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Veröffentlicht: 30.06.2013, 15:40 Uhr

Hans-Dieter Arntz: Der letzte Judenälteste von Bergen-Belsen Gefährlicher Balanceakt

Judenräte und Judenälteste sind dem Vorwurf der Kollaboration ausgesetzt, ihre Rolle war und ist umstritten.

von Martin Kröger
© dpa Eine Überlebende legt am 15.04.2005 an einem Gedenkstein Blumen nieder

Als der Schrecken vorbei war und die ersten Täter vor Gericht standen, empörte sich Josef Weiss über deren Ausflüchte. „Wir wollen“, schrieb er im Oktober 1945, „keine Rache, aber selbst wenn wir sie wollten, ist Rache für alles, was in Bergen-Belsen, Auschwitz und anderen Lagern geschah, einfach unmöglich. Wir wollen Gerechtigkeit.“ Weiss hatte den Holocaust überlebt, in den Lagern hatte er zu den Funktionshäftlingen gehört, in Bergen-Belsen war er der letzte sogenannte Judenälteste gewesen. In dieser Funktion an der Schnittstelle zwischen den SS-Bewachern und den jüdischen Häftlingen wurde der Mann aus der Voreifel zum Vorbild und zur Hoffnung vieler Mitgefangener. Ihm widmet Hans-Dieter Arntz eine biographische Arbeit.

Weiss (1893-1976) war das Kind jüdischer Viehhändler. Er wuchs in einem Dorf bei Euskirchen im Rheinland auf. Nach Volksschule, kaufmännischer Lehre und Militärzeit, auch als Frontsoldat des Ersten Weltkriegs, arbeitete er als Personalchef eines großen Kaufhauses in Köln. Letzteres machte ihn zum Verwaltungsfachmann. 1933 flüchtete der junge Zionist nach Holland, wo er für den Niederländischen Zionistenbund arbeitete. Er engagierte sich für deutsche Emigranten und half jüdischen Flüchtlingen. Anfang 1942 wurde Weiss zusammen mit seiner Frau und den in Holland geborenen Söhnen im Lager Westerbork inhaftiert. Dort übernahmen die Eheleute die Leitung der Lagerjugend und richteten eine provisorische Schule ein. Bereits hier bewies Weiss sein Organisationstalent, fälschte Listen und rettete Menschen das Leben. Im Januar 1944 kam die Familie mit einem sogenannten Zionistentransport in das Austauschlager Bergen-Belsen - der Vater als „wirtschaftlich wertvoller Jude“. Das KZ bei Celle galt als Aufenthaltslager für Personen, die für einen Austausch vorgesehen waren. Im „Sternlager“ waren das auch Juden, hauptsächlich aus den Niederlanden. Doch wandelte sich der Charakter des Lagers im Verlauf des Jahres 1944, es wurde ein „normales“ Konzentrationslager, für viele ursprüngliche „Austauschjuden“ ein Todeslager.

Anders als in den Vernichtungslagern im Osten richtete die Lagerleitung einen Judenrat ein, der selbständig Belange der „Lagerinsassen“ bearbeitete. Tatsächlich waren die Kompetenzen des Judenrats nur scheinbare. An eine mit Machtbefugnissen ausgestattete Selbstverwaltung war zu keinem Zeitpunkt gedacht. Die SS suchte lediglich nach Mittlern, um den Lageralltag in ihrem Sinne reibungslos zu gestalten. An der Spitze des Rates stand der Judenälteste, zunächst ein korrupter Grieche, der schon in Saloniki mit den Deutschen kollaboriert hatte. Als jener im Dezember 1944 von einem neuen Lagerkommandanten abgesetzt wurde, rückte Weiss auf. Der SS-Verwaltung dürfte der deutschsprechende Weiss unter den Juden verschiedenster Nationalitäten nützlich erschienen sein. Er wurde in der Zeit der bedrückendsten Not für die Häftlinge die wichtigste Ansprechperson der SS. Das galt noch während der Räumungstransporte kurz vor Kriegsende. Weiss verließ das Lager im April mit einem Zug Richtung Theresienstadt und erlebte die Befreiung im brandenburgischen Troebitz, wo seine Frau an Typhus starb.

Judenräte und Judenälteste sind dem Vorwurf der Kollaboration ausgesetzt, ihre Rolle war und ist umstritten. Den problematischen und gefährlichen Balanceakt zwischen den Interessen der inhaftierten Juden und den Ansprüchen der Lagerleitung scheint der letzte Judenälteste von Bergen-Belsen nicht nur ausgehalten zu haben, sondern er hat es in einer Weise getan, die ihm die lebenslange Hochachtung der Überlebenden sicherte. Berühmt wurde sein „Sederabend 1945 in Bergen-Belsen“, ein Bericht über den Vorabend des Pessachfestes im Kinderhaus des Lagers, der heute bei vielen Sederfeiern vorgelesen wird. Historisch bedeutsam wurde Weiss auch, weil er als Leiter der internen Verwaltung zu den wenigen zählte, die später über das Geschehene kompetent berichten konnten. Außerdem hatte er heimlich Totenlisten geführt, die er dem Roten Kreuz übergab.

Das Buch ist keine klassische Biographie, die ihr Material aus Archivquellen schöpft, vielmehr eine Dokumentation. Der Verfasser lässt historische Quellen, retrospektive Äußerungen von Familienmitgliedern und Überlebenden gleichberechtigt zu Wort kommen. Das ist manchmal sprunghaft, mit viel eigenem Erleben bei den Recherchen in Deutschland, Holland, Israel und den Vereinigten Staaten erzählt. Vielleicht ist Arntz’ Buch zu dick geraten, vielleicht wünschte man sich ein Register - das zählt jedoch nichts im Vergleich zu dem was es bietet: ein bislang fehlendes Porträt eines Judenältesten, der - so der Untertitel - „würdig in einer unwürdigen Umgebung“ blieb. Die historische Diskussion um die Funktionshäftlinge wird durch dieses Buch auf eine neue Stufe gehoben.

Hans-Dieter Arntz: Der letzte Judenälteste von Bergen-Belsen. Josef Weiss - würdig in einer unwürdigen Umgebung. Helios Verlag, Aachen 2012. 712 S., 38,- €.

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