25.02.2010 · Afghanistan und Pakistan im Zentrum des südwestasiatischen Gleichgewichts / Von Lothar Rühl
Die als "Neue Strategie" proklamierte Kraftanstrengung der Alliierten in Afghanistan ist eine Neuauflage des vom Nordatlantikrat 2007 in Riga beschlossenen Konzepts für eine integrierte Gesamtstrategie militärischer, wirtschaftlicher und anderer ziviler Aktionen. Alles, was vor kurzem in London verkündet wurde, steht schon seit drei Jahren auf der Afghanistan-Agenda. Es wurde nur nicht angemessen und konsequent angewendet.
Zudem besteht noch immer ein Widerspruch zwischen den taktisch-operativen Möglichkeiten und dem strategischen Zweck: Die Gefechte können nicht immer fern von der Bevölkerung geführt werden, um diese zu schonen. Die Aufständischen greifen Ortschaften und nahe bei Dörfern gelegene militärische Posten oder Polizeistationen an. Die Taktik, "im Feld Präsenz und Engagement zu zeigen", den Feind anzugreifen, zu verfolgen und kampfunfähig zu machen, statt ihn nur abzudrängen, wird schon seit Jahren angewandt. Sie ist ein hohes Risiko für die Truppe und bringt Verluste mit sich; es gelingt auch nicht immer, "Zivilisten" zu schonen, zumal die Taliban Dörfer beherrschen und deren Einwohner als Schutzschilde benutzen.
Die politisch-militärische Strategie hat deshalb enge Grenzen, wo der Aufstand stark und aggressiv ist. Es fehlen Truppen für die Sicherung und Ausbildung der Afghanen, und es mangelt an Kampftruppen sowie insgesamt an taktischen und operativen Reserven. Dies gilt vor allem für luftverlegefähige Einheiten in Hubschraubern und für Kampfhubschrauber, die Ziele präziser aufspüren, verfolgen und angreifen können als Jagdbomber. Mit Ausnahme der amerikanischen Truppen haben die Alliierten bei weitem zu wenig geeignete Hubschrauber, Panzerfahrzeuge und Aufklärungsmittel. Das neue Bundestagsmandat für das deutsche Isaf-Kontingent ändert daran nichts. Auch der Schwerpunkt Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte kann die Lage nicht grundlegend ändern, solange nicht geeignete Ausrüstung und Transportmittel verfügbar sind.
Die Verantwortung für diese Mängel und das Manko im Zusammenwirken von zivilen Kräften und Militär liegen innerhalb der Regierungen an mangelnder politischer Koordination; in der Nato gibt es den überdimensionierten Apparat mit fünf an der Führung der Truppen in Afghanistan beteiligten Oberkommandos, davon allein zwei in Kabul, und eine noch größere Zahl von Zwischenebenen. Operative Entscheidungen können deshalb nur verzögert getroffen werden, und Befehle werden von Ebene zu Ebene weitergereicht, oft zu langsam.
Ein jüngst veröffentlichter Untersuchungsbericht über einen Überfall auf einen amerikanischen Stützpunkt im Osten des Landes im Oktober 2009, bei dem 22 Soldaten verwundet, acht getötet und das Munitionsdepot von den Angreifern erobert wurde, zeigt: Es dauerte sechs Stunden nach dem Hilferuf, bis die Luft-Boden-Unterstützung mit Hubschraubern und Jagdbombern eingriff, und 13 Stunden, bis die Schnelle Reaktionseinheit zu Lande eintraf. Die Angreifer brannten das vom Stützpunkt geschützte Dorf Kamdesh, aus dem sie zuvor die Einwohner vertrieben hatten, samt der Polizeistation nieder. Der Stützpunkt, ein Außenposten, war in den fünf Monaten zuvor 47 Mal angegriffen worden. Nach dem Überfall wurde er als militärisch unbedeutend aufgegeben.
Hinzu kommt: Für eine Beendigung des Krieges in Afghanistan, der aus dem westpakistanischen Grenzgebiet heraus geführt und von den Amerikanern wie von den Islamisten über die Grenze hinweg mit Nachschub und Verstärkungen unterstützt wird, muss das "Problem Pakistan" gelöst werden. Ein ranghoher europäischer Diplomat, dessen Land ein bedeutendes Truppenkontingent in Afghanistan stellt, sprach kürzlich von Pakistan als seinem "allnächtlichen Albtraum". Dessen Inhalt: Der pakistanische Staat bricht unter der Last des amerikanischen Krieges im Grenzgebiet und unter dem wachsenden Druck der Islamisten auf die Regierung zusammen, mit dem Risiko, dass das Militär die Kontrolle über die Kernwaffen und das nukleartechnische Potential verliert.
Pakistan ist ein Unsicherheitsfaktor, weil es Verbündeter Amerikas in Südwestasien, Klient Chinas und verunsicherter Nachbar Indiens mit dem historischen Ursprungskonflikt über das geteilte Kaschmir ist. Seine langjährige Einmischung in die afghanischen Wirren stellt das größte Problem für die angestrebte "regionale Lösung" zur Beendigung des afghanischen Krieges dar.
Amerika ist logistisch-strategisch von Pakistan abhängig für seinen militärischen Nachschub nach Afghanistan. Zurzeit wird versucht, diese Abhängigkeit durch neue Nachschubwege aus Zentralasien und eine Verständigung mit Moskau über die Nutzung Russlands für die logistische Verbindung nach Europa zu mindern. Doch eine solche strategisch bedeutsame Schwerpunktverlagerung verringert den Einfluss Pakistans auf Afghanistan, damit auch die Verbindung zu Amerika, was wiederum die pakistanische Position gegenüber Indien schwächen und den Nutzwert Pakistans für China beeinträchtigen kann.
Das Kräftespiel zwischen Amerika, Indien, China und Russland gilt deshalb trotz der Zielkonflikte und Gegensätze auch als die einzige relativ tragfähige Basis für eine "regionale Lösung" des afghanischen Konflikts und für eine Erhaltung der Stabilität Pakistans.
Für Pakistan und dessen Militärführung ist die Lage im Ansatz die eines Zweifrontenkrieges: in Kaschmir gegenüber Indien, im Westen an der Grenze zu Afghanistan. Die Kräfte müssen geteilt werden, und Kaschmir ist die nationale Priorität. Die Taliban in Afghanistan waren in dieser Situation eine entlastende Hilfskraft, die man auch nach dem Rückzug der Sowjetarmee aus Afghanistan unterstützte, wie man während der sowjetrussischen Intervention die Mudschahedin unterstützt hatte. Heute hat das Problem sich politisch verändert, denn die Taliban schwächen Pakistan und geben keine Vorhutdeckung vor der Westgrenze mehr. Deshalb ist die Zusammenarbeit mit Amerika für die Sicherheit Pakistans wichtig. Doch das befördert innenpolitische Widerstände und den Druck der Islamisten. In dieser Kombination liegt das gefürchtete Explosionsrisiko.