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Veröffentlicht: 26.05.2013, 16:00 Uhr

Malte Herwig: Die Flakhelfer Verführte als Überführte?

Malte Herwig geht in seiner wohltuend differenzierten Studie der Frage nach, ob man ohne eigenes Zutun und Wissen NSDAP-Mitglied werden konnte. Und er zweifelt das Interesse der Hitler-Partei an, „Leute ohne deren Wissen als Mitglieder zu führen“.

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© ddp Der NSDAP-Aufnahmeantrag des ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Hans Filbinger, aufgenommen am 18. April 2007 im Bundesarchiv in Berlin

Nur etwa 15 Prozent der Deutschen waren Parteigenossen der NSDAP: „Angesichts dessen klingt es wie blanker Hohn, wenn heute immer wieder kolportiert wird, beim Entschluss zum Parteieintritt habe allein Zwang, nie Opportunismus die entscheidende Rolle gespielt“, meint der Journalist Malte Herwig. Er geht in seiner sehr informativen und wohltuend differenzierten Studie der Frage nach, ob man ohne eigenes Zutun und Wissen NSDAP-Mitglied werden konnte. Und er zweifelt das Interesse der Hitler-Partei an, „Leute ohne deren Wissen als Mitglieder zu führen“. Herwig forschte intensiv in den zehn Millionen Karteikarten der NSDAP; diese kamen 1945 in die Hand der amerikanischen Besatzer und wurden bis 1994 im „Berlin Document Center“ (BDC) verwahrt. Die Übergabe an die Bundesrepublik wurde wohl lange hinausgezögert, nicht zuletzt durch das Auswärtige Amt (AA), dem mit Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher von 1969 bis 1992 gleich zwei FDP-Minister vorstanden, die der NSDAP angehört hatten. Genscher bestritt übrigens stets, als 17-Jähriger 1944 einen Aufnahmeantrag unterschrieben zu haben.

Rainer  Blasius Folgen:

Erst Anfang der siebziger Jahre soll er von der Mitgliedskarte 10.123.636 erfahren und die Information für sich behalten haben: Seine Karte wurde aus der Hauptkartei im BDC „entfernt und verschwand - wie die anderer deutscher Spitzenpolitiker - im Bürosafe des amerikanischen Leiters“. Auch die Ost-Berliner Stasi habe von dieser NSDAP-Mitgliedschaft gewusst. Erst nach der Übergabe des BDC an das Bundesarchiv erfuhr die gesamtdeutsche Öffentlichkeit im Sommer 1994 - zwei Jahre nach dem Rückzug aus dem AA - von Genschers Karteikarte. Der frühere MfS-Offizier Dieter Skiba erläuterte dem Autor, dass für die Stasi die bloße Mitgliedschaft „nicht relevant“ gewesen sei; den „Begriff Nazis“ habe man an der Rolle festgemacht, „die jemand in der Zeit des Faschismus“ spielte. „Beim Umgang mit ehemaligen Nationalsozialisten in den eigenen Reihen waltete in der DDR nüchterner Pragmatismus“, stellt Herwig klar. Jedoch versuchte Ost-Berlin mit den verschiedenen Auflagen des „Braunbuchs“, die politische und administrative Klasse der Bonner Republik zu treffen. Dies veranlasste die Amerikaner, „Informationen über die Nazi-Vergangenheit prominenter Deutscher“ zu separieren - darunter Unterlagen zu Scheel. Zum Ende seiner Bundespräsidentenzeit wurde 1978 bekannt, dass er 1942 Parteigenosse geworden sei. Scheel entgegnete darauf, dass die Mitgliedschaft während seines Militärdienstes geruht habe, dass er sich an einen Aufnahmeantrag nicht erinnern könne. „Mit seiner sonderlichen Ausflucht wies der FDP-Politiker den Weg für alle anderen, die ihre NSDAP-Mitgliedschaft in den nächsten Jahren verharmlosen wollten. Je öfter die Mär von den unwissentlichen Parteimitgliedschaften gebetsmühlenartig wiederholt wurde, desto mehr glauben die Betroffenen selbst daran.“

Prominente „Fälle“ aus den Flakhelfer-Jahrgängen von 1926 bis 1928 diskutiert Herwig - ob nun Ehmke, Henze, Jens, Lenz, Walser oder Wellershoff. Er stellt ihren typischen Pragmatismus heraus, ihre „moralische Last, als Kinder mitgetrommelt zu haben“, ihre großen Verdienste als engagierte Demokraten - und er billigt dem einen oder anderen Zeitzeugen sogar Erinnerungslücken zu. „Mit dem Wissen ist es so eine Sache: Es kann verdrängt werden, verschwiegen oder einfach vergessen“, bilanziert Herwig. Gleichzeitig beklagt er die „Unnachgiebigkeit, mit der wir Deutsche moralische Urteile fällen“. Es gebe - etwa bei Walser - das Schuldgefühl der Untätigen, im „Dritten Reich“ mitgemacht zu haben. Man wollte mit der „Generation der Täterväter“ nicht in einen Topf geworfen werden, fand als Ausweg das Verbergen - frei nach Walsers Motto „Jeder Mensch wird zum Dichter dadurch, dass er nicht sagen darf, was er sagen möchte“.

Kritik übt Herwig an dem Zeitgeschichtler Norbert Frei, jenem längst selbstgefälligen Chef-Erklärer Deutschlands in Sachen Vergangenheitspolitik. Der habe doch 2003 in der „Zeit“ eine Lanze gebrochen für seinen Lehrer und Förderer Martin Broszat, den 1989 verstorbenen Direktor des Münchener Instituts für Zeitgeschichte. Weil damals bekannt wurde, dass auch Broszat als NSDAP-Mitglied geführt worden war, behauptete Frei keck, er halte es für „unwahrscheinlich, dass Martin Broszat von seiner Parteiaufnahme wusste“; in der zweiten Kriegshälfte wären „halbe HJ-Jahrgänge kollektiv in die Partei überführt“ worden. Als Herwig im Jahr 2011 Frei mit dieser Auffassung zitierte, soll dieser erfolglos versucht haben, „per anwaltlicher Klagedrohung eine Unterlassungserklärung und Gegendarstellung zu erreichen“. Die Belege für die steile These von den Überführungen und den „unwissentlichen Mitgliedschaften“ sei Norbert Frei „bis heute schuldig“ geblieben!

Malte Herwig: Die Flakhelfer. Wie aus Hitlers jüngsten Parteimitgliedern Deutschlands führende Demokraten wurden. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 2013. 319 S., 22,99 €.

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