http://www.faz.net/-1v1-74ftb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Veröffentlicht: 18.11.2012, 16:10 Uhr

Marcel Hartwig: Die Traumatisierte Nation? Pearl Habor eins und zwei

Feindbilder sind parteiisch und produzieren stark verzerrte Bilder der realen Ereignisse, so von den Angriffen auf die Vereinigten Staaten vom 7. Dezember 1941 und 11. September 2001.

von Detlef Junker
© dpa Blick auf das Denkmal für die Opfer des Anschlags vom 11. September 2001.

Jeder Historiker weiß, dass die Weltgeschichte von Kriegen, Krisen und Konflikten nicht ohne eine immerwährende Produktion von Feindbildern erklärt werden kann. Feindbilder dienen der Dämonisierung des Gegners, im Extremfall rechtfertigen sie seine Vernichtung. Sie schaffen zugleich positive und idealisierte Selbstbilder, begründen die eigenen Handlungen und dienen dazu, den Zusammenhalt und die Identität der eigenen Gruppe zu fördern. Die antipersische Propaganda der alten Griechen zum Beispiel, der Konflikt zwischen Papst und Kaiser im mittelalterlichen Investiturstreit oder die Feindbildproduktionen aller Kriegsparteien im Ersten, im Zweiten und im Kalten Weltkrieg funktionierten nach diesem Muster.

Mittelfristig können sich Feindbilder in das kulturelle Gedächtnis einer Gruppe einlagern und bei Bedarf wieder aktualisiert werden, um Aggressionen nach außen abzulenken. In der gegenwärtigen europäischen Finanzkrise ist dieser klassische Mechanismus wieder erkennbar: Die Eliten der lateinischen Mittelmeerländer lenken vom eigenen Versagen ab und wenden die Enttäuschungen ihrer Völker nach außen, gegen Deutschland, indem sie die im kollektiven Gedächtnis gespeicherten Nazi-Stereotypen mobilisieren.

Dieses fundamentale Problem der condition humaine diskutiert der junge Amerikanist Marcel Hartwig in seiner Studie an der Feindbildproduktion in amerikanischen Filmen, die sich mit dem Überfall japanischer Angriffsflieger am 7. Dezember 1941 auf den Marinestützpunkt Pearl Harbor in der Mitte des Pazifiks und mit den terroristischen Selbstmordattentätern auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001 beschäftigen. Der empirische Kern der Arbeit ist zunächst die sorgfältige Analyse dieser Filme. In einem weiteren instruktiven Kapitel zeigt der Autor, wie die Pearl-Harbor-Erinnerung in der Zeit des japanischen Wirtschaftsbooms Anfang der 1990er Jahre als Mittel der Feindbildproduktion aktualisiert wurde (“Ökonomisches Pearl Harbor“). Ein zusätzlicher Beweis für die wirkungsgeschichtliche Bedeutung der Erinnerung an Pearl Harbor findet sich in Tim Weiners Buch über die Geschichte des amerikanischen Inlandsgeheimdienstes FBI: Der berühmt-berüchtigte Direktor J. Edgar Hoover war während der ersten Jahrzehnte des Kalten Krieges von der Möglichkeit eines von der Sowjetunion verursachten „zweiten Pearl Harbors“ geradezu besessen.

Marcel Hartwig geht es nicht in erster Linie um die Interpretation von Pearl Harbor und „9/11“ als Überfällen, als Brüchen der historischen Kontinuität, die sofortige militärische Reaktionen rechtfertigten - den Eintritt in den Zweiten Weltkrieg, die Kriege in Afghanistan und gegen den Irak von Saddam Hussein -, sondern vor allem um die langfristige Funktionalisierung und Einbettung dieser Katastrophen in das historische Gedächtnis der Amerikaner, um ihr Selbstbild zu erhöhen und den sozialen Zusammenhalt der Nation zu fördern. Selbstverständlich sind Feindbilder parteiisch. Sie produzieren immer stark verzerrte Bilder der realen historischen Ereignisse. Nach dem Ende des heroischen Zeitalters sehen sich die Produzenten dieser Bilder in der Regel als Opfer, den Feind als Täter. Wer zum Beispiel auf Hawaii das amerikanische Pearl-Harbor-Museum besucht, erfährt nichts von Hiroshima und Nagasaki. Wer die beiden japanischen Opfer-Städte besucht, erfährt nichts von Pearl Harbor.

Es gibt allerdings noch eine zweite, für den interessierten Leser nicht ganz unproblematische Ebene dieses Buches. Der Verfasser will demonstrieren, dass ihm alles vertraut ist, was seit der kulturalistischen Wende der Geschichtswissenschaft als „Theorie“ verstanden wird. Fast alle Theorien zum kommunikativen und kulturellen Gedächtnis, vor allem auch zur Traumaforschung, werden extensiv und wiederholt vorgestellt. Sie erschweren erheblich als selbstreflexive Elemente des Autors die Lesbarkeit und Zugänglichkeit des Textes. Es hätte genügt, einige seiner theoretischen Prämissen einleitend vorzustellen. Dann wäre möglicherweise dem Leser auch klargeworden, ob die sich wiederholende Erinnerung an Pearl Harbor nun zu einer „Traumatisierung“ der Nation oder ganz im Gegenteil zu einer Konsolidierung der amerikanischen Gesellschaft beigetragen hat. Die Frage im Titel des Buches wird nicht beantwortet, sondern verliert sich im Theorieangebot.

Marcel Hartwig: Die Traumatisierte Nation? „Pearl Harbor“ und „9/11“ als kulturelle Erinnerungen. Transcript Verlag, Bielefeld 2012. 255 S., 29,80 €.

Zur Homepage