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Ohne Instinkt

15.08.2010 ·  Gäbe es in Stuttgart doch nicht nur diesen einen Pfarrer Johannes Bräuchle, dann könnte Oberbürgermeister Schuster (CDU) einmal tief durchatmen. Der evangelische Geistliche steht nämlich häufig mit einem Plakat am Nordeingang des ...

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Gäbe es in Stuttgart doch nicht nur diesen einen Pfarrer Johannes Bräuchle, dann könnte Oberbürgermeister Schuster (CDU) einmal tief durchatmen. Der evangelische Geistliche steht nämlich häufig mit einem Plakat am Nordeingang des Hauptbahnhofs und versucht, die zahlenmäßig weit überlegenen Stuttgart-21-Gegner umzustimmen. Bräuchle versucht etwas, was dem CDU-Oberbürgermeister nicht gelungen ist. Über Wochen, als die Stimmung in der Stadt immer gereizter wurde, war von Schuster wenig zu hören. Als sein Finanzbürgermeister Föll (CDU) in der Kritik stand, weil er als Wahlbeamter dem Beirat derjenigen Firma angehört hatte, die von der Bahn den Auftrag für den Abriss des Nordflügels bekam, ließ Schuster mitteilen, Föll werde sich nach der Rückkehr aus dem Urlaub äußern. Auch aus Sicht vieler CDU-Mitglieder hätte der Oberbürgermeister gegen die Instinktlosigkeit Fölls schneller vorgehen müssen.

Der 1949 in Ulm geborene Schuster hat für die baden-württembergische Landeshauptstadt viel erreicht: die Neubebauung des Kleinen Schlossplatzes, die Einrichtung des neuen Kunstmuseums, die vielerorts kopierten Projekte zur besseren Integration von Einwanderern. Sogar zur "reformfreudigsten Kommune" Deutschlands ist Stuttgart gewählt worden. Doch seitdem in der Stadt überspannt und mit manch fragwürdigen Argumenten ("Steckt das Geld doch in die Bildung") über das Projekt S21 gestritten wird, geht es in der Kommunalpolitik zu wie im Tollhaus. Schuster kommen enge Mitarbeiter abhanden, in seinem Kreisverband fehlt vorzeigbares Personal, die Grünen wurden dank einer Kampagne gegen S21 im Sommer 2009 stärkste Fraktion im Stadtrat.

Bang schaut die CDU nun auf die Oberbürgermeisterwahl 2012 - Schuster wird wohl nicht mehr zur Verfügung stehen, die Grünen hätten mit einem guten Kandidaten leichtes Spiel. Über Monate dauerte der Streit, ob der grüne Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat, Wölfle, neuer Sozialbürgermeister werden sollte oder nicht. CDU, FDP und Freie Wähler stimmten im ersten Wahlgang für die FDP-Kandidatin Fezer, obwohl die Grünen einen begründeten Anspruch auf den Posten gehabt hatten. Das ist einerseits ein Erfolg für Schusters CDU, andererseits nahmen die Grünen die Ablehnung ihres Kandidaten dankbar als Kriegserklärung an.

1996 und 2004 haben die Stuttgarter Schuster mit relativ dürftigen Ergebnissen gewählt. Seine grünen Gegenkandidaten Schlauch und Palmer bekamen viel Zuspruch. Schuster, der einst bei Ministerpräsident Filbinger und seinem Vorgänger Rommel in die Schule ging, ist nach eigenen Worten "kein Mann fürs Entertainment". Sein größter Fehler war es wohl, den richtigen Zeitpunkt für ein wie auch immer geartetes Bürgervotum über S21 verpasst zu haben - es gab mal eine Mehrheit für den neuen Bahnhof. Schuster ist ein fleißiger Technokrat und Verfasser von Konzepten. Jetzt wäre in der Stadt aber ein intellektuell redlicher Fürsprecher des Projektes vonnöten, der die Gegner mit einem energischen "Höret Se mal" zur Vernunft bekehrt.

RÜDIGER SOLDT

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