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Polen veröffentlicht Aufnahmen aus Tower von Smolensk

Warschau: Beleg für Mitschuld der russischen Fluglotsen

ul. WARSCHAU, 18. Januar. Die polnische Regierung hat am Dienstag Tonaufnahmen veröffentlicht, aus denen nach ihrer Darstellung hervorgeht, dass russisches Flughafenpersonal erhebliche Mitverantwortung für die Flugzeugkatastrophe von Smolensk trägt. Die Aufnahmen stammen nach Darstellung des polnischen Innenministeriums aus dem Kontrollturm des Flughafens Smolensk Sewernyj; dort sind am 10. April 2010 der polnische Präsident Lech Kaczynski, seine Frau und 94 Mitreisende tödlich verunglückt. Die polnische Kommission, welche den Absturz parallel zum russisch dominierten "Zwischenstaatlichen Luftfahrtkomittee" (MAK) untersucht, kommentierte die Veröffentlichung der Gespräche mit den Worten, die russischen Fluglotsen hätten "unter großem Druck handelnd viele Fehler gemacht".

Polen reagiert mit der Veröffentlichung der Aufnahmen auf die Veröffentlichung eines vom MAK verfassten Abschlussberichts in der vergangenen Woche, in welchem die Schuld am Unglück allein der polnischen Seite zugewiesen worden war. Nach dieser Darstellung sind Präsident Kaczynski uns seine Begleiter ums Leben gekommen, weil die Besatzung des Flugzeuges trotz schlechter Sicht wegen dichten Nebels die Landung versuchte.

Der polnische Innenminister Jerzy Miller machte am Dienstag nur ungenaue Angaben darüber, woher die Warschauer Regierung die Tonaufnahmen aus dem Kontrollturm von Smolensk bekommen hat. Er stellte fest, sie seien gewissermaßen "in Heimarbeit" entstanden, weil man von der russischen Seite keine Kopie bekommen habe. "Wir haben uns zweimal mit der Bitte an die russische Seite gewendet, unter Laborbedingungen eine Kopie der Aufnahmen machen zu können", sagte der Minister. "Leider wurde unserem Antrag von der anderen Seite nicht stattgegeben."

Die am Dienstag vorgelegten Tonaufnahmen sollen belegen, dass es auch eine Mitschuld der russischen Seite gab. Aus ihnen scheint hervorzugehen, dass das russische Bodenpersonal früh erkannt hat, wie gefährlich eine Landung bei dem damals in Smolensk herrschenden dichten Nebel und ohne moderne Elektronik war. Die polnische Regierung wies unter anderem darauf hin, dass einer der Fluglotsen schon vor dem Start des polnischen Flugzeuges im Tower gesagt habe, man müsse "den Polen sagen, dass es keinen Sinn hat zu starten". Später fällt im Kontrollturm das Wort, man müsse sich nach einem Ausweichflughafen umsehen, denn Smolensk sei "zugedeckt". Das habe ein im Turm anwesender Oberst dann auch im Gespräch mit dem führenden Offizier so weitergegeben. Später habe derselbe Oberst aber gemeldet, alles sei "bereit" zur Landung. Polnische Kommentatoren hatten schon früh den Verdacht geäußert, die russische Flughafenbesatzung habe sich möglicherweise genötigt gefühlt, die gefährliche Landung zuzulassen, weil die eigene Regierung sich nicht dem Vorwurf aussetzen wollte, sie habe den polnischen Präsidenten an der Landung gehindert. Präsident Kaczynski war an diesem Tag zum Friedhof von Katyn bei Smolensk unterwegs, wo mehrere tausend 1940 vom sowjetischen Geheimdienst ermordete Polen begraben liegen. Ein Landeverbot hätte so aussehen können, als wolle Russland die Erinnerung an dieses sowjetische Verbrechen nicht zulassen.

Schon aus den Aufzeichnungen des Flugschreibers an Bord des verunglückten Flugzeugs war hervorgegangen, dass die Besatzung der polnischen Tupolew 154 mit dem Präsidenten an Bord sich mit dem Flughafenpersonal darüber einig war, einen Landeanflug zu versuchen, obwohl die Sichtweite nur 400 Meter betrug und damit weit weniger als die vorgeschriebenen mindestens 1000 Meter. Man einigte sich darauf, das Flugzeug bis auf 100 Meter sinken zu lassen und dann die Sichtverhältnisse zu prüfen. Die polnische Seite wies darauf hin, dass die russischen Fluglotsen auch diese Abmachung ignoriert hätten. Das Kommando des Kontrollturms, den Landeanflug abzubrechen, sei erst 11 Sekunden nach der Unterschreitung der vereinbarten 100 Meter gekommen, als das Flugzeug im schnellen Sinkflug nur noch 70 Meter Höhe hatte.

Quelle: F.A.Z.

 
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