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Veröffentlicht: 13.10.2010, 16:05 Uhr

Nivellierung der Ansprüche

Neuntklässler bewältigen ohne Probleme eine Zentralabiturarbeit. Was bleibt da von der propagierten Kompetenzorientierung der neuen Bildungsstandards? Von Hans Peter Klein

Der Pisa-Befund über die Effektivität der deutschen Schule wurde zum "Schock" erklärt, der mit einer radikalen Umsteuerung der Bildungspolitik beantwortet wurde. Seither propagieren Pisa-Konsortium und Bildungspolitik eine Wende von der Inhaltsorientierung der bisherigen Lehrpläne (Input) hin zu einer Kompetenzorientierung (Output). Damit soll die Effizienz schulischen Lernens entscheidend gesteigert werden. Entsprechend werden derzeit in allen Bundesländern Bildungsstandards und Kerncurricula eingeführt oder sind bereits eingeführt worden. Die Überfrachtung des schulischen Lernens führe allein zu einer Anhäufung von Wissen, nicht aber des verständnisvollen Lernens, der Voraussetzung dafür, Wissen in Kompetenzen zu überführen. Die Kompetenzorientierung wird mit der Idee einer "Literacy" verknüpft, wonach der Umgang mit Wissen, die Deutung und Bewertung von Sachverhalten und die Problemlösungen in den Vordergrund gerückt werden. Kompetenzorientierung soll die Leistungsfähigkeit der deutschen Schüler so stärken, dass sie bei kommenden Pisa-Tests besser abschneiden.

Die geforderte Neuausrichtung der schulischen Didaktik besteht in einer Stärkung der Methodenorientierung und einer Schwächung der Bedeutung der Inhalte der Fächer. Das in den Schulen vielfach implementierte "Methodentraining" des Heinz Klippert oder der Siegeszug des Präsentierens als Methode sind typische Beispiele für den bereits veränderten Unterricht. Das Lernen von Methoden geschieht weitgehend abgekoppelt von den spezifischen Fachmethoden, auf denen die jeweiligen Wissensbestände in den Fächern aufbauen und die beachtet werden müssen, will man denn überhaupt verstehen, was Wissen zum Wissen macht. Nicht also die Methoden werden gelehrt und angeeignet, die zum Verstehen der Inhalte führen, sondern übergreifende Bearbeitungsweisen vorgegebener Wissensbestände eingeübt. "Präsentationen" von Schülern sind dann gut, wenn multimedial ansprechend Informationen vorgestellt werden, während die Qualität der Information und die Sachkompetenz des Präsentierenden in den Hintergrund treten.

Die damit einhergehende Entfernung des Unterrichts von soliden Fachkenntnissen hat inzwischen in den Schulen als auch in der Wissenschaft eine Gegenreaktion ausgelöst. Inzwischen wird befürchtet, Kompetenzorientierung führe dazu, dass Schüler immer weniger wissen, dabei aber immer souveräner beliebige Inhalte und sich selbst darstellen. Ihren Höhepunkt findet die so umgeformte Leistungsfähigkeit in der Abiturprüfung. Die neuesten Aufgabenformate im Zentralabitur zeigen, wohin Kompetenzorientierung führen kann. Die Aufgaben enthalten mit ihren vielfältigen Materialien informierend bereits alles, was man wissen muss, um die Bearbeitungsaufgaben lösen zu können. Textbearbeitung und Textverarbeitung werden zum Ersatz für solides fachliches Wissen. Musste ein Schüler im Abitur bisher zeigen, was er fachlich gelernt hatte, so geht es nun vor allem darum, den Texten die Sachverhalte zu entnehmen, nach denen die Bearbeitungsaufgaben fragen. Geradezu grotesk mutet es an, wenn behauptet wird, auf diese Weise würden Effizienz und Exzellenz gefördert und immer mehr junge Leute zu immer besseren Abschlüssen geführt. So berichtet "Die Zeit" in ihrer Ausgabe vom 17. Juni dieses Jahres: "Das Gymnasium kann einen beeindruckenden Siegeszug vorweisen. Besuchte in den sechziger Jahren nur jeder siebte 14-Jährige diese Schulart, ist es heute schon jeder dritte. Wer sich dabei um das Leistungsniveau sorgt, der versuche sich einmal an einer aktuellen Abituraufgabe."

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