15.06.2008 · Merkel ganz europalos auf Rügen / Von Reinhard Müller
BERGEN/BINZ, 15. Juni. "Wenn ihr noch klein seid, könnt ihr besser lernen." Damit meint Bundeskanzlerin Merkel nicht die Iren, sondern eine Gruppe von Kita-Kindern, die ihr in einer Plattenbausiedlung im ansonsten schönen Binz ein paar Ständchen vorträllern. Die Baumeisterin des EU-Reformvertrages erlebt sein Scheitern während eines ihrer häufigen Rügen-Besuche.
Hier liegt seit 1990 ihr Wahlkreis, hier ist sie schon mit Friede Springer gewandert. Am kommenden Sonntag sind hier kommunale Wahlen; einstweilen herrscht hier die recht beliebte Landrätin Kassner von der Linkspartei. Diese ist dabei, als die Kanzlerin am Freitag die Sana-Klinik in der Kreisstadt Bergen besucht. Frau Merkel spricht derart frei und kenntnisreich über die Details des Gesundheitssystems, dass nicht nur Ärzte und Krankenhaus-Manager beeindruckt sind. Frau Kassner, die während der Vogelgrippe-Phase auf der Insel Bundesgesundheitsminister Seehofer föderale Grenzen aufzeigte, nennt den Auftritt der Kanzlerin hinterher "kompetent" und "sehr souverän".
Kein Wort kommt der Kanzlerin in der Klinik zur Abstimmung über den EU-Vertrag in Irland über die Lippen; doch als sie beim Hinausgehen auf negative Hochrechnungen angesprochen wird, klappt sie sogleich ihr Mobiltelefon auf. Wenn man wollte, konnte man freilich schon in den Klinik-Vorträgen zahlreiche Anspielungen auf Europa erkennen: Da ging es um Pathologie, Grund- und Regelversorgung, Notopfer. Es wäre schön, sagt die Kanzlerin, wenn häufiger herausgestellt würde, dass dem System mehr Transparenz guttäte. Die sollte ja der EU-Reformvertrag bringen - aber das sagt sie nicht.
Als sich kurz darauf dessen Scheitern immer deutlicher abzeichnet, drückt die Kanzlerin auf einen dicken roten Knopf: Vor einem Haufen streng riechender Biomasse weiht sie im Gewerbegebiet von Bergen eine Gasanlage ein. Frau Merkel, die gerade noch mit dem scheidenden amerikanischen Präsidenten Bush über das Klima gesprochen hat, sinniert darüber, wie hier die große Politik greifbar wird. Soeben hat der Bundestag ein Gesetz zu erneuerbaren Energien verabschiedet, da kann sie in Bergen schon einen "Boom" solcher Anlagen voraussagen. Die Frage sei doch: "Wie wollen wir leben"? Sie lobt neues Denken im Osten Deutschlands, stellt aber auch klar: Wer eine warme Wohnung haben wolle, dürfe neue Biogas-Anlagen nicht rundweg ablehnen.
Schon in der Klinik hatte sie gemahnt: Forderungen nach einer immer besseren Versorgung und zugleich nach sinkenden Beiträgen, das passe irgendwie nicht zusammen. Ein Hinweis auf die ehrgeizigen Klimaschutzziele der EU darf in Bergen nicht fehlen. Ansonsten wehrt die Kanzlerin alle Fragen ab; schließlich liegt zu diesem Zeitpunkt noch kein amtliches Ergebnis aus Irland vor. Doch sie weiß natürlich, wie ernst die Lage ist. Ihre beiden dunklen Limousinen halten noch im Gewerbegebiet mitten auf der Straße, damit die Kanzlerin ungestört telefonieren kann. Dabei will sie doch noch bei einem Autohaus vorbeischauen.
Auch in der Nähe der Strandpromenade von Binz lässt sie noch einmal für einige Zeit anhalten. Da wartet man beim "Internationalen Bund" schon auf sie, um gemeinsam mit den CDU-Kandidaten für das Bürgermeister- und das Landratsamt über ein Mehrgenerationenprojekt zu sprechen. Als ihr zu Beginn besonders dafür gedankt wird, dass sie hier erscheine, obwohl die "europäische Großwetterlage" wanke, entfährt der Kanzlerin ein "Och nö, die wankt nicht". Manchen im kleinen, rührend hergerichteten Raum kennt sie seit 18 Jahren. Sie stellt viele Fragen, zeigt auch hier eine Präsenz, die nicht aufgesetzt wirkt. Frau Merkel, die gerade eine Bildungsreise durch das Land angekündigt hat, stellt zwischen den älteren Herrschaften fest: "Manchmal ist es mir ein bisschen zu depressiv in Deutschland."
Sie jedenfalls ist "nicht verzagt", wenn es um den Fortgang der Europäischen Union geht, wie sie in einem kurzen Zwiegespräch dann doch noch sagt. "Es muss weitergehen", hatte eine ältere Dame in der Veranstaltung gesagt. Diesen Satz macht sich die Abgeordnete und Kanzlerin auch für den Verfassungsprozess der EU zu eigen. Die Dame hatte allerdings noch hinzugefügt: "Wir müssen über Geld reden." Aber auch das gilt stets ebenso für die EU, die ja auch eine Art Mehrgenerationenhaus ist, mit alten und neuen, starken und schwachen Bewohnern.
Nach Rügen jedenfalls zieht es offensichtlich, wie es zuvor der Geschäftsführer der Sana-Klinik festgestellt hatte, viele Alte, die bis zuletzt gesund bleiben wollen. "Fit in die Grube" laute das Motto. Zunächst versprach er sich und sagte: "Fit in der Grube." Aber auch damit war nicht die EU gemeint.