf Heß oder Heinrich Himmler.

Damit beginnen die Schwierigkeiten, die Ribbentrops Bild im Urteil der Historiographie trotz mehrerer biographischer Anläufe und einer umfangreichen Literatur zu „Drittem Reich“ und Zweitem Weltkrieg auf merkwürdige Weise konturenlos bleiben lassen. Bereits 1980 unterstellte ihm Wolfgang Michalka eine eigene außenpolitische Kontinentalblock-Konzeption in den ersten Kriegsjahren, ohne den Widerspruch zu Ribbentrops absoluter Linientreue aufzulösen. Dies ist auch der Ansatzpunkt von Stefan Scheils politischer Biographie „Ribbentrop. Oder: Die Verlockung des nationalen Aufbruchs“. Sie verzichtet weitgehend auf eine eingehende Schilderung des Lebenswegs und versucht in einzelnen Kapiteln nachzuweisen, dass Ribbentrop einen eigenständigen Kurs verfolgt habe. Dabei schöpft sie weithin aus der profunden Kenntnis von Quellen und Literatur, vermischt diese indes immer wieder mit unhaltbaren Annahmen zu Staatenkonstellation und Struktur der nationalsozialistischen Außenpolitik und ist in der Tendenz revisionistisch.

In dieser schwerverdaulichen Mélange liegt die Problematik des scheinbar durch analytische Verdichtung bestechenden Buches. Dabei gelingen Scheil im Einzelnen immer wieder treffende und die Forschung voranbringende Erkenntnisse. So zertrümmert er den angeblichen Nachweis der „Unabhängigen Historikerkommission“ des Auswärtigen Amts, die in ihrem 2010 veröffentlichten Buch „Das Amt und die Vergangenheit“ behauptete, das Schicksal der deutschen Juden sei am 17. September 1941 bei einem Treffen Hitlers mit Ribbentrop besiegelt worden - und zwar mit dem Verweis auf eine Edition des Koblenzer Bundesarchivs und den dort zitierten Bericht von Werner Köppen an Alfred Rosenberg. Danach war es bei der Besprechung Hitlers mit Ribbentrop, Erich Raeder und Karl Dönitz nur um die durch die amerikanische Erklärung über den bewaffneten Geleitschutz nach Island entstandene Lage und die sich daraus ergebenden Folgen für den Krieg im Atlantik gegangen.

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