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Osmanen-Erbe

08.01.2010 ·  In diesem Jahr ist er besonders gefragt, denn die Stadt, mit der er lebt, ist - neben dem ungarischen Pécs und der Ruhrregion - Europäische Kulturhauptstadt 2010. Zwar lockt die Metropole Istanbul auch mit ihrer Modernität, doch ...

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In diesem Jahr ist er besonders gefragt, denn die Stadt, mit der er lebt, ist - neben dem ungarischen Pécs und der Ruhrregion - Europäische Kulturhauptstadt 2010. Zwar lockt die Metropole Istanbul auch mit ihrer Modernität, doch was wäre sie ohne ihr osmanisches Erbe: die großen Moscheen Sinans und anderer Baumeister, die Türben (Grabmäler), die Paläste, Basare, Brunnen und Hamams. Wenn immer irgendwo Auskunft erteilt werden muss über die Geschichte Istanbuls oder des kulturell wie religiös so vielgestaltigen Osmanischen Reiches, ist er zur Stelle: Ilber Ortayli, einer der bekanntesten Historiker der Türkei. Die Osmanen und der Einfluss Preußens/Deutschlands auf die Türkei sind seine Spezialgebiete.

Ilber Ortayli hat ein persönliches Schicksal, wie es für Istanbul kaum typischer sein könnte. Bis heute ist die Stadt nämlich voller Flüchtlinge: aus dem Kaukasus, vom Balkan, aus Mittelasien und Russland. Ortayli wurde in Bregenz geboren, im Jahre 1947, als seine krimtatarische Familie vor den Stalinschen Verfolgungen nach Westen floh und in einem Lager am Bodensee zunächst Schutz fand. Nach der "Heimkehr" in die Türkei erhielt er seine Ausbildung in Istanbul und Ankara, in Wien studierte er dann Slawistik und Orientalistik. Professor Ortayli spricht fließend Deutsch und beherrscht noch viele andere Sprachen, neben den üblichen europäischen auch Arabisch, Persisch und Serbokroatisch. Ähnlich hoch ist die Zahl seiner Gastprofessuren zwischen England und Tunesien, auch an deutschen Hochschulen. Sein Studium beendete er in den Vereinigten Staaten bei Halil Inalcik, dem bedeutendsten türkischen Historiker der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts.

Die Osmanen (heute Osmanoglu) erleben seit Jahren eine nostalgische Wiedergeburt. Die Türken lassen ihnen jetzt mehr historische Gerechtigkeit widerfahren als früher. Es erging und ergeht ihnen ähnlich wie den Habsburgern. Die Dynastie musste - insgesamt 144 Personen umfassend - im Jahre 1924 ins Exil. Erst 1992 konnte das damals letzte Oberhaupt der Familie, Osman Ertugrul, aus Amerika in die Türkei zurückkehren. Er starb 2009 und wurde unter großer Anteilnahme bestattet. Momentan ist der 1924 in Paris geborene Osman Bayezit Oberhaupt, als sein Nachfolger gilt Dündar Aliosman, 1930 in Damaskus auf die Welt gekommen.

Ilber Ortayli hat - neben Inalcik und Murat Bardakçi - nicht wenig zur "Ehrenrettung" der Osmanen und zum Wiedererwachen eines Interesses an diesem Reich, das 600 Jahre bestand, beigetragen. Jene Angehörigen der Osmanen-Familie, die inzwischen wieder in Istanbul leben, müssen dies als ein unverhofftes Geschenk empfinden, denn die Dynastie hatte im Exil kaum Kontakte zu anderen Herrscherhäusern. Ortayli bemüht sich in seinen Büchern, viele Facetten der osmanischen Epoche aufzuzeigen. Dazu gehören auch die Literatur und der Alltag der Menschen, ihre Sitten und Gebräuche, von denen ein Teil überlebt hat.

WOLFGANG GÜNTER LERCH

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