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Veröffentlicht: 22.09.2013, 15:15 Uhr

Nicole Kramer/Armin Nolzen (Hrsg.): Ungleichheiten im „Dritten Reich“ Als Worte Realitäten schufen

Die Nationalsozialisten haben mit keiner Vorstellung mehr Propaganda getrieben und mehr Zuspruch erreichen können als mit der erlösenden Phantasmagorie eines einheitlichen Volksganzen.

von Dietz Bering
© AP Adolf Hitlers Minister am 30. Januar 1933 in Berlin

“Die Kontinuität der Persönlichkeit wird gewahrt von Anzügen, die bei gutem Stoff zehn Jahre halten“ - dies Diktum des zynischen Melancholikers Gottfried Benn hat beachtliche kulturkritische Kraft. Es hilft auch dem Beobachter des Buchmarktes auf die Sprünge, wenn er im Kampf mit der unübersehbaren Flut von „Sammelbänden“ Orientierung behalten will: Die Einheit dieser Bücher wird oft bloß durch Klebstoff gewahrt, der meist keine zehn Jahre hält. Genervt von solchen Sammelsuriumsbänden, beginnt man die Lektüre des Buches mit einiger Skepsis. Hat man es aber zur Kenntnis genommen, dann legt man es mit Hochachtung wieder aus der Hand, über das angeschlagene Thema bestens orientiert.

Ungleichheiten“ spielen in den acht Aufsätzen wirklich die zentrale Rolle. Das Buch wird auch zusammengehalten durch die immer wieder aufgeworfene Frage, wieso im Thema „Ungleichheit“ tatsächlich ein zentrales Problem liegt: Die Nationalsozialisten haben mit keiner Vorstellung mehr Propaganda getrieben und mehr Zuspruch erreichen können als mit der erlösenden Phantasmagorie eines einheitlichen Volksganzen. Endlich seien sie niedergerissen - die Klassenschranken und die alten Barrieren zwischen den Konfessionen! Die Wirklichkeit aber: Wollte man gleichzeitig arische Reinheit und ein klar gegliedertes Führersystem, dann war man zur Hierarchisierung gezwungen. Dieser wird nachgespürt, und dies wiederum - ohne in Starrheit zu verfallen - mittels einer immer wieder angewandten Methode: Fast alle Aufsatzschreiber fragen nach der von den Nationalsozialisten installierten Semantik, um die notwendigen Differenzierungen zu erzeugen und zu zementieren.

Gerhard Wolf beschreibt, wie NS-Ethnokraten die eigens eingerichtete „Deutsche Volksliste“ im Wartheland strukturierten. 80 Prozent der Bevölkerung in diesem annektierten Teil Polens (früher Provinz Posen) wurden erst einmal zu bloßen „Schutzangehörigen des Deutschen Reiches“ degradiert. Aufstiegschancen gab es erst seit 1940 für die arbeitsfähigen „Leistungspolen“. Die 20 Prozent der in die „Deutsche Volksliste“ Eingetragenen fanden sich aber keineswegs unterschiedslos in die Volksgemeinschaft aufgenommen, sondern in vier Gruppen hierarchisiert: A (Mitglieder deutscher Organisationen), B (“Deutschstämmige“, aber aus wirtschaftlichen Gründen mit dem Polentum verbunden), C (“loyale Polen“) und D (“Renegaten“ aus polnischem Milieu). Allen vieren waren verschiedene Rechte zugeteilt: bei A Berechtigung zur Parteimitgliedschaft, bei B längere Anwartzeiten, bei C und D deutsche Staatsangehörigkeit erst, nachdem man sie ins Deutsche Reich deportiert und dort „nachgeschliffen“ hatte. Die Aufteilung war begleitet vom Dominanzringen zweier Prinzipien: Rasse zuerst oder zuerst Gesinnung?

Das waren die Praktiken in annektierten Gebieten. Wie aber war es um die so herrlich besungene Volksganzheit im alten Deutschen Reich bestellt? Meinte man, wie der Reichsinnenminister Wilhelm Frick, dass „die Ausgaben für Minderwertige, Asoziale, Kranke, Schwachsinnige, Geisteskranke, Krüppel und Verbrecher“ unerträgliche Lasten bereiteten, dann musste auch hier „Selektion“ betrieben werden - vorab semantische. Wolfgang Ayass schildert detailliert das eigens aufgebaute terminologische System: „Asoziale“ wurden in vier Gruppen sortiert, „rassenhygienisch“ durchleuchtet und schließlich sogar als erblich Fixierte ausgegeben. Im „Jugendschutzlager“ Moringen wurde noch genauer unterteilt: die „Besserungsfähigen“ in einen „Beobachtungsblock“ eingewiesen, die anderen in vier negative Blocks: „Untaugliche“, „Störer“, „Dauerversager“, „Gelegenheitsversager“. Ähnliche Stratifizierungshärte zeigt der Aufsatz über „Fremdarbeiter, Ostarbeiter, Gastarbeiter“. Hier werden die Terminologien des im Krieg stetig anwachsenden „Ausländereinsatzes“ untersucht: „Volksgenossen“ gegen „Gemeinschaftsfremde“, Letztere wieder differenziert und zugleich je nach Herkommen bewertet als „Ostarbeiter“ und „Westarbeiter“ et cetera.

Sucht der entsetzte Leser noch Ausflüchte in der Erklärung: nun ja, Sonderprobleme einer Kriegssituation oder doch nur: radikale Neubewertung uralter Probleme der „Gesundheitsfürsorge“ (aus der übrigens „Gesundheitsführung“ wurde)? Dann belehrt ihn Mareike Witkowskis Aufsatz „In untergeordneter Stellung“, dass die Stratifikationssucht der Nationalsozialisten auch auf dem abseits gelegenen Feld der „Hausgehilfinnen“ zupackte. Hier wurde so selektiert, dass im Endergebnis der Prozentsatz der Zwangssterilisierten bei Hausangestellten massiv erhöht war (in München 36 Prozent), dies vor allem aufgrund der Indikation „Schwachsinn“. Für Protestschreiben folgender Art hatten voll „stratifizierte“ Gehirne keine Sensoren mehr: „Wäre ich Tochter reicher Eltern, so glaube ich, wäre dieser Beschluss nicht. Ich lege Ihnen also klar, dass ich nicht schwachsinnig bin, sondern bloß arm bin.“

Der zentrale Gewinn dieses Bandes: Die Sprache wird von den Historikern in bemerkenswerten Beiträgen als - oft geradezu tödlicher - Faktor bei der Formung der Realität erwiesen. Sie ist nicht nur ihr Abbild. Dass diese „Pragmatisierung“ der Sprachforschung von den kulturwissenschaftlich orientierten Linguisten schon seit den achtziger Jahren betrieben wird (Utz Maas, Konrad Ehlich), hätten die Historiker herausstellen können. Ihre eigenen Ergebnisse sind aber allemal bemerkenswert.

Nicole Kramer/Armin Nolzen (Herausgeber): Ungleichheiten im „Dritten Reich“. Semantiken, Praktiken, Erfahrungen. Wallstein Verlag, Göttingen 2012. 243 S., 20,-  €.

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