20.11.2008 · Warum das musikalische Zitat in der Popmusik so wichtig ist / Von Matthias Wyssuwa
FRANKFURT, 20. November. Vertraute Töne tanzen immer wieder in neuen Gewändern durch die Hitparaden. Wenn Madonna ihr soundsovieltes Comeback mit der Single "Hung up" einleitet, dann ist es vor allem der treibende Pianopart, der ihr zurück an die Chartspitze hilft. So hat sie ihren Erfolg auch in gewisser Weise Abba zu verdanken, denn der Pianopart stammte aus deren Song "Gimme! Gimme! Gimme!", der den Schweden schon 1979 in vielen Ländern eine Spitzenposition in den Hitparaden bescherte. Madonnas Produzenten sampelten diese Sequenz aus dem Originalsong - sie griffen das Beispiel auf und verwendeten es weiter. "Das Sampeln ist ein ganz elementarer Bestandteil des Komponierens von Musik geworden", sagt Udo Dahmen, künstlerischer Direktor der Popakademie in Mannheim und Vizepräsident des Deutschen Musikrats. Ganze Musikstile wie Hip-Hop und Techno wären kaum ohne die Technik der Wiederverwertung entstanden.
Ein Sample ist dabei jede Art von Musikbruchstück, das bereits aufgenommen und dann in einem neuen Song wieder verwendet wird. "Meist wiederholt man das Stück einfach nur wieder und wieder", sagt Dahmen. Die Wiederholung heißt dann "Loop". Das Bruchstück kann aus einem bekannten Song entnommen sein, wie bei Madonna. Der Musiker kann sich aber auch seine eigenen Samples schaffen. Oder er greift zurück auf "Sample-Libraries" - Datenbanken, in denen Schlagzeugrhythmen oder Gitarrenriffs zur Weiterverwendung gesammelt sind. Beim Sampeln kann man also nicht nur fremde Musiker zitieren - sondern auch sich selbst.
Genau definiert ist das Sample weder in seiner Form noch in seiner Länge. Es kann nur wenige Takte lang sein, es können kurze Tonfolgen oder ein Basslauf gesampelt werden. Aber auch ganze Chorsätze - wie bei dem Song "Hard Knock Life" des amerikanischen Rappers Jay-Z, der einen Kinderchor aus dem Musical "Annie" als Refrain sampelt - können übernommen werden. "Es gibt ein unglaublich breites Spektrum an Möglichkeiten", sagt Sepalot, der mit bürgerlichem Namen Sebastian Weiss heißt und als Musikproduzent und DJ der Münchner Hip-Hop-Gruppe Blumentopf selber viel mit Samples arbeitet. Aber egal welche Form das Sample habe, sagt er, der Künstler müsse immer versuchen, so kreativ mit den Versatzstücken zu arbeiten, dass etwas Neues und Eigenes entsteht. Es sei wie in der bildenden Kunst, sagt Weiss. "Wenn ein Künstler ein Mosaikgemälde aus kleinen fertigen Teilen komponiert, dann schafft er ja doch ein neues Bild." So wird das musikalische Zitat eingebettet in einen fremden Kontext und die Wiederholung schafft das Neue.
Dass das Sampeln immer populärer wurde, hat auch mit der technischen Entwicklung zu tun. In der Anfangszeit, den achtziger Jahren, waren es vor allem Hip-Hop-Künstler, die mit hoher Fingerfertigkeit ihren Platten die Samples abgerungen hatten, oft einfach, um die Leerstellen zwischen den Songs zu füllen. Der gängige Handgriff, um die Samples in Szene zu setzen, war und ist das vinylfressende "scratchen", also das Bremsen und Beschleunigen der Schallplatten mit den Händen. Als alternative Technik für das Sampeln konnten Musiker nur auf komplizierte Verfahren mit Tonspurgeräten oder Computern zurückgreifen, die damals noch kaum zu bezahlen waren. Heute aber reichen schon normale Computer und einfachste Software-Programme, die mit ein wenig Google-Hilfe auch kostenlos im Internet zu finden sind, um Songs zu sezieren und einen musikalischen Flickenteppich aus Zitaten zu knüpfen.
Doch auch wenn der Weg zum Sampeln einfacher geworden ist, so sei doch die Technik auf keinen Fall als geringere kreative Leistung zu verstehen als das zitatfreie Komponieren von Songs, sagt Weiss: "Das Sample ist nur eine Inspirationsquelle, wie es viele gibt." Und wenn der Künstler keine Idee habe, dann könne er auch mit einem Sample nichts anfangen. Dann würde am Ende nur eine Wiederholung des Originals entstehen. Ähnlich sieht es auch Dahmen. Die Bedeutung des Samples dürfe nicht unterschätzt werden. Es habe die Entwicklung der Musik ein "ganz großes Stück weitergebracht".