29.06.2010 · Jahrzehntelang sollen die elf russischen Spione in den Vereinigten Staaten aktiv gewesen sein / Von Matthias Rüb
WASHINGTON, 29. Juni. Was mit dem "Neustart" der amerikanisch-russischen Beziehungen gemeint war, haben die Präsidenten Barack Obama und Dmitrij Medwedjew erst in der vorigen Woche vorgeführt: Hemdsärmelig, fast jungenhaft, aßen sie Hamburger bei "Ray's Hell Burger" in Arlington vor den Toren Washingtons. Obama bestellte den Burger mit Käse, Medwedjew mit Jalapeños. Beide teilten sich eine Portion Pommes frites, die Obama bezahlte. Alle Welt sollte begreifen: Hier kamen keine Widersacher zusammen, sondern Partner, die sich unter den Jubelrufen von Gästen und Passanten wie Kumpel gaben.
Knapp eine Woche später klingt alles anders. Als ob beim Neustart nur das Betriebssystem des Kalten Krieges wieder hochgeladen worden wäre, präsentierte die amerikanische Bundespolizei FBI eine Geschichte, wie sie sich vor Jahr und Tag John LeCarré hätte ausdenken können. Haftrichtern nahe Washington, in Manhattan und bei Boston wurden vier russische Ehepaare sowie zwei weitere Personen vorgeführt, die so uramerikanische Namen tragen wie Richard und Cynthia Murphy, Patricia Mills und Anna Chapman, Juan Lazaro und Vicky Pelaez. Sie alle wurden am Dienstag nach Manhattan überstellt, wo sie sich wegen Spionage, unerlaubter Tätigkeit für eine ausländische Regierung und Geldwäsche verantworten müssen. Im Falle einer Verurteilung drohen, je nach Schwere der individuellen Straftat, fünf bis zwanzig Jahre Haft. Ein elfter Verdächtiger wurde erst am Dienstag am Flughafen der zyprischen Hafenstadt Larnaka festgenommen; er wollte nach Budapest.
Mehr als sieben Jahre lang will das FBI die Gruppe beobachtet haben, die im Rahmen des "Illegalen-Programms" des russischen Geheimdienstes tätig gewesen sein sollen. Unter "Illegalen" versteht man im russischen Jargon Agenten, die mittels falscher Identität möglichst tief ins Alltagsleben ihres "Gastlandes" eindringen, um ihrer als "Zentrum" oder einfach nur "Z" bekannten Dienstzentrale daheim in Moskau wichtige Informationen zu übermitteln. So besaßen die falschen Murphys, Chapmans und Lazaros also schöne Häuser und Autos, machten Karriere bei Reisebüros, Unternehmen oder Hilfsorganisationen und tauchten mit gefälschten Pässen und gestohlenen Identitäten von Toten so tief in die amerikanische Lebenswelt ein, dass Nachbarn und Freunde Stein und Bein schworen, es sei undenkbar, dass die netten Leute vom Schreibtisch oder der Tür nebenan all die Jahre etwas anderes gewesen sein sollen, als sie schienen. Ziele ihrer mutmaßlichen Spionagetätigkeit, die einige der Verdächtigen seit zwei Jahrzehnten zäh vorbereitet haben sollen, waren nach Überzeugung des FBI und der Staatsanwaltschaft unter anderem ein damaliger hoher Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrates im Weißen Haus, ein Fachmann für den Bau bunkerbrechender taktischer Nuklearwaffen im Pentagon, ein New Yorker Banker, Angestellte einer Washingtoner Denkfabrik und ein mächtiger Spendensammler einer in der Anklageschrift nicht genannten Partei. Es gibt Mitschriften abgehörter Telefonate mit Moskau und von Befehlen der Zentrale an die "Illegalen" in Amerika, dazu Videoaufnahmen und Beschreibungen von der hastigen Übergabe von Plastiktüten voller Dokumente oder Bargeld in Parks, U-Bahn-Abgängen oder auf gottverlassenen Landstraßen. Sogar mit Morsesignalen sollen die Mitglieder der Gruppe kommuniziert haben.
Welchen Schaden die mutmaßlichen Spione angerichtet haben, ob sie das "Zentrum" tatsächlich mit wertvollen oder nur mit auch anderweitig zugänglichen Informationen versorgten, ist nicht bekannt. So geduldig die "Illegalen" offenbar ihre falschen amerikanischen Identitäten schufen, ihre Fühler ausstreckten und ihr Netz spannten, so geduldig stellten das FBI und andere amerikanische Dienste die Fallen auf, die sie am vergangenen Sonntag endlich zuschnappen ließen. Der letzte entscheidende Zugriff erfolgte gegen einen Mann mit dem falschen Namen Michael Zottoli und seine Ehefrau, die in Wahrheit auch nicht Patricia Mills heißt. Die Eheleute lebten zuletzt in Arlington - dem Washingtoner Vorort also, in dem vor ein paar Tagen das präsidiale Burgeressen inszeniert wurde. Die beiden legten einen Briefumschlag mit 5000 Dollar Bargeld, der in eine Zeitung gewickelt war, auf eine Parkbank zur Abholung durch ihre Mitverschwörer. Aber das FBI war schneller, nahm zunächst das Geld an sich. Dann wurde beschlossen, die Gruppe zu zerschlagen.